Rückkehr der Eigenverantwortung

Lena Böhm
Stefan Selke

Stefan Selke

Der Soziologe forscht über Armutsökonomie, technische Assistenzsysteme für ältere Menschen und digitale Lebensprotokolle.
www.stefan-selke.de

Welche Auswirkungen hat die rasante technologische Entwicklung auf Ihr persönliches Leben?
Ohne Internet als Fenster zur Welt kann ich zwar leben, aber kaum noch arbeiten. Das wurde mir im letzten Urlaub bewusst, als plötzlich die digitale Nabelschnur durchtrennt wurde, ich aber noch einen Antrag für ein Forschungsprojekt abgeben musste. Persönlich nutze ich Facebook und schreibe ein Blog. Mit gefällt dabei das „kleine Format“ des Blogs – es muss ja nicht immer gleich ein Artikel oder ein Buch sein. Gleichzeitig verdeutlicht dies aber auch das große Rauschen, weil ja so viele „kleine Formate“ innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie miteinander konkurrieren. Insgesamt hat sich bei mir eine neue Informationskultur herausgebildet, die ich „informierte Ignoranz“ nenne. Ich glaube, dass dies die einzige Möglichkeit ist, der Daten- und Informationsflut gerecht zu werden. Störend finde ich grundsätzlich, dass die Maschinenversteher (Entwickler von Technologien) fast nie Menschenversteher sind – das merkt man dann daran, dass viele Technologien sperrig und wenig lebensdienlich sind. Nicht jeder ist ein Nerd und hat Spaß an ewigen System-Updates und Rekonfigurationen. Ach ja, und ich kann heute kaum noch die Handschrift von meinen Studierenden lesen, deshalb habe ich auf E-Klausuren umgestellt, die werden am Computer geschrieben – ohne Zugang zum Internet.

Wie wird sich unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach in absehbarer Zeit durch technischen und medizinischen Fortschritt verändern?
Viele Menschen träumen von der „Rückkehr ins Paradies“, einer Welt ohne Leid, Schmerz und Tod. Technologen, die nach neuen Märkten schielen, sind besonders gut darin, diese Suggestion zu verstärken. Dazu werden dann Topoi wie Sicherheit oder Selbstbestimmtheit bemüht. Letztlich sind das aber Rationalitätsmythen. Wir werden zunehmend in einer versachlichten Realität leben, die sich durch drei Entwicklungen auszeichnet: die Entgrenzung humaner Standards, das Auftauchen immer neuer „smarter“ Ideologien und die Mystifizierung des Quantitativen und vermeintlich Objektiven. Auf dieser Basis werden die neuen Technologien zu neuen Regulierungsformen des Sozialen führen. Auch das lässt sich anhand von wenigen Stichworten skizzieren: Rückkehr der Eigenverantwortung und des individuellen Schuldprinzips mit der Folge der Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die fundamentale Grundparadoxie besteht darin, dass ausgerechnet die moderne Technologie eine gravierende Nebenfolge hat: Sie bringt uns wieder in die Vormoderne zurück. Schicksal wird nun technologisch ausbuchstabiert.

Welche Erwartungen für die Verwirklichung von Inklusion – positive wie negative – knüpfen Sie an die weitere technologische Entwicklung?
In einer Gesellschaft, die immer nur nach den Gewinnern fragt, entsteht eine kollektive Blindheit für die Tatsache, dass jede Entwicklung auch Verlierer hat. Diesen Verlust umschreibe ich mit dem Begriff „Rationale Diskriminierung“. Durch vermeintlich sachliche Technologien, die rational arbeiten und objektive Kennwerte erzeugen, werden Menschen auf eine völlig neue Art und Weise sozial (aus-)sortiert. Das wirkt jeder Bemühung um Inklusion komplett entgegen, weil es einen Trend hin zu einer verhaltenskonformen, nivellierten Normalgesellschaft fördert. Letztlich entstehen dabei „Nützliche“ und „Entbehrliche“ wie im Roman „Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist. Mir geht es dabei vor allem um Technologien, die Daten über Menschen erzeugen, die dann handlungswirksam werden: Daten für Taten. Daten sind aber nie neutral – Daten übersetzen Erwartungen, sie sind also normativ. Und wer diesen Normen nicht entspricht, wird zum „digitalen Versager“.

Welche Erfindung würden Sie sich für die nächsten zehn Jahre wünschen und welche fürchten Sie?
Ich fürchte das Auftreten der totalen Entscheidungsmaschine. Entscheidungen sind etwas zutiefst Menschliches. Wenn aber zunehmend Programme entstehen, deren Zweck darin besteht, uns Entscheidungen abzunehmen, dann sehe ich darin keine Erleichterung, sondern eine Entgrenzung des Menschlichen. Bislang gibt es nur partielle Entscheidungsmaschinen. Schlimm wird es, wenn diese zusammenwachsen und so eine Dystopie entstehen lassen.

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