Inklusive Zahnarztpraxis

Mit einer Handbewegung ist alles gesagt. „Den Sauger, bitte“, meint die Zahnärztin, als sie die rechte Hand vom Kinn weg nach vorne zieht. Die Helferin legt dem Patienten einen kleinen Schlauch in den Mundwinkel. Dann die Füllung. Die Spitzen von Zeigefinger und Daumen treffen sich, formen eine Kugel; die Helferin reicht der Ärztin ein Klümpchen Kunststoff und den Spatel. Alles geht ganz rasch, ohne Worte, mit wenigen Blicken.

Zahnärztin Marianela Schuler von Alarcón (links) im Gespräch mit einem gehörlosen Patienten.

Gebärdensprache hat sich Marianela Schuler von Alarcón selbst beigebracht.

Text: Eva Keller
Fotos: Isadora Tast

„Die Gebärden sind wie geschaffen für diese Arbeit“, sagt Marianela Schuler von Alarcón, nachdem sie ihren Mundschutz unter das Kinn gezogen hat: „Außerdem haben gehörlose Menschen einen sehr genauen Blick. Meine Helferinnen wissen immer, was als nächstes zu tun ist, und reagieren sofort.“

Die Hamburger Zahnärztin Marianela Schuler von Alarcón behandelt ihre Patienten in drei Sprachen. Spanisch ist ihre Muttersprache, Deutsch hat sie gelernt, als sie zum Studium nach Hamburg kam. Die deutsche Gebärdensprache bringt sie sich seit vier Jahren selbst bei. Ein gehörloser Freund hatte ihr bewusst gemacht, wie ausgeschlossen die Gehörlosen von der Welt der Hörenden oft sind. Und dieses Gefühl, isoliert und hilflos zu sein, kennt sie selbst aus ihrer ersten Zeit in Deutschland, als sie sich nur schwer verständigen konnte.

Innerhalb der Praxisräume ist die Welt nun so, wie sie sich die Medizinerin auch draußen wünscht: Gehörlose und hörende Patienten sitzen miteinander im Wartezimmer. Und weil Hörende immer wieder nachfragen, wie sie „Danke“ und „Auf Wiedersehen“ gebärden können, laufen über einen Bildschirm kurze Filme mit den wichtigsten Begriffen in Gebärdensprache. Im Praxisteam arbeiten zwei gehörlose mit fünf hörenden Frauen zusammen. Sie lernen die Gebärdensprache – das war Marianela von Schuler Alarcóns Bedingung, als sie die Praxis im Herbst 2013 eröffnet hat.

Ein gutes Team: Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcón (rechts) und die Auszubildende Kinga Ostrowski

Wer den ganzen Tag in eine Fremdsprache eintaucht, lernt schnell. Das gilt auch für die Zahnarzthelferinnen in der Hamburger Böttgerstraße. Ihre Kenntnisse reichen in jedem Fall, um den gehörlosen Patienten Sicherheit zu geben und sich mit den beiden gehörlosen Azubis zu verständigen. Eine von ihnen ist Kinga Ostrowski , die auch ihren Teil zur besseren Verständigung leistet: „Ich bin eine schnelle Gebärderin. Aber nun strenge ich mich sehr an, langsamer zu sprechen.“

 Kinga Ostrowski ist 31 Jahre alt, „eigentlich zu alt für eine Ausbildung“, wie sie ironisch bemerkt. Aber es ist nicht ihre erste: In ihrer Heimat Polen hatte sie an einer Schule für Gehörlose eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht, danach einige Semester lang Gehörlosenpädagogik studiert. Als sie der Liebe wegen vor sieben Jahren nach Deutschland kam, wurde ihr Studium nicht anerkannt, und als Mediengestalterin fand sie keinen Job. „Die Leute können sich nicht vorstellen, dass Gehörlose mehr als einfache Arbeiten verrichten können. Sie trauen uns nichts zu“, sagt siei.

 Viele Schwerhörige und Gehörlose sind arbeitslos, trotzdem dauerte es fast ein Jahr, bis die Zahnärztin von Schuler Alarcón eine erste Bewerbung auf eine Stellenanzeige bekam. Besser gesagt: Auf das Stellenvideo, das sie bei Youtube eingestellt hatte. Über die gut vernetzte Gehörlosen-Szene erreichte es schließlich auch Kinga Ostrowski – und die erkannte ihre Chance.

Kinga Ostrowski fiel es leicht, sich umzustellen. Zahnärztekammer und Berufsschule taten sich schwerer mit der Vorstellung, dass eine gehörlose Frau eine reguläre Berufsausbildung absolvieren könnte. Gut, dass Marianela von Schuler Alarcón nicht nur die Menschenrechte auf ihrer Seite wusste, sondern dass sie auch Leidenschaft und ein gewinnendes Wesen besitzt und sich vehement für die Auszubildende einsetzte.

Schließlich belegten die Lehrer an der Berufsschule sogar einen Gebärdensprachkurs. Im Alltag gebärden sie zwar nicht selbst, wissen aber, worauf es außerdem ankommt: starke Mimik und langsames Sprechen. „Anfangs mussten wir sie oft unterbrechen, um nicht den Anschluss zu verlieren“, erzählt Kinga Ostrowski. Mittlerweile ist das Tempo so, dass wir uns an den Diskussionen beteiligen können.“

Das Praxisteam

Natürlich haben die beiden Auszubildenden immer ihre Dolmetscher dabei, denn nicht alle Inhalte erschließen sich allein durch PowerPoint-Präsentation und Tafelbild. Eine wichtige Hilfe ist zudem, dass sie Texte mit allzu komplizierten Sätzen oder unverständlichen Redewendungen an Übersetzer geben können, die daraus „textoptimierte Fassungen für Hörgeschädigte“ machen. Ostrowski hat sich ein Team aus fünf Dolmetschern organisiert, die sich an den zwei Unterrichtstagen pro Woche sowie bei Prüfungen und bei Team-Besprechungen in der Praxis abwechseln. Gebärden für die zahnmedizinischen Fachbegriffe hatten diese zunächst allerdings nicht parat – die meisten mussten erst erfunden werden - zumal solche, die sich mit einer Hand gebärden lassen, da während einer Behandlung meist nur eine Hand frei sein kann.

Mehr als 100 „Vokabeln“ hat Marianela von Schuler Alarcón mittlerweile beisammen. Sie hat überlegt, welche aus der Alltagssprache ableitbar sind (wie „Mundspiegel“), welche visuell logisch sind (wie „zahnmedizinisch absaugen“) und welche sich mit nur einer Hand gebärden lassen. Derzeit baut sie ein Lexikon der zahnmedizinischen Fachbegriffe auf: eine Sammlung von Clips, in denen Kinga Ostrowski die Gebärden für Instrumente, Befunde und Techniken vorführt. Der Plan ist, diese kurzen Filme zu untertiteln und das fertige Lexikon als DVD anderen Zahnärzten an die Hand zu geben. „Wir gebrauchen ständig dieselben Begriffe – deshalb ist es einfach, sie zu lernen“, ist die Zahnärztin überzeugt.

Reicht all das aus, um gehörlose Menschen auszubilden und zu beschäftigen? „Es ist wirklich nicht so kompliziert, wie die Leute denken“, sagt Kinga Ostrowski, nun im zweiten Lehrjahr: „Wer es nicht glaubt, soll einfach vorbeikommen und schauen, wie wir zusammen arbeiten.“ In einem Wort: selbstverständlich. Dazu gehört, dass sich die Helferinnen die Patienten nicht nach hörend/nicht hörend aufteilen. Will ein Patient reden, ist immer eine Kollegin in der Nähe, die die eine oder andere Sprache spricht. Und einen Termin findet man auch durch Fingerzeig auf dem Kalender. „Beim ersten Besuch erklären wir den Patienten, dass bei uns auch Gehörlose arbeiten – das war´s“, sagt Marianela Schuler von Alarcón.

Die Praxis auf Facebook

Mit diesem Video hatte Dr. Schuler von Alarcón eine Auszubildende gesucht.


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