Unterwegs

Wenn die Tage lang und die Nächte warm sind, zieht es uns nach draußen. Denn dort wartet das pralle Leben auf uns, eine Welt voller Abenteuer. Erleben kann man sie am nächsten Baggersee oder in ganz weiter Ferne, im Luxushotel oder auf dem Campingplatz. Haupt­sache, man macht sich auf den Weg. MENSCHEN. das magazin hat für diese Ausgabe viele Menschen mit und ohne Behinderung auf ihrer Reise durch den Sommer begleitet. Und sie zum Beispiel nach ihren schönsten Sommererlebnissen gefragt. Hier sind die Antworten.

 

(c) Eran Wolff

Laura Gehlhaar

New York mit zwei Promille

Laura Gehlhaar, Autorin und Coach, Berlin

„Nicht so laut! Die erschießen uns noch!“, prustete mein Cousin in einem Lachkrampf hervor, als wir betrunken die Straßen von Manhattan, New York, hinuntertaumelten, laut Grönemeyers „Bochum“ sangen und dabei von zwei streng aussehenden Polizisten beobachtet wurden. Wir kommen nicht aus Bochum, aber es war die lustigste Reise meines Lebens. Mit meinem Cousin bin ich von der Ostküste nach Los Angeles gereist, um schließlich in Las Vegas das wahre Glück zu finden. Ich bin dankbar, eine tolle Familie zu haben, mit der ich solche Erlebnisse teilen kann.

Uwe Heineker unter Wasser

Einfach mal untertauchen

Uwe Heineker, Sozialpädagoge, Mülheim/Ruhr

Ich bin leidenschaftlicher Taucher und war schon oft auf Eriyadu, einer Malediveninsel, die ein absolutes Tauchparadies ist. Dort habe ich 2003 auch mein Sommerhighlight erlebt: meinen ersten Nachttauchgang ohne Lehrer, bei dem ich noch dazu einen persönlichen Tauchzeitrekord aufgestellt habe. 77 Minuten unter Wasser – Wahnsinn.

(c) Julian Röder

Silka Korn und ihr Mann

Verliebt im Zoo

Silja Korn, Erzieherin und Malerin, Berlin

Im Sommer sind die besten Dinge meines Lebens passiert: Ich habe im Berliner Zoo meinen heutigen Mann Guido kennengelernt, unsere Hochzeit fand im August statt. Und auch unser Sohn, der inzwischen schon erwachsen ist, ist im Sommer geboren. Für mich ist der Sommer also ganz klar die Zeit der Liebe – und die schönste Jahreszeit überhaupt.

(c) Albert Palowski

Susanne Kümpel

Die Seele baumeln lassen

Susanne Kümpel, Künstlerin, Köln

Sobald es warm wird, lege ich mich in die Hängematte bei uns im Hof. Ich war total begeistert, als sie dort aufgehängt wurde. Zum Ausspannen ist dieser Ort genau das Richtige für mich! Ich genieße einfach die Ruhe und liebe es, mich manchmal mit den Beinen abzustoßen und etwas zu schaukeln. Das macht mich richtig froh und glücklich.

 

(c) Albert Palowski

Daniel Scislowski

Landluft schnuppern

Daniel Scislowski, Künstler, Köln

Ich war schon immer lieber auf dem Land als in der Stadt. Letztes Jahr bin ich deshalb in den Schwarzwald gefahren – mein erster Urlaub nach sieben Jahren. Die Reise habe ich allein organisiert und eine sehr schöne Zeit gehabt. Was mir am allerbesten gefallen hat: mit der Achertalbahn durch die Gegend zu fahren und mir die Landschaften anzuschauen.

(c) Hanna Becker

Christian Bayerlein

Von Couch zu Couch

Christian Bayerlein, Informatiker, Koblenz

Im Sommer vor fünf Jahren habe ich per CouchSurfing eine Woche in Stockholm verbracht. CouchSurfing heißt: Man übernachtet kostenlos bei Einheimischen auf dem Sofa und bietet im Gegenzug auch mal selbst eine Übernachtungsmöglichkeit an. Für Reisende mit Behinderung wie mich ist es normalerweise ziemlich schwierig, auf diese Weise unterwegs zu sein. Die meisten CouchSurfing-Angebote sind nämlich Studentenbuden und nicht barrierefrei. Skandina­vien ist da eine Ausnahme. Ich hatte keine Probleme, eine passende Unterkunft zu finden und mich im öffentlichen Raum fortzubewegen, weil allgemein alles viel barrierefreier ist. Toll war, dass ich sogar bei zwei verschiedenen Leuten übernachten und noch mehr Kontakte knüpfen konnte. So sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

(c) Tobias Kruse

Christiane Möller

Teamwork und Gletscherspalten

Christiane Möller, Rechtsassessorin, Marburg
 

Ein besonderes Wanderhighlight habe ich 2011 erlebt. Damals wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, gemeinsam mit vier anderen jungen Leuten mit unterschiedlichen Behinderungen eine Bergtour zu machen, die auch noch von einem ZDF-Team begleitet werden sollte. Da hab ich spontan und vollkommen begeistert Ja gesagt. Es ging mir nicht so sehr um den Fernsehauftritt, sondern mich reizte vor allem die Vorstellung von einem spannenden Trip durch die Berge.

Etwas mulmig wurde mir dann, als ich Ende Juni erfuhr, dass ich für das Schieben des Rollifahrers verantwortlich sei. Auf knapp 3.000 Metern Höhe dürfte das ein Spaß werden, und die Frage des ZDF-Teams, ob ich körperlich fit sei, bekam ihre Berechtigung. Dennoch wuchs meine Vorfreude von Tag zu Tag, und ich konnte es kaum erwarten, endlich loszulegen.

Vor lauter Aufregung schlief ich sehr schlecht vor dem ersten Tag. Meine Anfahrt mit der Bahn wurde von neugierigen Blicken verfolgt. Ich hatte natürlich viel Gepäck dabei, meinen Bergrucksack, an dem Wanderstöcke und Isomatte baumelten, auf dem Rücken und vorne meinen kleinen Rucksack. Bergtour-Touristin und blind ­– das passte für viele nicht zusammen.

Am nächsten Tag konnte ich unser komplettes Team kennenlernen. Dazu gehörten Michaela – genannt Biene – (mit Bein-Prothesen), Peter (kleinwüchsig), Benjamin (von Geburt an gehörlos), Reini (Rollifahrer), Jule (Physiotherapeutin und Mitorganisatorin der Tour), Paul (einheimischer Bergführer) und ich, Christiane (nahezu blind). Nach einem kurzen Kennenlernen und letzten Rucksackpackaktionen ging es endlich los. Die Stimmung war – anders als das Wetter – gut und voller Vorfreude, Spannung und Neugierde. Zunächst fuhren wir mit der Seilbahn hoch hinauf auf den Gletscher. Nebel ohne Ende, Kälte und viel Wind erwarteten uns dort oben – nicht gerade einladend also. So stiefelten wir los.

Reini tauschte seinen Rollstuhl gegen den Paramounty-Bob. Dieses Gefährt besteht aus einem Snowboard, auf dem der Sitz befestigt ist, komplettiert mit Griffstangen vorne und hinten. Benjamin und Paul zogen und ich schob. Reini stabilisierte mit Skistöcken. So bahnten wir uns den Weg über den Gletscher. Auch wenn das Wetter die nächsten Tage neblig und regnerisch bleiben sollte, kamen wir gut voran.

Als wir am Gletscher ankamen, fühlte er sich an wie ein Schneefeld im Winter. Ein solcher Gletscher ist nicht ganz ungefährlich, weil überall Gletscherspalten warten können, die man angesichts des Neuschnees auch nicht immer sieht. Um uns in diesem Gebiet sicher fortbewegen zu können, wurden wir alle angeseilt. Ich dachte anfangs noch, dass das doch wohl ein wenig übertrieben sei. Schöne Show fürs Kamerateam halt. Wie unrecht ich doch hatte. Am zweiten Tag fand ich mich auf dem Eis wieder, und meine Beine steckten in einer Gletscherspalte. Es war zwar nicht gefährlich, aber mein Respekt war jetzt doch endlich geweckt.

Der Abstieg gestaltete sich für uns alle eindeutig schwieriger. Peter musste mir den ganzen Tag den Weg bis ins Detail erklären, und er hat wohl in seinem ganzen Leben noch nicht so viel am Stück reden müssen wie an diesem Tag. Trotz Strapazen ließen wir uns die gute Laune nicht nehmen und schafften den Abstieg mit exzellentem Teamwork.

Ich werde diese wahnsinnige und wunderbare Tour sicher nie vergessen. Es war ein einmaliges Erlebnis. Erst Tage später wurde mir so richtig bewusst, was wir da eigentlich gemacht hatten. Ich bin tief bewegt von unserer Leistung und vor allem von den Begegnungen mit so wunderbaren und mutigen Menschen.

(Impressionen der Tour hat Kameramann Alexander Griesser zusammengeschnitten und auf seiner Internetseite veröffentlicht.)

Henning Bromberg

50 Pizzen und eine "Taufe"

Henning Bromberg, Schüler, Bonn

In Bonn gibt es den Verein „Brücke-Krücke“, die Reisen für Jugendliche mit und ohne Behinderung organisiert. Da war ich schon mehrmals dabei. Auf meiner ersten Brücke-Krücke-Fahrt ging es nach Kopenhagen. Auf dem Bahnhof im Bonn wusste man als Neuer erst nicht, wen man ansprechen sollte, aber dann war es ganz schnell so, als würde man alle schon lange kennen. Als der Zug einfuhr, haben wir ein bisschen Stress gehabt, denn die großen Koffer und die Rollis und alles musste gleichzeitig in die Waggons. Das war schon chaotisch, aber ich war dann mittendrin. Beim Umsteigen in Köln hat das Ganze schon besser geklappt.

In Kopenhagen sind wir als Gruppe auf einen Aussichtsturm gestiegen. Ein Mädchen im Rolli wollte unbedingt mit hoch, ganz nach oben, und am Anfang hat das gut geklappt, weil die Treppe breit genug für den Rolli war. Den haben wir hochgetragen, bis zu dem Punkt, wo es immer schmaler wurde. Dann ging es ohne den Rolli weiter, zwei haben sie getragen, und dann kamen uns auch Leute entgegen. Wir mussten uns aneinander vorbeiquetschen, und das hat die Leute auch ein bisschen genervt, aber insgesamt fanden die es doch gut, dass wir so zusammengehalten haben und oben angekommen sind. Die Aussicht war toll, man konnte die ganze Stadt sehen, alle Sehenswürdigkeiten und auch unser Hotel.

Am letzten Abend in Kopenhagen war es klasse. Wir haben in einer kleinen Pizzeria für alle Pizza bestellt – das waren so circa 50 Pizzen, und es hat so zwei Stunden gedauert, bis alle fertig gebacken waren. Mit den Pizzen haben wir uns an den Kanal gesetzt, und ein paar andere von der Gruppe hatten im Supermarkt Getränke besorgt. Das gemeinsame Essen und das Quatschen waren schön. Ich bin dann als Neuer mit ein paar anderen noch als „Taufe“ im Kanal gelandet – war ein Spaß auf meine Kosten, aber okay.

Die Erlebnisse mit der Gruppe waren toll und interessant. Ich habe Spaß gehabt und viel über mich und andere gelernt. Man erlebt Sachen, die man nur zusammen erleben kann und das Helfen ist wie normal, es ist in der Gruppe egal, ob man eine Behinderung hat oder nicht.

Wilfried Klein

Segelspaß in Kroatien

Wilfried Klein, Architekt, Wesel

Ich segle, seitdem ich 15 bin, damals noch auf dem Sorpesee im Sauerland. Auch nach meinem Unfall, seitdem ich querschnittgelähmt bin, verlor ich die Lust an meinem Hobby nie. Unter den vielen Segeltörns, die ich seither gemacht habe, ist der in Kroatien ein Favorit. Ich war eine Woche lang mit meiner Frau und drei Freunden auf dem Meer unterwegs. Das Besondere an Kroatien ist die Bora, ein Fallwind, der aus nordöstlicher Richtung kommt und mitunter sehr gefährlich sein kann. Doch auf offener See verwandelt er sich zu einem wunderbaren Wind, der kaum Wellen erzeugt, dafür aber eine ungeheure Geschwindigkeit annimmt. Da macht das Segeln dann richtig Spaß! 

Felix Brunner

Mit dem Handbike über die Alpen

Felix Brunner, Motivationsexperte und Referent, Hopferau

Der Sommer des letzten Jahres war für mich ein ganz besonderer: Als erster Rollstuhlfahrer schaffte ich es, die Alpen mit dem Handbike auf einer Mountainbikestrecke zu überqueren. Es war definitiv eine Reise ins Ungewisse, da ich nicht sicher war, ob das alles zu schaffen sei. Immerhin sprechen wir von einer Strecke von 480 Kilometern und insgesamt 12.000 Höhenmetern, die ich in neun Fahrtagen überwinden wollte.

Vor meinem Unfall war ich Bergsteiger, und als solcher möchte man sich natürlich immer weiterentwickeln und neue Herausforderungen bestreiten. Daher war dieses Projekt für mich von Anfang an sehr interessant, und so bildete sich allmählich ein Team. Insbesondere mein Hauptsponsor, der Blutspendedienst, half sehr viel bei der Organisation. Es erforderte auch eine Menge Vorbereitung und Planung. In erster Linie musste ich natürlich sehr viel dafür trainieren, sei es im Kraftraum oder mit dem Handbike an sich. Das Handbike musste ebenfalls modifiziert werden. Mein Fahrradmechaniker und ich bauten es so um, dass eine Alpenüberquerung auch auf schlechten Untergründen möglich wäre. Als dritter Punkt ist die Logistik zu nennen. Ich saß tagsüber zwar auf dem Handbike, aber war abends auf meinen Rollstuhl angewiesen. Also brauchte ich ein Team und ein Begleitfahrzeug, welches mein Equipment und meinen Rollstuhl zu den jeweiligen Etappenzielen brachte. Die Hauptsache war, ein klar definiertes Ziel vor Augen zu haben, nämlich am Gardasee anzukommen. Im Endeffekt lohnte sich die ganze Organisation, weil die Überquerung ganz wunderbar klappte.

Natürlich gab es auch Tage, an denen mir Gedanken durch den Kopf gingen wie: „Ist es jetzt endlich vorbei? Wie lange dauert diese Etappe noch?“ oder an denen sich das Wetter einfach querstellte. Ich erinnere mich noch an einen Regentag, der wirklich nervenaufreibend war, und auch an andere gefährliche Situationen, bei denen das ganze Team gefragt war. Da tickt noch ein wenig der Bergsteiger in mir, denn einen Berg kommt man auch nur im Team hoch. Deswegen denke ich auch, dass das hervorragende Teamwork ausschlaggebend für den Erfolg des ganzen Projektes war.

Ich überwand wunderschöne Auf- und Abfahrten, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ich der erste Rollstuhlfahrer war, der sie unter diesen Umständen zu Gesicht bekommen hat. Als ich am Gardasee ankam und das völlig aus eigener Kraft, war für mich der Moment erreicht, an dem ich wusste, dass sich das ganze Projekt gelohnt hatte.

Seither bin ich Blutspende-Botschafter des Bayerischen Roten Kreuzes, da ich selbst während meiner langen Krankenhauszeit 800 Bluttransfusionen benötigte. Zudem halte ich Motivationsvorträge mit dem Titel: „Von der Transfusion zur Transalp“. Dieser eine Sommer hatte einen sehr großen Einfluss auf mein Leben heute.  


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