Wahlverwandschaften

Überall finden sich Menschen zusammen, um anders zu leben. Anders als sie es bisher getan haben oder anders als andere. Häufig gewinnen sie dadurch neue, innige Beziehungen und mehr Lebensqualität. Ein Blick auf drei Modelle von Wahlverwandschaften, die seit Jahren gut funktionieren.
 

Foto: Robert Brembeck, MENSCHEN. das magazin

Text Beate Schwarz
und Elisabeth Wicher

Wahlverwandschaften, Modell 1
Die Dorfgemeinschaft Tempelhof in Schwaben.

32 Hektar Land, Ziegen, Hühner, Fachwerkhäuser – ein Dorf im Schwäbischen mit etwa 140 Einwohnern im Alter von 0 bis 74 Jahren. Tempelhof liegt rund 100 Kilometer südlich von Würzburg und ist kein Dorf wie viele andere. Denn Tempelhof gibt es, so wie es jetzt ist, erst seit 2010. Damals kamen 18 Münchner und kauften die Anlage des ehemaligen Kinderheims, um ihrem Traum von einem Leben in Gemeinschaft ein Dach zu geben. Gemeinschaft heißt: gemeinsam in der Kantine essen, gemeinsam wirtschaften, gemeinsam Entscheidungen treffen. Es sind Handwerker und Unternehmer, Lehrer und Wissenschaftler, Rentner und Krankenschwestern, die allein, mit Partner oder der gesamten Familie hier leben. Mehr als 40 arbeiten auch im Dorf.

50 Sorten Gemüse werden in biologischer Landwirtschaft angebaut, dazu Getreide, nicht nur für den Eigenbedarf. Es gibt eine Käserei, eine Bäckerei, eine Imkerei, den Schlosser, eine Manufaktur für mobile Bauten und Zirkuswägen, ein Café, ein Seminar- und Gästehaus, den Hofladen. Die Tempelhofer wollen nicht unter sich bleiben. Es gibt Infoveranstaltungen und ein großes Seminarangebot. Im Spätsommer 2013 wurde die private Grund- und Werkrealschule in Tempelhof eröffnet. Seit September 2014 lernen hier nicht nur Kinder der Dorfgemeinschaft, sondern auch aus der Region. Und die soziale Infrastruktur soll weiterwachsen: Ein Hospiz und eine Tagespflegeeinrichtung sind geplant.

Nicht jeder, der möchte, kann in Tempelhof leben. „Wir müssen auf unsere Altersausgewogenheit achten“, sagt Agnes Schuster, eines der Gründungsmitglieder der Gemeinschaft Tempelhof. Derzeit haben Menschen zwischen 20 und 35 Jahren gute Chancen. Wer den Zuschlag bekommt, gibt 3.000 Euro Darlehen in die Genossenschaft. Selten muss jemand wieder gehen. Die Tempelhofer stimmen zweimal über jeden neuen Bewohner ab. „Die Leute müssen mit unseren Werten und Visionen einverstanden sein“, sagt Agnes Schuster. Das heißt vor allem: mitwirken in der Zukunftswerkstatt und achtsam miteinander umgehen. Denn gemeinsam leben heißt nicht, dass die Mehrheit bestimmt. In Tempelhof werden alle wichtigen Entscheidungen im Konsens gefällt.

Foto: Louis Volkmann, MENSCHEN. das magazin

Bernd Müller (Mitte) lebt seit fast drei Jahren bei Familie Gauglitz in der thüringer Gemeinde Kamsfled.

Wahlverwandschaften, Modell 2
Betreutes Wohnen in einer Gastfamilie

„Er gehört mittlerweile fest zur Familie“, sagt Susan Gauglitz (links im Bild) über ihren Mitbewohner Bernd Müller (Mitte). Der 58-Jährige hat eine schizophrene Erkrankung und war früher alkoholabhängig. Seit April 2013 lebt er zusammen mit Familie Gauglitz in Kamsdorf im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Susan Gauglitz, ihr Mann Matthias und Tochter Sophie, die mittlerweile auf eigenen Füßen steht, nehmen teil am Projekt „Betreutes Wohnen in Familien“ des Vereins Aktion Wandlungswelten Jena e. V. Der Verein vermittelt Menschen mit psychischer Erkrankung sowie mit geistiger Beeinträchtigung.

Familie Gauglitz war über einen Zeitungsartikel auf den 1990 gegründeten Verein aufmerksam geworden und hatte sich beworben. „Das Leben in einer Familie bringt dem Bewohner Lebensqualität und Normalität, anders als in einem Heim“, erläutert Kristina Pommer, eine von fünf Mitarbeitern des Vereins, der in Thüringen 47 Klienten betreut. „In einem geborgenen Umfeld stabilisieren sich die meisten.“ So war es auch bei Bernd Müller. Seit er bei den Gauglitz’ lebt, ist er aufgeblüht. Er ist in den Alltag integriert und übernimmt – außerhalb seiner Arbeitszeit in der Werkstatt der Lebenshilfe Rudolstadt – regelmäßige Aufgaben, zum Beispiel, den Hund auszuführen. Bernd Müller hat zudem feste Tagesabläufe ins Haus gebracht. „Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir wieder gemeinsam zu Abend essen“, erzählt Susan Gauglitz.

Die potenziellen Gastbewohner kommen über Sozialämter, gesetzliche Betreuer und Kliniken in Kontakt mit der Aktion Wandlungswelten. Deren Mitarbeiter bringen sie bei einer geeigneten Familie unter und begleiten sie während des gesamten Aufenthalts. Auch bei Konflikten sind Kristina Pommer und ihre Kollegen gefragt. Die Gastgeber erhalten eine Aufwandsentschädigung, Miete und Versorgungskosten. Bernd Müller und die Gauglitz’ sind überzeugt: Das betreute Wohnen in Familien funktioniert. „Anfangs waren einige aus unserem Umfeld skeptisch, auch unsere Tochter Sophie, die damals 17 war“, sagt Susan Gauglitz. „Aber dann hat sie sich sehr für Bernd engagiert. Jetzt ist sie froh, dass er bei uns lebt.“

Foto: Stefan Wagner, MENSCHEN. das magazin

Zusammenleben in einem inklusiven Wohnprojekt, bei dem alle voneinander profitieren. Das wollen die Mitglieder des Ledo-Bewohnervereins in Köln.

Wahlverwandschaften, Modell 3
Ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Köln

Ein Mehrgenerationenprojekt, in dem alle voneinander profitieren können – das wollten die GAG Immobilien AG und der Verein Ledo bauen, als 2003 die Planungen für ein großes Areal im Kölner Stadtteil Niehl begannen. Ledo verbindet das 50-plus-Generationenprojekt „Lebensbogen“ und die Selbsthilfegruppe „doMS e. V.“ für junge Multiple-Sklerose-Patienten. Seit 2009 wird die Idee gelebt. 90 Menschen wohnen in drei barrierefreien Häusern mit 64 Einheiten:  40 Singles, 17 Paare,  zwölf Kinder. 13 Personen sind Rollstuhlfahrer. Zwei Drittel der Bewohner hat eine Behinderung oder ist über 50 Jahre alt. Der Bewohnerverein Ledo hat ein Vorschlagsrecht bei der Auswahl der Bewohner in Niehl. „2008 hatten wir je Wohnung bis zu 20 Bewerbungen“, erinnert sich Annelie Appelmann von Ledo. Das lag sicher nicht nur an den dank öffentlicher Förderung attraktiven Mieten und den  dank Erdwärme- und Solarenergieversorgung niedrigen Nebenkosten. „Wichtig bei der Wahl der Mieter war und ist, dass sie das Projekt leben wollen“, sagt Appelmann. Das heißt: da sein, wenn ein anderer Unterstützung braucht, bei Einkäufen, als Babysitter, bei Krankheit. Aber auch: gemeinsam Spaß haben, neue Freunde finden, zusammen Sport treiben oder Englisch lernen. Es funktioniert, die Fluktuation in den Häusern ist niedrig. Bislang sind Bewohner nur aus beruflichen Gründen ausgezogen oder weil die Wohnung zu klein wurde. Auch zum näheren Umfeld haben sich viele Kontakte entwickelt. „Da ist ein Quartiergefühl gewachsen“, sagt Appelmann. Die GAG, Kölns größter Vermieter, bietet derzeit in sechs Mehrgenerationenprojekten barrierefreie Wohnungen an. Herzstück ist immer ein Gemeinschaftsraum, dessen Miete die Stadt Köln 20 Jahre übernimmt.


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