Erholung für alle

Vor den Toren Hamburgs gibt es eine Urlaubsoase: den Neuen Kupferhof. Hier
können Familien mit behinderten und nicht behinderten Kindern entspannte
Ferien verleben, die allen Spaß machen.

Lennart hat Spaß im Spielzimmer des Kupferhofs.
 

Simona, Lennart und Bernd Pütz genießen ihren Urlaub.

Text: Sara Mously

Fotos: Paula Markert

 Sagen kann Lennart Pütz es nicht, aber seine Augen zeigen, wie glücklich er ist. Entspannt lehnt der 17-Jährige seinen Kopf an Papa Bernds Schulter, zusammen sitzen sie auf einer großen Nestschaukel im Garten. Mutter Simona gibt Anschwung und sagt: „Hier können wir durchatmen  – das ist eine echte Auszeit für uns!“ Eine Stunde später haben es sich Lennart, einige andere Kinder und Jugendliche sowie drei Mitarbeiter des Pflegeteams in der Spielecke im ersten Stock des Wohntrakts bequem gemacht. Hier gibt es ein Sofa, Kuscheltiere und einen großen Spiegel, vor dem man allen möglichen Quatsch veranstalten kann.

Derweil blinzeln Simona und Bernd Pütz auf der Terrasse in die Sonne. „Hmm“, sagt er. „Wir könnten gleich Rad fahren im Duvenstedter Brook. Oder bleiben wir einfach hier und faulenzen?“ „Im Alltag fehlen uns solche Freiräume“, sagt seine Frau. Lennart hat eine schwere Behinderung. Er kann nicht sprechen, nicht allein essen, erst mit sieben begann er zu laufen. Seine Eltern vermuten, dass Sauerstoffmangel während der Geburt die Ursache ist. So sehr sie ihn lieben und so gern sie für ihr einziges Kind da sind: Die tägliche Pflege von Lennart bedeutet auch viel Arbeit für die Hausfrau und den Personalsachbearbeiter aus Bochum. Die eigene Erholung, aber auch besondere Abwechslung  und Anregungen für Lennart bleiben dabei manchmal auf der Strecke.

Wie ihnen geht es den meisten, die ihren Urlaub im Neuen Kupferhof im grünen Hamburger Vorort Ohlstedt verbringen. Ein Angebot, das in Norddeutschland einmalig ist: Familien mit behinderten und nicht behinderten Kindern können hier gemeinsam wohnen. Für die Kinder mit Handicap stehen bei Bedarf rund um die Uhr professionelle Pflegekräfte bereit.

Steffen Schumann (links) und Frank Stangenberg (mit Sohn Justin) haben den Verein "Hände für Kinder" gegründet.

Zwei Väter initiierten den Neuen Kupferhof

Die Idee dazu hatten Steffen Schumann und Frank Stangenberg. Beide haben Söhne mit schweren Behinderungen. 2008 gründeten sie den Verein „Hände für Kinder“, der die ehemalige Kaufmannsvilla samt großzügigem Parkgrundstück erwarb.

Mit Spendengeldern und mit Fördermitteln der Aktion Mensch  ließen sie das Haus so umbauen, dass es den besonderen Anforderungen von Familien mit pflegebedürftigen Kindern entspricht. Im Mai vergangenen Jahres nahm der Neue Kupferhof dann den Betrieb auf.

Seitdem kümmern sich hier rund 30 Mitarbeiter, vor allem Kinderkrankenschwestern, Heilerziehungspfleger und Pädagogen, um das Wohl von bis zu zwölf Gastkindern und ihren mitreisenden Familienangehörigen. Im Speisesaal gibt es vier Mahlzeiten täglich, im großen Garten können Kinder und Erwachsene auf dem Trampolin toben, im Sandkasten buddeln, Fußball und Basketball spielen oder auf Liegestühlen entspannen. Im Elterncafé und bei Sportangeboten tauschen sich Angehörige untereinander aus. Wer die Umgebung erkunden will, kann sich eines der Räder aus dem Schuppen holen oder in die nahe gelegene Hamburger Innenstadt fahren.

Familie Pütz ist seit einer Woche hier – und sie haben die Zeit voll ausgeschöpft: Einmal waren sie mit ihrem Sohn am Timmendorfer Strand, am nächsten Tag ist er im Kupferhof geblieben, während seine Eltern durch Hamburg gebummelt sind.

Bilder von Handabdrücken hängen an einer Wand

Das nächste Mal mit Tandem

„Am besten hat mir Blankenese gefallen“, sagt Simona Pütz, und ihre Augen leuchten. „Immer treppauf, treppab, das wäre mit Lennarts Reha-Buggy unmöglich gewesen.“ Der nächste Tag gehörte wieder der ganzen Familie: Gemeinsam planschten alle im nahen Erlebnisbad. Nur eines fehlt ihnen im Neuen Kupferhof: das Tandem, das sie sich zu Hause eigens haben anfertigen lassen – ein Elternteil sitzt hinten, der Sohn vorn in Liegeradposition und lässt sich den Wind um die Nase pfeifen. Jeder, der einmal auf dem Neuen Kupferhof Urlaub gemacht hat, will hierher zurückkommen. Auch für Familie Pütz steht fest: „Wir kommen wieder. Aber nächstes Mal bringen wir unser Tandem mit.“


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