Das Internet prägt meine Ethik

Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e. V.
Jörg Blumtritt

Jörg Blumtritt

Mit seinem Start-up Datarella bietet der Politikwissenschaftler und Statistiker Beratung und Forschung in Data Science und Mobile Analytics an.
www.datarella.de

Welche Auswirkungen hat die rasante technologische Entwicklung auf Ihr persönliches Leben?
Das Internet ist die Technologie mit wesentlichem Einfluss auf mein Leben. Das Netz spielt dabei für mich drei wesentliche Rollen. Als Erstes ist es ist der zentrale Ort meiner „Wissensarbeit“; meine Recherche, Forschungen, alles, was mit Information zu tun hat, ist durch das Netz überhaupt erst möglich. Zum Zweiten prägt es meine Kultur. Das Netz mit seinem unglaublichen Kosmopolitismus einerseits und seinen extremen Nischen für jede Facette meiner Interessen andererseits prägt meine Vorlieben, meine Sprache und sogar meine Ethik. Zum Dritten die Vernetzung. Viele meiner engsten Freunde habe ich in Social Networks kennengelernt: etwa meine Koautorin Sabria David, mit der ich das Slow-Media-Manifest geschrieben habe, oder auch Michael Reuter, mit dem ich meine Firma Datarella gegründet habe – beide habe ich über Twitter kennengelernt. Das Smartphone ist die Technologie, mit der ich das Internet primär nutze; ich kaufe Fahrkarten und Flugtickets damit, ich orientiere mich, und die meisten Bücher lese ich inzwischen auf dem Display meines Smartphones.

Wie wird sich unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach in absehbarer Zeit durch technischen und medizinischen Fortschritt verändern?
Wearable Technology, also vernetzte Technologie, die wir direkt am Körper tragen, angefangen mit unseren Smartphones über Smartwatches bis zu hoch spezialisierten medizinischen Monitoren und „intelligenten Textilien“, wird unsere Sicht auf Gesundheitsdaten radikal verändern. Statt punktuellen Momentaufnahmen bei den seltenen Untersuchungen können wir kontinuierlich Daten über unsere Gesundheit liefern. Damit ist nicht nur die Entwicklung unserer individuellen Gesundheit plötzlich für unsere Ärzte, Pflegekräfte, Familienangehörigen oder uns selbst besser sichtbar, auch für die Forschung liegt eine „Krankengeschichte“, reich an Daten, zukünftig nicht nur dann vor, nachdem die Symptome aufgetreten sind.
Die Kehrseiten dieser Entwicklung: Jeder Mensch wird immer stärker selbstverantwortlich für seine Gesundheit – und die Gesellschaft wird uns auch verantwortlich machen! Gesundheitsschädliches Verhalten wird zunehmend weniger geduldet werden. Aber nicht jeder Mensch wird diesen gestiegenen Ansprüchen gerecht werden können. Fitnessprogramme helfen zunächst denen, die ohnehin wenige Probleme haben, sich fit zu halten.
Der „liberale Fehlschluss“ bedeutet: „Jeder ist selbst seines Glückes Schmied“. Auf der anderen Seite wächst die Kontrolle. Versicherungen bieten bereits Belohnungen an, wenn wir unsere Gesundheit tracken. Und wenn wir uns selbst via Wearables und Fitnessanwendungen überwachen und kontrollieren können, wird der Druck wachsen, diese Daten mit anderen zu teilen. Wer nicht teilt, wird sofort verdächtigt, etwas zu verbergen. „Liberaler Fehlschluss“ und die „Kultur der Überwachung“ gehen Hand in Hand.
Wearable Technology verspricht also großartige Möglichkeiten, unser Leben und die Gesundheit zu verbessern, aber nur, wenn es uns gelingt, unsere Gesellschaft solidarisch und inklusiv weiterzuentwickeln.

Welche Erwartungen für die Verwirklichung von Inklusion – positive wie negative – knüpfen Sie an die weitere technologische Entwicklung?
Zunächst hilft die technologische Entwicklung bei der Inklusion. Rollstühle mit besserer Batterielaufzeit, Implantate und Prothesen, die mit den Nerven verbunden sind, Augmented Reality, die fehlende Informationen über die „Realität“ einblendet – das sind Beispiele für Entwicklungen, die schon heute Menschen helfen können. Je mehr Menschen durch Technologie geholfen wird, desto schwieriger wird die Situation für diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – davon nicht profitieren. Wenn durch Technologie viele Behinderungen scheinbar zum verschwinden gebracht werden, ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, dass die Gesellschaft den Druck zur pränatalen Diagnostik noch erhöht, dass Eltern von behinderten Kindern noch stärker verantwortlich gemacht werden und dass die Gesellschaft Menschen, denen nicht durch Technologie geholfen werden kann, die Euthanasie nahelegt. Leider ist diese Horrorvorstellung eines modernen Faschismus überhaupt nicht weit hergeholt.
Inklusion muss also den Weg zu einer Gesellschaft und einer Kultur bereiten, in der alle Menschen immer akzeptiert sind, ganz gleich, wie sie aussehen, wie sie leben wollen, was sie leisten können oder welche Unterstützung sie brauchen. Je selbstverständlicher Inklusion in jedem Lebensbereich ist, umso leichter wird es, die Inklusion auch dann noch aufrechtzuerhalten, wenn durch Technologie viele Probleme scheinbar gelöst sind.

Welche Erfindung würden Sie sich für die nächsten zehn Jahre wünschen, welche fürchten Sie?
Ich wünsche mir:

  • 3-D-gedruckte oder gentechnisch nachwachsende Organe,
  •  mikrobielle oder nanoskopische Wirkstoffe gegen Krebs und andere Krankheiten,
  • intelligente Prothesen, Exoskelette mit langer Batterielaufzeit,
  •  neue Antibiotika.

Ich fürchte:

  • verpflichtende Gentests, pränatale Diagnostik und Euthanasie.
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