Wie lernen wir morgen?

Hat der Frontalunterricht ausgedient? Bereitet uns die Schule gut aufs Leben vor? Sorina Lungu und Max Kreul vom Jugendbeirat der Aktion Mensch befragten den Bildungsexperten Dr. Karl-Heinz Imhäuser zur Bildung der Zukunft
 

zwei Jugendliche interviewen Bildungsexperten

Fotos Ayse Tasci-Steinebach (m)

Mark Twain hat einmal gesagt: „Für mich gibt es Wichtigeres im Leben als die Schule.“ Was sagen Sie dazu?

Ich stimme zu – und widerspreche gleichzeitig. Ich antworte am besten mit einem Zitat von Heinz von Förster. Er hat sich selbst als „undiszipliniertesten Menschen im Wissenschaftsbereich“ bezeichnet, weil er über einzelne Disziplinen hinausgedacht hat. Er war Physiker, Kybernetiker und Sprachphilosoph gleichzeitig. Ihn interessierte zum Beispiel „Das Auge“ und nicht das Fach Chemie oder Biologie. Diese Art zu denken, gefällt mir gut. Im Moment tun wir so, als hätte das eine Fach wenig mit dem anderen zu tun. Ich glaube, diese Art von Schule hat Mark Twain gemeint. Insofern stimme ich ihm zu. Auf der anderen Seite denke ich gerne darüber nach, was der Ort Schule für junge Menschen und für eine Gesellschaft bedeuten kann. Als ein Ort, an dem man wichtige Dinge des Lebens im Austausch mit anderen erlernt.

Dr. Karl-Heinz Imhäuser ist Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Die Stiftung unterstützt inklusive Initiativen, die zu einer neuen Bildungslandschaft beitragen sollen. Dr. Karl-Heinz Imhäuser war 20 Jahre lang als Lehrer an verschiedenen Schulen tätig.

Sie sagen, Schule sei ein Ort. Müssen wir denn an einem Ort lernen, oder kann das Lernen nicht auch ganz woanders stattfinden?

Beides. Für mich ist die Schule der Zukunft ein Melting Pot, ein Ort, an dem wir gemeinsam ein „soziales Kapital“ entwickeln. An dem wir verstehen, dass wir verschieden und voneinander abhängig sind. Das Begreifen von Vielfalt, Kompetenzen, Begabungen und Beeinträchtigungen macht diesen Ort aus. Dort lernen wir, was ein Gemeinwesen ausmacht, warum es sich lohnt, aufeinander zu hören, miteinander zu streiten, gemeinsam eine Gesellschaft zu entwickeln. In diesem Sinne ist Schule für mich ein Ort. Nur bestimmte Inhalte in einem bestimmten Gebäude zu vermitteln – das ist zu wenig. Das kann man auch woanders lernen, vor allem im Internetzeitalter, wo so gut wie alle Informationen jederzeit abrufbar sind.

 

Wie sollte sich Ihrer Meinung nach das Lernen auch außerhalb der Schule verändern?

Ich würde gerne den Begriff der Schule ganz abschaffen und in Zukunft lieber von inklusiven ganztägigen Bildungseinrichtungen sprechen. Die das beinhalten, was heute Schule ist, aber noch viel mehr sind. Mit Kultur, Musik und Sport, mit Angeboten, die durch Volkshochschulen und andere Träger dort mit hineingebracht werden. Nicht nur für die Schüler, sondern für alle Menschen eines Quartiers. Wo von morgens 8 Uhr bis abends 22 Uhr Leben in der Bude ist. Wo viel stattfindet, was mit dem Leben und den Interessen der Kinder und Jugendlichen zu tun hat. Ich glaube, solche Orte zu kreieren, wäre spannend. Für Kinder und Jugendliche – und für Menschen aus der Nachbarschaft, die hier zusammenkommen können.

 

Wie müssen die Schulen der Zukunft ausgestattet sein, um wirklich inklusiv zu sein?

Bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft versuchen wir, Antworten auf diese Frage zu finden. Man könnte ganz formal an die Sache herangehen und sich an die Richtlinien für öffentliche Gebäude halten. Aber ich denke, dieses Mindestmaß an Vorschriften ist zu wenig. Oft wird einzig an Menschen mit Behinderung, vor allem an solche im Rollstuhl, gedacht. Aber im Laufe eines Lebens können wir alle, zumindest zeitweise, mit ganz unterschiedlichen Arten von Behinderung zu tun haben. Eine Person mit Kinderwagen, ein Mensch nach einem Skiunfall mit Gipsbein oder ein älterer Mensch, der einen Rollator braucht, stehen zum Beispiel plötzlich vor der gleichen Situation wie dauerhaft behinderte Menschen. Barrierefreiheit ist etwas, das allen nutzt. Das muss man zunächst einmal begreifbar machen. Und dann müssen wir eine Agenda aufsetzen, wie man alle Schulen innerhalb der nächsten zehn Jahre barrierefrei machen kann. Und zwar umfassend, Barrierefreiheit jenseits der Behindertenrampe. Das heißt zum Beispiel, die Barrieren, die durch Armut und das nicht gelingende Auffangen dieser gesellschaftlichen Risiken in unseren Bildungseinrichtungen existieren, endlich anzugehen.

Die 15-jährige Sorina Lungu besucht das Gymnasium in Erlensee. Sie engagiert sich im Jugendbeirat der Aktion Mensch und hat schon viel Erfahrung in journalistischen Projekten gesammelt. Unter anderem startete sie die Jugendzeitung „JuliE – Jugend liest Erlensee“.

Die Schule barrierefrei zu machen, ist ja die eine Seite. Aber wenn nun Schüler mit Behinderung zum ersten Mal in eine „normale“ Schule kommen, dann wissen viele gar nicht, wie sie damit umgehen sollen. Was muss man tun, damit der Übergang gelingt?

Man muss schlicht anfangen. Ich bin 20 Jahre lang Lehrer gewesen, unter anderem auch an einer Förderschule. Dann habe ich Ende der 1990er-Jahre bei einem Schulversuch in Berlin mitgemacht, bei dem es darum ging, Schüler mit geistiger Behinderung in die Oberstufe einer Regelschule zu integrieren. Niemand hatte so etwas zuvor in diesem Umfang gemacht, und schon damals standen wir vor den gleichen Fragen wie heute: So was haben wie noch nie gemacht! Wie soll das gehen? Unsere Schule ist nicht barrierefrei und überhaupt nicht auf diese Spannbreite so unterschiedlicher Schüler vorbereitet! Natürlich kann man nicht sofort alle Fragen lösen und alle Menschen dafür begeistern. Aber wir waren eine motivierte Gruppe und hatten Lust dazu, es zu versuchen. Und es hat funktioniert. Das ist auch heute ganz wichtig: In jeder Schule ein paar Leute zu finden, die mitmachen und es wagen wollen. Deshalb qualifizieren wir von der Montag Stiftung zurzeit Menschen, die Schulen und Kommunen zum Thema Inklusion beraten können.

 

Erstklässler freuen sich meistens auf die Schule und sind sehr motiviert. Aber irgendwann haben viele Schüler überhaupt keine Lust mehr. Warum ist das so?

Ich bin mir sicher, dass ihr das genauso gut selbst sagen könntet, aber ich will mich nicht vor einer Antwort drücken. Es gibt in jeder Schule Lehrer, die den Kindern den Spaß am Lernen nicht vermiesen wollen. Von denen müssen wir lernen. Natürlich gibt es an vielen Schulen Probleme. Aber aus meiner eigenen Biografie heraus weiß ich, wie toll es ist, den Ort Schule mit dem eigenen Spaß an der Sache zu beseelen und für die Kinder und Jugendlichen in diesem begeisternden Sinne das Lernen zu organisieren. Wenn ich schon das Wort „Klasse“ höre, habe ich Schwierigkeiten. In eine Klasse steckt man die Birnen, in die andere die Äpfel – und alle sehen gleich aus. Das ist die Idee der Homogenität. Und die, die nicht reinpassen, fliegen eben raus. Jedes Kind ist aber einzigartig. Deshalb müssen wir Klassen abschaffen, diese sind eine Idee von gestern.

Der Dortmunder Max Kreul besucht zurzeit das Hellweg Berufskolleg und macht dort sein Fachabitur mit dem Schwerpunkt technik. Ein kurzes Video über den 17-Jährigen ist auch bei jam.aktion-mensch.de, dem jungen Onlineangebot der Aktion Mensch, abrufbar.

Was bedeutet denn für Sie Lernen?

Jeder Mensch lernt anders – am liebsten im Austausch mit anderen. Mein Lieblingsbeispiel für gemeinsames Lernen ist die Pfütze als Forschungsprojekt. Für den Erstklässler ist es vielleicht interessant, mit einer Lupe die Mikroorganismen im Wasser zu zählen. Der Zehntklässler nimmt vielleicht eine Probe, geht ins nächste Forschungslabor und untersucht unter dem Rastertunnelmikroskop das Wasser auf einer ganz anderen Ebene. In der Lernergemeinschaft wird dann vorgestellt, was jeder in der Pfütze gesehen hat. Ich glaube, dass diese Form von interesse­geleiteten eigenen Arbeiten an einem gemeinsamen Projekt sehr spannend ist.

 

Eine Frage zum Übergang von Schule zum Beruf: Schüler sagen oft, dass sie sich durch die Schule nicht auf das Leben vorbereitet fühlen. Was sagen Sie dazu?

Ich würde lieber in einen Dialog eintreten. Was ist das Leben? Das ist so viel! Auf alles kann man gar nicht vorbereitet sein. Da wäre die Schule überfordert. Worum geht es also genau? Darum, ein Konto zu eröffnen? Eine Versicherung abzuschließen? An der Börse zu handeln? Meine persönliche Meinung ist, dass Schule vor allem gut vorbereiten muss auf Themen wie Demokratie, Zusammenleben mit Minderheiten und mit Menschen, die anders denken. Dass man dort Beteiligung im Kleinen erprobt, um aufs Große vorbereitet zu sein.

 

Zum Abschluss noch ein Zitat: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben.“

Dem kann ich nur zustimmen. Wenn ich heute Abend nach Hause gehe, werde ich keine Strichliste machen, was ich heute alles gelernt habe. Sondern ich werde mit dem Gefühl nach Hause gehen, zwei spannende junge Menschen kennengelernt zu haben, die mir interessante Fragen gestellt haben. Das hat mich gebildet und war eine tolle Begegnung. Vielen Dank dafür!


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