An einem Tisch

Was wurde bereits erreicht in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft? Was muss sich noch ändern für eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung? Wie passen Inklusion und der vorherrschende Leistungsgedanke zusammen? Fünf Persönlichkeiten, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Inklusion beschäftigen, ziehen bei einem Gespräch eine Zwischenbilanz.

Sechs Personen diskutieren an einem Tisch

Gesprächsleitung: Christina Marx 
Fotos: Andreas Fechner

 

Christina Marx: „Schon viel erreicht.“ ist der erste Teil des Jubiläumsmottos der Aktion Mensch. Was ist Ihre persönliche Meinung: Was haben wir beim Thema Inklusion schon erreicht?

Rainer Sippel: In unserer Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändert. Fast jeder kennt jemanden, der eine Behinderung hat, und ist so schon einmal mit dem Thema in Kontakt gekommen. Vor 100 Jahren wurden Menschen mit Behinderung von ihren Eltern in Sondereinrichtungen, wie auch das Antoniusheim eines war, abgegeben. Dann haben sich barmherzige Schwestern oder andere ein Leben lang um sie gekümmert. Heute ist das Thema Inklusion mitten in der Gesellschaft angekommen. Und auch die Lebenschancen und -perspektiven von Menschen mit Behinderung sind enorm gestiegen. Es gibt viele Hilfs- und Fördermöglichkeiten, und wir vom Antoniusheim beispielsweise oder auch die Aktion Mensch, bemühen uns, die Sicht auf Behinderung in der Bevölkerung zu verändern und verstärkt Menschen mit und ohne Behinderung in Kontakt zu bringen. Ich denke, viele Menschen haben mittlerweile eine Vorstellung davon, was es heißt, mit einer Behinderung zu leben.

Mareice Kaiser: Da möchte ich widersprechen. Bestimmt ist schon viel erreicht worden. Aber längst nicht jeder Mensch ohne Behinderung kennt einen mit Behinderung. Jeden Tag erlebe ich „Erstkontakte“ von Menschen, die unsere behinderte Tochter sehen und sagen: „Wir hatten bisher noch überhaupt keinen Bezug zum Thema.“ Meine Wunschvorstellung wäre, dass sich das ändert. Ich bin der Überzeugung, dass das selbstverständliche Miteinander eigentlich gelingen könnte. Heute gibt es aber noch viele Einrichtungen wie Ihre, Herr Sippel, die sehr gute Arbeit leisten, die aber gleichzeitig dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung unter sich bleiben.

Brigitte Kasztan: Meiner Meinung nach hat sich speziell für Menschen mit Behinderung in den vergangenen Jahren in der Tat vieles getan – allerdings nur für eine bestimmte Gruppe von ihnen. Vor allem gibt es bei Menschen mit auffälligem Verhalten oft noch große Berührungsängste. Die sind beispielsweise gegenüber einem Rollstuhlfahrer geringer. In der Mitte der Gesellschaft ist das Thema eher in Bezug auf Höchstleistungen angekommen. Viele Menschen nehmen wahr, zu welchen Dingen bestimmte Menschen mit Behinderung in der Lage sind. Aber das ist ja nur die eine Seite der Medaille.

Es gibt noch viel zu wenig Begegnungen im Alltag, in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Adina Baß

Adina Baß: Vieles hat sich verändert. Aber ich muss Mareice Kaiser zustimmen: Viele Menschen bekommen durch mich das erste Mal Kontakt zu einem Menschen mit Behinderung. Oft erlebe ich, dass Menschen sagen: „Mensch, das ist ja klasse, dass du auch hier auf der Party bist!“ oder „So ein hübsches Mädchen wie du im Rollstuhl?“. Dann frage ich mich: Was erwarten die Leute denn von einem Rollstuhlfahrer? Dass sie alle hässlich sind und einsam zu Hause sitzen? Solche Bemerkungen machen deutlich: Es gibt noch viel zu wenig Begegnungen im Alltag, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Aber andererseits werde ich heute auch öfter mal gefragt: „Spielst du eigentlich auch Rollstuhlbasketball?“. Das ist auf der einen Seite toll, weil es zeigt, dass man auch Menschen mit schwerer Behinderung Höchstleistungen zutraut. Auf der anderen Seite spiegelt es jedoch wider, dass Menschen mit Behinderungen in den Medien meist entweder Helden oder Opfer sind. Das bedeutet: Anerkennung der Höchstleistung oder Mitleid für das traurige Schicksal. Ich als Rollstuhlfahrerin kann aber genauso unsportlich sein wie jeder Mensch ohne Behinderung auch – oder einfach keine Lust auf Sport haben.

Armin v. Buttlar: Das möchte ich unterstützen. Wir haben zwar schon viel erreicht, aber noch nicht genug. In den Anfangsjahren der Aktion Mensch, in den 1960er-Jahren, waren die Menschen mit Behinderung quasi vor den Toren der Stadt in großen Einrichtungen untergebracht. Sie wurden als „Sorgenkinder“ oder Problemfälle angesehen. In dieser Hinsicht hat sich schon eine Menge geändert – bis hin zur Gesetzeslage. Die Behindertenrechtskonvention schreibt fest, dass Menschen mit Behinderung dieselben Teilhabechancen zustehen wie jedem anderen Menschen auch. Leider mangelt es aber noch an der konkreten Umsetzung. Außerdem führen wir oft noch eine sehr theoretische Diskussion. Das liegt daran, dass es zu wenige Berührungspunkte zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt. Oft führt der Lebensweg von Menschen mit Behinderung über eine Frühförderstelle, zur Förderschule, in die Werkstatt und in ein eigenes Wohnumfeld. Diese Parallelwelt muss weiter aufgebrochen werden. Dazu müssen auch die Barrieren in den Köpfen weiter
abgebaut werden.

Mareice Kaiser: Zum Thema Parallelwelten möchte ich gerne etwas ergänzen. Vor etwa einem halben Jahr dachten wir: Wir schaffen es nicht mehr, unsere behinderte Tochter zu Hause zu versorgen, wir müssen sie in eine Einrichtung geben, die auf die Förderung taubblinder Kinder spezialisiert ist. Für diese Idee haben wir sehr viel Rückhalt und Zuspruch bekommen. Als wir die Entscheidung revidierten, gab es dagegen kaum Unterstützung. Die Ämter hätten die teure Spezialeinrichtung sofort bezahlt. Seit Kurzem haben wir stattdessen nun nachts eine Pflegekraft bei uns zu Hause, die es uns ermöglicht, wenigstens ein paar Stunden am Stück zu schlafen. Aber um ihre Finanzierung kämpfen wir bis heute mit der Krankenkasse. Es ist auch enorm schwierig, Hilfsmittel bezahlt zu bekommen, die uns einen gemeinsamen Alltag erleichtern würden. Das System bevorzugt eindeutig Spezialheime vor einem gemeinsamen Leben zu Hause. Das muss sich meiner Meinung nach unbedingt ändern.

Christina Marx: Auf der einen Seite ist also das Thema Inklusion in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auf der anderen Seite gibt es aber offenkundig noch zu wenige Berührungspunkte. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle von Sonderein­richtungen, Herr Sippel?

Rainer Sippel: Für uns als Einrichtung ist es schwierig. Noch dominiert in der Behindertenhilfe das klassische System, wie Armin v. Buttlar es eben aufgezählt hat: Sonderschulen, Werkstätten, Wohnheime. Diese Einrichtungen gibt es im Prinzip flächendeckend in Deutschland. Wir, das Antoniusheim, wollen eigentlich viel mehr teilstationäre Dienste aufbauen und familienentlastende Angebote machen. Wir wollen viel stärker hineingehen in Regelschulen. Aber dafür muss das gesetzliche Finanzierungssystem angepasst werden, sonst geht es nicht. Vollstationäre Einrichtungen, deren Plätze im Wesentlichen über die Sozialhilfe finanziert sind, sind bei der derzeitigen Regelung klar im Vorteil gegenüber ambulanten Diensten und teilstationären Angeboten mit ihrer Mischfinanzierung. Wir müssen die staatlichen Finanzierungssysteme an das Prinzip der Inklusion anpassen. Und wenn wir die bisherigen Strukturen ein Stück weit abbauen wollen, müssen wir außerdem wissen, was an ihre Stelle treten soll. Dabei müssen wir aufpassen, dass keine Grabenkämpfe entstehen und Träger großer Einrichtungen und kleinere Akteure nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden. Nicht alles aus dem alten System ist schlecht, an viele Erfahrungen und Kompetenzen kann man auch anknüpfen.

Christina Marx: Einen gemeinsamen Weg aller Akteure finden, Erfahrungen und ­Kompetenzen nutzen und gleichzeitig weiter­entwickeln in Richtung einer Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt – wie kann das gelingen?

Armin v. Buttlar: Um Inklusion zu erreichen, haben wir noch viele Hausaufgaben zu machen. Wir müssen zum Beispiel stärker konzeptionell arbeiten, bestehende Strukturen grundsätzlich hinterfragen im Hinblick darauf, wie Lebensbereiche gestaltet werden müssten, um inklusiv zu sein. Bisher haben wir beispielsweise ein viel zu sehr auf intellektuelle Leistung ausgerichtetes Bildungssystem. Ein inklusives Bildungssystem hätte sehr viel mehr mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Das Gleiche gilt für die Umsetzung von Inklusion in der Gemeinde, am Wohnort, zu Hause. Zunächst einmal müssen wir uns überlegen: Wie sieht ein inklusives Gemeinwesen überhaupt aus? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden? In diesem Bereich wissen wir einfach noch zu wenig. Dazu müssen sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Erst dann sollte man mit der Umsetzung beginnen. Wir haben außerdem noch viel Aufklärungs- und Sensibilisierungsbedarf bei den verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Das Ganze ist eine Generationenaufgabe und lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen. Um Inklusion zu erreichen, müssen wir auch das Know-how von Großeinrichtungen wie Ihrer einbeziehen, Herr Sippel. Ich verstehe das Ganze als einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess.

Adina Baß: Gerade im Bildungssystem wird ja immer beklagt, dass Inklusion angeblich so viel kostet. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Das stimmt nicht. Alle Schulen, die ich besucht habe, waren anfangs nicht barrierefrei und konnten auch nicht über Nacht komplett umgebaut werden. Trotzdem hat es funktioniert, denn es gab Lehrer und Schulleiter, die bereit waren, individuelle, pragmatische Lösungen zu finden. Das hat mir gezeigt: Der Wille und der Mut, Wege finden zu wollen, sind das entscheidende.

Christina Marx: Armin von Buttlar sprach gerade von der Leistungsorientierung in unserem Bildungssystem. Das Gleiche gilt sicherlich auch für die Arbeitswelt. Muss sich die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, muss sich Inklusion rechnen, damit Firmen bei ihrer Personalpolitik umdenken?

Brigitte Kasztan: Im Prinzip ja. Aber das tut sie auch. In manchen Bereichen machen wir in der Tat eine „Bestenauslese“, vor allem was Hochschulabsolventen betrifft. Aber warum sollten darunter nicht auch hoch spezialisierte Menschen mit Behinderung sein? Denken Sie an das Beispiel der Unternehmen, die im IT-Bereich gezielt Autisten einstellen. Bei manchen Ausbildungsberufen suchen wir allerdings nicht die Besten nach Noten, sondern ein bestimmtes Profil. Das hat mit Menschenbildung zu tun. Mir nützt niemand etwas mit Einser-Abschluss, der aber nicht in der Lage ist, sich in ein Team einzubringen. Bei den Ford-Werken haben wir die meisten Arbeitsplätze im Bereich der Produktion. Da stellen uns Mitarbeiter mit teils auch erworbenen Behinderungen in der Tat vor Herausforderungen. Aufgrund der fortschreitenden Technisierung haben wir hier teils sehr anspruchsvolle Jobs, sodass sie nicht mehr ausgeübt werden können von jemandem, der starke körperliche Einschränkungen hat. Deshalb müssen wir jeden Menschen einzeln anschauen, überlegen, wie er qualifiziert werden kann, um sich intern in anderen Bereichen des Unternehmens weiterzuentwickeln. Wichtig ist, zu schauen, was bringt die einzelne Person mit? Auch durch ihre Persönlichkeit? Was wird ganzheitlich eingebracht? Wichtig ist die Wertschätzung für jeden einzelnen Menschen.

Längst nicht jeder Mensch ohne Behinderung kennt einen mit Behinderung. Meine Wunschvorstellung ist, dass sich das ändert.

Mareice Kaiser

Armin v. Buttlar: Ich möchte einmal als Ökonom sprechen. Ich kann als Unternehmer nur Menschen einstellen, wenn sie einen höheren Wertbeitrag erbringen, als sie kosten. Wie aber definiert man Wertbeitrag? Das hat aus meiner Sicht mit intellektueller und praktischer Leistungsfähigkeit zu tun, es hat aber auch einen sozialen Aspekt: Wie stark trägt jemand dazu bei, die Werte des Unternehmens zu steigern? Die Unternehmenskultur ist ja mitentscheidend für den Erfolg eines Unternehmens. In Bezug auf die Einstellung von Menschen mit Behinderung müssen wir mehr über ihre Potenziale sprechen. Es gibt viele spezielle Fähigkeiten, die Menschen mit Behinderung haben, die Menschen ohne Behinderung eben nicht haben. Eine Vielfalt im Team führt darüber hinaus in der Regel zu besseren Ergebnissen. Auf der anderen Seite müssen sich Menschen mit Behinderung selbst mehr zutrauen und ein größeres Selbstbewusstsein entwickeln. Auch in Bezug auf dieses Thema müssen wir noch mehr unterstützen, aufklären und beraten.

Brigitte Kasztan: Was Sie über Vielfalt sagen, kann ich nur bestätigen: Wir müssen die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nicht gleichsetzen mit „etwas Gutes tun“. Im Gegenteil: Ein Unternehmen hat sehr viel davon, wenn es auf Vielfalt setzt. Deshalb definieren wir bei Ford Diversity Management ganzheitlich und beschränken es nicht auf einzelne Kategorien wie „Frauen“, „Behinderte“, „Alte“, „Sexuelle
Orientierung“.

Christina Marx: Nun arbeiten ja bei Ihnen, Herr Sippel, Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht unbedingt viele Chancen haben. Definieren Sie Leistung ein Stück ­ weit anders?

Rainer Sippel: Uns sind Studien aufgefallen, die belegen, dass 1970 im Raum Fulda 82 Prozent der Menschen mit geistiger Behinderung auf dem freien Arbeitsmarkt beschäftigt waren. Überwiegend als Hilfsarbeiter in Bäckereien, Fabriken, als Bauarbeiter oder in der Landwirtschaft. Heute werden immer mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausgegrenzt. Vor 15 Jahren haben wir begonnen, das zu ändern, indem wir mit Unternehmern in Fulda ins Gespräch gekommen sind. Zunächst waren viele ablehnend und meinten, es sei zu teuer, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, und außerdem seien die Anforderungen gestiegen. Deshalb haben wir dafür gesorgt, dass sich Unternehmer und junge Menschen mit Behinderung kennenlernen. Plötzlich haben die Unternehmer den Menschen gesehen und nicht das vermeintliche Problem. Viele waren dann bereit, zu überlegen, welche Fähigkeiten die Menschen einbringen könnten. So haben einzelne einen für sie geeigneten Arbeitsplatz gefunden und sich positiv eingebracht – gerade auch durch ihre sozialen Kompetenzen, mit denen sie das ­Arbeitsklima verbessert haben. Wir müssen dahin kommen, Leistung anders zu definieren als rein wirtschaftlich und am Produkt orientiert.

Christina Marx: Der Trend in unserer Gesellschaft und am Arbeitsmarkt geht in Richtung Digitalisierung, Flexibilisierung, Individualisierung. Für Menschen mit leichterer, hauptsächlich körperlicher Behinderung, birgt das Chancen im Hinblick auf Inklusion. Denjenigen mit schwerer und mehrfacher Behinderung droht hingegen, abgehängt zu werden.Wird es Gewinner und Verlierer von Inklusion geben? Wie kann man dem entgegenwirken?

Armin v. Buttlar: Dieses Problem betrifft ja nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch viele andere Bevölkerungsgruppen. Auch Menschen aus bildungsfernen Familien gehören dazu. Leichte Arbeiten verschwinden potenziell vom Arbeitsmarkt, das verursacht Probleme. Deshalb ist es wichtig, Qualifikationen, soweit es geht, zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Menschen mit geistiger Behinderung können ihren Platz finden, wenn alle das wollen. Vor allem im Dienstleistungssektor gibt es noch viele Möglichkeiten.

Rainer Sippel

Rainer Sippel: Wir versuchen, dem entgegenzuwirken. Wir haben jetzt zum Beispiel das neue Berufsbild des „Kuhstreichlers“ und „Melkhelfers“ mitentwickelt. Und es gibt landwirtschaftliche Betriebe in der Region Fulda, die unsere Kuhstreichler und Melkhelfer einstellen. Das funktioniert in einem Fall sogar mit einem gehörlosen jungen Mann, der über eine App mitgeteilt bekommt, wann er welche Tätigkeiten auf dem Bauernhof erledigen soll. Er ist voll aufgenommen in der Familie und sehr glücklich. Auch wenn er nur zwei Euro die Stunde verdient: Es ist gelungen, eine Beschäftigung außerhalb der Werkstatt für ihn zu finden. Weitere vorstellbare Berufe sind zum Beispiel „Schredderer“ oder „Begrüßer im Geschäft“. Wir müssen uns kreativ Gedanken machen über neue Berufe. Menschen mit geistiger Behinderung können ihren Platz finden, wenn alle das wollen. Vor allem im Dienstleistungssektor gibt es da noch viele Möglichkeiten.

Mareice Kaiser: Hier schließt sich der Kreis zu dem, was wir eingangs gesagt haben: Wenn man von klein auf, in der Kita, in der Schule, im Familien- und Bekanntenkreis selbstverständlich mit Menschen mit Behinderung zusammen ist, dann kann man sich auch im späteren Berufsleben als Arbeitgeber eher vorstellen, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Rainer Sippel: Letztlich müssen wir dahin kommen, die Einteilung von „Menschen mit Behinderung“ und „Menschen ohne Behinderung“ zu überwinden. Hilfsbedürftigkeit ist etwas ganz Normales, was jeden von uns im Lauf des Lebens – und sei es nur zeitweise – betreffen kann. Und wir müssen den Leistungsgedanken ganz neu denken.

Mareice Kaiser: Bestimmt ist die Milch von der Kuh, die gestreichelt wurde, viel leckerer als andere und verkauft sich dadurch besser.

Brigitte Kasztan: Wir beobachten ja auch einen zunehmenden Fachkräftemangel. Unternehmen werden noch stärker gezwungen sein, ihren Blick ein Stück weit zu öffnen. Das könnte auch Chancen für Menschen mit Behinderung eröffnen.

Armin v. Buttlar: Richtig. Und auch die technologische Entwicklung wird weitergehen und dabei helfen, bestimmte Defizite zu kompensieren. Aber trotz allem bleibt festzuhalten: Ein Unternehmer, der den Mindestlohn zahlen muss, aber von einem Mitarbeiter nur eine Leistung erwarten kann, die weit darunterliegt, muss für die entstehende Lücke kompensiert werden. Das sind Themen, für die wir als Aktion Mensch sicher Impulse geben können. Deshalb fördern wir zum Beispiel ambulante Assistenzmöglichkeiten oder Integrationsbetriebe.

Wichtig ist auch, dass Unternehmen schneller und unbürokratischer unterstützt werden, wenn sie einen Arbeitsplatz barrierefrei einrichten wollen.

Brigitte Kasztan

Brigitte Kasztan: Wichtig ist auch, dass Unternehmen schneller und unbürokratischer unterstützt werden, wenn sie einen Arbeitsplatz barrierefrei einrichten wollen. Ich erinnere mich an den Fall eines an MS erkrankten Managers bei uns, dessen Dienstwagen wir umbauen lassen wollten. Über ein Jahr haben wir schließlich gebraucht, bis wir die Bewilligung bekamen. Wir als großer Konzern konnten das durchhalten. Aber was soll ein Mittelständler da machen?

Adina Baß: Ein Mittelständler, der solche negativen Erfahrungen gemacht hat, wird sich beim nächsten Mal bestimmt gegen den Bewerber mit Behinderung entscheiden.

Armin v. Buttlar: An diesen bürokratischen Hürden zu arbeiten, ist aus meiner Sicht die wichtigste Aufgabe für die Politik. Unsere Aufgabe ist es, Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen, um schon frühzeitig dafür zu sorgen, dass Einstellungsbarrieren in den Köpfen gar nicht erst entstehen.

Adina Baß: Die Frage lautete, ob es Inklusionsgewinner und -verlierer geben wird. Wenn wir wirkliche Inklusion erreichen wollen, dann müssen wir alle Menschen einbeziehen und niemanden außen vor lassen. Insofern kann es eigentlich auch gar keine „Grenzen“ oder „Verlierer“ der Inklusion geben.

Unsere Aufgabe ist es, Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Ein­stellungsbarrieren in den Köpfen gar nicht erst entstehen.

Armin v. Buttlar

Christina Marx: Das wäre schon ein schönes Schlusswort. Ich möchte Ihnen aber gerne noch eine perspektivische Frage stellen: Wo stehen wir in 20 Jahren? Was würden Sie sich wünschen?

Mareice Kaiser: Im besten Fall müsste es das Wort „Inklusion“ in 20 Jahren gar nicht mehr geben, weil es das Normalste der Welt geworden ist. Speziell mit Blick auf die pränatale Diagnostik würde ich mir wünschen, dass die Menschen nicht vor meiner Tochter oder anderen Menschen mit Behinderung stehen und fragen: „Huch – so etwas gibt es noch?“ oder „Konnten Sie da nichts machen?“. Denn leider passiert mir das oft. Vielleicht sagen die Menschen in 20 Jahren: „Schön, dass es sie gibt.“

Brigitte Kasztan: Ich würde mir wünschen, dass unsere Arbeitsplätze in 20 Jahren so eingerichtet sind, dass es völlig egal ist, wer eingestellt wird. Ob ein Mensch mit oder ohne Behinderung, ob jung, ob alt – die Arbeitsplätze sollen für jeden passen.

Armin v. Buttlar: Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren zum 70. Geburtstag der Aktion Mensch stolz darauf sein können, wie weit wir auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft gekommen sind.

Adina Baß: Ich schätze, dass wir auch dann noch über das Thema Behinderung und Inklusion reden – aber dass wir dann viel, viel weiter sind als heute. Der Schlüssel dazu ist Inklusion schon in Kitas und Schulen, weil nur dann das Miteinander von Grund auf wächst.

Christina Marx: Herr Sippel, das Antoniusheim gibt es bald 110 Jahre. Wird es noch sein 130-jähriges Jubiläum feiern?

Rainer Sippel: Ich denke schon. Allerdings werden sich die Aufgaben des Antoniusheims und dessen Einrichtungen bis dahin so weit verändert haben, dass wir dann hoffentlich selbstverständlich von der Antoniusstadt, einem ganz gewöhnlichen Teil der Barockstadt Fulda, sprechen werden. Ich würde mir wünschen, dass wir uns in 20 Jahren wiedertreffen und eine „Inklusionsinventur“ machen. Dort stellen wir dann hoffentlich fest, dass es viele Schulen gibt, an denen die Kinder gemeinsam zur Schule gehen, und neue Berufe wie der „Kuhstreichler“, „Schredderer“ oder „Begrüßer im Geschäft“ zu unserem Alltag gehören werden.


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