Fischen im Talentpool

Wie funktioniert eigentlich die Nachwuchsförderung im Schwimmsport? Die Antwort: mit ganz viel Herzblut und ehrenamtlichem Engagement! Ein Blick hinter die Kulissen der Herbstfinals von Jugend trainiert für Paralympics.
 

Zahlreiche junge Schwimmer auf startblöcken

63 Schulmannschaften traten bei den Herbstfinals 2013 von Jugend trainiert für Paralympics an.

Text Denis Pfabe

Fotos Kim Keibel

 

Anfeuerungsrufe von mehreren Hundert Schülern schallen durch die Berliner Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark. Die Teleobjektive der Fotografen beschlagen in der drückend warmen Chlorluft. Knatternde Plastik­rasseln wurden dutzendweise vom Veranstalter verteilt. Stadionatmosphäre. Alle Augen sind auf das Wettkampfbecken gerichtet, denn hier findet gerade eine Premiere statt: Die erste gemischte Länderstaffel von Schwimmern mit und ohne Behinderung geht an den Start. Acht mal 25 Meter. Alle Altersklassen sind vertreten. Symbolischer könnte der Wettbewerb nicht starten. 2013 finden die Herbstfinals der bundesweiten Schulmannschaftswettbewerbe Jugend trainiert für Olympia und Jugend trainiert für Paralympics zum ersten Mal an den gleichen Orten und zur gleichen Zeit statt. Die Wettbewerbe geben Nachwuchssportlern die Chance, sich in zehn Disziplinen auf Landesebene mit anderen Schulmannschaften zu messen. 4.631 Teilnehmer und Begleiter sind dieses Jahr für fünf Tage in die Hauptstadt gereist. Unter ihnen die 63 Schwimmteams, die sich für das Finale qualifiziert haben. Das heißt: Hochsaison für Talentscouts! Nachwuchsathleten zu sichten, ist auch für die Behindertensportverbände des Schwimmens eine Priorität bei der Veranstaltung. Ganz vorn am Beckenrand: Mathias Ulm. Er ist Cheftrainer beim Berliner Schwimmteam und für das Sichten des Nachwuchses mitverantwortlich. Ulm ist einer von wenigen Hauptamtlern in Deutschland. „In Berlin sind wir sogar zu dritt, aber bei den meisten Landesverbänden sind vergleichbare Stellen reines Ehrenamt“, sagt er. „Das macht strukturierte Talentsuche und nachhaltige Nachwuchsförderung natürlich schwierig.“ Denn auch, wenn viele Ehrenamtler unglaublich engagiert sind: Sobald Job und Familie drängen oder ein neuer Lebensabschnitt ansteht – seien es Studium, Berufseinstieg oder Familiengründung –, müssen sie Prioritäten setzen und sich nicht selten gegen den Sport entscheiden. Die kontinuierliche Arbeit in den Vereinen wird dadurch schwierig.

Mathias Ulm, Nachwuchsbeauftragter des Berliner Schwimmteams, gibt letzte Tipps am Beckenrand.

 

Das Fundament muss ausgebaut werden

 „Und wenn wir von der Talentsuche im Leistungssport reden, muss man ehrlich sagen: In Deutschland ist es meist noch Zufall, dass ein vielversprechender Nachwuchsschwimmer entdeckt wird“, meint Mathias Ulm. Das schränkt auch die Chancen auf internationaler Ebene ein. Denn in vielen anderen Ländern arbeiten die Behindertensportverbände und Organisationen mithilfe höchst professioneller Strukturen auf allen Ebenen. „Da können wir mit 95 Prozent Ehrenamt einfach nicht Schritt halten“, sagt Mathias Ulm und verweist auf den 12. Platz, den die deutschen Schwimmer bei den letzten Weltmeisterschaften belegten.

Entmutigen lässt sich der Berliner dadurch allerdings nicht. Unermüdlich ist er in der Halle unterwegs, schaut sich die Wettkämpfe an und spricht mit Kampfrichtern, Trainern und natürlich den Schülern, die an den Startblöcken ihrem Einsatz entgegenfiebern. Viele Berliner Kids kennen ihn aus dem Trainingsalltag und holen sich noch schnell letzte Tipps für den Wettkampf.

Während Mathias Ulm durch die Halle läuft, sitzt Ute Schinkitz auf der Tribüne und hat das Becken fest im Blick. Gerade beobachtet sie ein paar Mädchen beim Einschwimmen. Die bunten Badekappen ziehen wie neonfarbene Perlen durchs Wasser – ein fröhliches Bild. Schinkitz’ Miene ist trotzdem ernst. Schlechte Laune? „Überhaupt nicht“, lacht sie und wirkt gleich wie ausgewechselt. „Volle Konzentration gehört einfach zu meinem Berufsbild.“ Seit 2008 ist Schinkitz leitende Bundestrainerin für die Handicapschwimmer im Deutschen Behindertensportverband  und damit unter anderem für das Training des paralympischen Nationalteams zuständig. Bei den heutigen Herbstfinals hält auch sie Ausschau nach begabtem Nachwuchs. „Ich schaue mir die Schwimmer genau an, achte auf das Alter, die körperliche Ausbildung und Verfassung, die jeweilige Behinderung. Es kommt mehr auf das Gesamtbild an als zum Beispiel auf eine einzelne Bestzeit.“ Die Begleitung von Wettkämpfen ist für Schinkitz dann auch nur ein Baustein im komplexen Gebäude der Talentsuche. „Das Wichtigste ist, dass Sichtung und Förderung so früh wie möglich beginnen“, erklärt sie. „Grundsätzlich sind die Voraussetzungen dafür gut. Denn fast alle Eltern möchten, dass ihr Kind schwimmen lernt, egal, ob es eine Behinderung hat oder nicht. Die Aufgabe von Vereinen und Verband ist es dann, die Kinder schon bei den ersten Begegnungen mit dem Sport für das Schwimmen zu gewinnen. Und sie dann auch langfristig an den Sport zu binden.“

Kurze Pause der jungen Sportler am Beckenrand

Mit Bordmitteln viel erreicht

Wie das gelingen kann, zeigt ein erfolgreiches Kooperationsprojekt zwischen dem Berliner Schwimmteam und der Carl-von-Linné-Schule für Körperbehinderte. Seit 2009 gibt es hier eine sogenannte Schwimmklasse für Grundschüler. „Die Kinder haben neben dem normalen Unterricht zweimal die Woche Schwimmtraining, das in den Schulablauf integriert ist“, schildert Sportlehrerin Birgit Pflug. Sie war bei dem Projekt von Anfang an mit dabei und begleitet beim heutigen Turnier mehrere Schüler. „Das Konzept haben wir mithilfe des Vereins entwickelt und ausgebaut. Da steckt von allen Seiten ganz viel Herzblut und Einsatz für unsere sportbegeisterten Schülerinnen und Schüler drin.“ Die danken es mit Erfolgen: Bei den Herbstfinals starten gleich drei Schüler aus der Schwimmklasse bei verschiedenen Wettbewerben. Und vier junge Sportler aus dem Projekt waren sogar schon bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der Menschen mit Behinderung dabei. Ohne das Kooperationsmodell wäre das nicht gelungen, meint Birgit Pflug. „Wahrscheinlich wären die Kinder nicht mal dauerhaft zum Schwimmen gekommen.“ Schulschwimmen gebe es in Deutschland schließlich seit Jahrzehnten, ohne dass sich große Erfolge oder eine nachhaltige Begeisterung für den Leistungssport eingestellt hätten. „Was uns ausschlaggebend vorangebracht hat, ist das Engagement, das über die etablierten Strukturen des Schulsports hinaus geschieht“, so die Lehrerin. Das nächste Ziel der Kooperation ist es, das Schwimmprojekt 2014 auf die Sekundarstufe I auszuweiten. Dem steht in erster Linie noch viel Bürokratie im Weg. Aber Birgit Pflug bleibt zuversichtlich. „Wir boxen uns so durch“,  sagt sie und wendet sich wieder ihrer Schulklasse zu.

Inzwischen ist es kurz vor 18 Uhr, und der lange Wettkampftag geht langsam zu Ende. Ute Schinkitz verfolgt das letzte Rennen. Das Supertalent, die berühmte Nadel im Heuhafen, hat sie heute nicht entdeckt. Aber durchaus einige Teilnehmer, die man noch gezielter fördern sollte. „Da sprechen wir jetzt mit Sportlern, Eltern und Trainern und vermitteln die richtigen Kontakte zu Vereinen und Leistungszentren“, sagt die Trainerin.

Mathias Ulm hockt noch am Beckenrand und spricht mit Lena Schmidt (Name geändert), einer jungen Schwimmerin, die gerade die 25 Meter Freistil hinter sich gebracht hat. Auf der großen Anzeigentafel hinter Mathias Ulm sind die Ergebnisse des Tages zu sehen, jetzt dröhnen auch die Resultate der letzten Wettkämpfe über die Lautsprecheranlage in die Halle. Dritter Platz für Lena! Das Mädchen, das nur eine Hand hat, strahlt, schiebt die verspiegelte Schwimmbrille über die Badekappe und krault schnell Richtung Treppe. Dort warten schon ihre Freundinnen und winken begeistert. Auch Mathias Ulm ist zufrieden. „Ich bin der Überzeugung, dass wir mit den Bedingungen, die wir zurzeit haben, immer noch sehr viel machen, sehr viel erreichen. Das ist etwas, auf das wir sehr stolz sein können. Eine gewisse Portion Idealismus gehört natürlich dazu – sonst funktioniert Sport einfach nicht.“


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