Fluch oder Segen?

Sinn und Zweck von Werkstätten für Menschen mit Behinderung werden kontrovers diskutiert.
Nutzen sie den Mitarbeitern oder sind sie überflüssig? Zwei Meinungen.

PRO

Harald Mohr

Harald Mohr

Geschäftsführer zweier Lebenshilfe-Werkstätten in Leverkusen und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten in NRW

CONTRA

Uwe Frevert

Vorstandsmitglied des Bundesverbands  der Interessensvertretung „Selbstbestimmt  Leben in Deutschland“ e.V. - ISL

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Jahrhundertwerk, das den Grundstein für die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt legt. Dieses Ziel lässt sich nicht über Nacht und durch Vorgaben von oben erreichen. Inklusion muss von der Gesellschaft mitgetragen werden. Wer das „Aus“ der Werkstätten fordert, verkennt die aktuelle Realität – und nimmt schwerst mehrfachbehinderten Menschen ihr Recht auf Teilhabe. Denn Fakt ist: Für die meisten von ihnen sind die Werkstätten derzeit der einzige Zugang zum Arbeitsmarkt. Passende Angebote muss man außerhalb der Einrichtungen noch mit der Lupe suchen. Warum? Ganz einfach: Anders als Menschen mit Körper- oder Sinnesbehinderung brauchen schwerst mehrfachbehinderte Menschen mehr als „nur“ ein barrierefreies Umfeld. Jeder Arbeitsplatz muss individuell auf sie zugeschnitten sein, auch was die soziale Umgebung betrifft. Diesen Aufwand scheuen gewinnorientierte Unternehmen – trotz bestehender Stützsysteme und hoher Subventionen für maßgeschneiderte Arbeitsplätze. Mangelnde Alternativen sind aber nicht das einzige Argument für die Werkstätten. Jedes Jahr entscheiden sich Tausende Menschen für den Werkstattplatz, weil sie sich hier gut aufgehoben fühlen und interessante Aufgaben erledigen. Die Werkstätten haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, sind zu Qualitätsanbietern und integrativen Betrieben geworden. Das wird sich fortsetzen. Weitergehen muss natürlich auch die Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt. Mit der richtigen Unterstützung können viele Werkstattmitarbeiter hier bestehen. Die Kompetenz der Werkstätten sollte man beim Aufbau eines inklusiven Arbeitsmarkts unbedingt nutzen. Solange wir noch auf dem Weg dorthin sind, wünsche ich mir eine differenzierte Debatte, bei der es um die Bedarfe der Betroffenen geht. Und darum, wie man ihr Recht auf angemessene Beschäftigung sichern kann – in der Werkstatt und außerhalb.

Was wäre, wenn Homosexuelle in besonderen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten müssten, weil sie „anders“ sind als der Rest? Ein Aufschrei würde durchs Land gehen. Wenn es um die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung geht, ist Segregation aber weiterhin die gesellschaftlich akzeptierte und staatlich geförderte Praxis: Satte 90 Prozent der Eingliederungshilfe fließen in Werkstätten und stationäre Einrichtungen. Im Schaffen von Parallelwelten stecken jedoch falsch verstandene Fürsorge und handfeste Interessen: Werkstattbetreiber wollen ihr Unternehmen und die Arbeitsplätze ihrer nicht behinderten Mitarbeiter sichern, die beteiligten Vermittler und Kostenträger ihren Arbeitsaufwand minimieren. In der Folge sind es Arbeitgeber auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht gewohnt, die Verantwortung und den möglichen sozialen Mehraufwand durch entsprechende Fachdienste und Finanzmittel zu kompensieren. Diese Situation verletzt Menschenrechte – und zwar die aller Menschen. Sie leistet einer Aufteilung der Gesellschaft Vorschub, die allen schadet, und führt dazu, dass an nicht behinderte Arbeitnehmer zunehmend unrealistische Leistungsanforderungen gestellt werden. Damit gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt Wirklichkeit werden kann, müssen Behinderte zwischen Werkstatt und erstem Arbeitsmarkt wählen können. Die staatliche Förderung muss sich auch für sogenannte „geistig Behinderte“ in Richtung maßgeschneiderter Beschäftigungslösungen verschieben. Bei der Entwicklung kann die Kompetenz der Werkstätten und der Integrationsfachdienste sehr hilfreich sein. Nicht zuletzt gilt es auch, die Arbeitgeber mittels der Beschäftigungsquote stärker in die Pflicht zu nehmen. Wohlfahrtsverbände könnten hier mit gutem Beispiel vorangehen: Positionen in Regie und Leitung müssen bevorzugt mit behinderten Mitarbeitern besetzen werden – warum nicht an den Erfolg der eigenen Arbeit glauben? 


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