Wie geht’s voran?

Wie einfach ist es für Menschen mit Behinderung, in Deutschland uneingeschränkt mobil zu sein? Und was muss passieren, damit die Lage (noch) besser wird? MENSCHEN. das magazin hat bei vier Experten nachgefragt. Und interessante Antworten bekommen.

Eran Wolff

Timo Hermann: In seinem Ratgeber www.mobilista.eu veröffentlicht er Infos zu den Themen Mobilität und Reisen mit Rollstuhl, Finanzen oder einfache Tricks und Kniffe aus dem Alltag.

Timo Hermann

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viele „Mobilitätspunkte“ geben Sie Deutschland – und warum?

Mehr als 4 Punkte sind nicht drin. Das liegt insbesondere an ländlichen Regionen, in denen Mobilität für Menschen mit Behinderungen sehr viel schwieriger ist als in Ballungsräumen. Aber auch in den Städten gibt es gravierende Unterschiede. Zudem sind längst nicht alle Verkehrsmittel im ÖPNV und Fernverkehr wirklich barrierefrei.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Mobilitätsbremsen?

Zu den klassischen Alltagshürden von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gehören Stufen, defekte oder fehlende Fahrstühle und oftmals Planungsfehler aus Unverständnis und mangelnder Beteiligung von Betroffenen. Das betrifft sowohl bauliche Planungen als auch öffentliche Verkehrsmittel, also Bus, Bahn, Flugzeug.

 

Welche Innovationen oder politischen Entscheidungen könnten diese Bremsen schnell lösen?

Bürokratieabbau und einfache Möglichkeiten, Fördermittel zur barrierefreien baulichen Gestaltung zu beantragen, dürften einiges bewirken, auch eine strikte gesetzliche Verankerung von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum nach britischem oder französischem Vorbild. Dafür müssen die Notwendigkeit von Inklusion erklärt und Hemmschwellen abgebaut werden.

 

Wenn Sie sich drei Dinge wünschen dürften: Was würden Sie persönlich im Hinblick auf mehr Mobilität zuerst ändern?

  1. Die strikte gesetzliche Verankerung von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum,
  2. die Finanzen für eine schnelle Umsetzung und
  3. das gesellschaftliche Bewusstsein für die Notwendigkeit einer barrierefreien Umgebung, die selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Peter Reichert

Heike Witsch: Die Expertin des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter berät bundesweit zum Thema barrierefreier öffentlicher Personennahverkehr.

Heike Witsch

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viele „Mobilitätspunkte“ geben Sie Deutschland – und warum?

6 Punkte. Mobilität – und damit auch Teilhabe am öffentlichen Leben – setzt umfassende Barrierefreiheit voraus. Diese ist bisher weder beim Bau öffentlicher Gebäude noch bei der Infrastruktur und im ÖPNV ausreichend vorhanden.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Mobilitätsbremsen?

Die größte Bremse ist die häufig unzureichende Ausstattung behinderter Menschen mit Hilfsmitteln, die eine Mobilität außerhalb der Wohnung erst zulassen. Beispielsweise ein unzureichend angepasster Rollstuhl, in dem der Nutzer nur kurze Zeit sitzen kann, wird dessen Mobilität erheblich einschränken oder sogar verhindern.

 

Welche Innovationen oder politischen Entscheidungen könnten diese Bremsen schnell lösen?

Eine gesetzliche Regelung zur konsequenten Überprüfung aller neuen Maßnahmen im Bau öffentlicher Gebäude, in der Infrastruktur, in der Fahrzeuggestaltung des ÖPNV und des Fernverkehrs und der Hilfsmittelgestaltung ist erforderlich. Jede Finanzierung muss unter dem Vorbehalt der Förderung der Mobilität für behinderte Menschen stehen.

 

Wenn Sie sich drei Dinge wünschen dürften: Was würden Sie persönlich im Hinblick auf mehr Mobilität zuerst ändern?

  1.  Mobilität und Barrierefreiheit sollten in der Ausbildung von Architekten, Planern, Fahrzeugkonstrukteuren und Rehaberatern mehr Gewicht erhalten.
  2. Politische Entscheidungsträger könnten Praktika in den Verbänden behinderter Menschen absolvieren.
  3. Eine Beteiligung behinderter Menschen bei einer Überprüfung politischer Maßnahmen.

Oliver Ziebe

Gerhard Renzel: Der Verkehrsexperte des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands engagiert sich für Barrierefreiheit und die Belange blinder und sehbehinderter Menschen.

Gerhard Renzel

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viele „Mobilitätspunkte“ geben Sie Deutschland – und warum?

6 Punkte. Die von Deutschland 2007 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention trifft wirksame Maßnahmen zur Sicherung von persönlicher Mobilität, um Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Bislang wurden sie aber von den zuständigen Stellen erst teilweise umgesetzt.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Mobilitätsbremsen?

Häufig sind die öffentlichen Verkehrsräume und Gebäude nur mangelhaft zugänglich. Außerdem werden in einigen Fällen allgemeine Sicherheitsstandards im straßen- und schienengebundenen Verkehr nicht eingehalten. Die Fahrgastinformationen im ÖPNV sind unzureichend, oftmals fehlen elektronische Dienste zur Mobilitätsverbesserung.

 

Welche Innovationen oder politischen Entscheidungen könnten diese Bremsen schnell lösen?

Die politischen Gremien in Deutschland müssen die rechtlichen Voraussetzungen und ein angegliedertes Regelwerk schaffen, damit eine vollständige Barrierefreiheit im „Design für Alle“ realisiert werden kann.

 

Wenn Sie sich drei Dinge wünschen dürften: Was würden Sie persönlich im Hinblick auf mehr Mobilität zuerst ändern?

  1. Die Kenntnisse über Barrierefreiheit der Verkehrsplaner, Architekten und Entwickler von technischen Geräten sind schnellstens zu verbessern.
  2. Eine verbesserte Durchsetzbarkeit des bestehenden Regelwerkes zur Schaffung von Barrierefreiheit.
  3. Eine flächendeckende Ausstattung mit Zusatzeinrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

Rolf K. Wegst

Ramona Günther: Im Bundesvorstand und im Rat behinderter Menschen der Lebenshilfe setzt sie sich für die Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten ein.

Ramona Günther

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viele „Mobilitätspunkte“ geben Sie Deutschland – und warum?

5 Punkte, weil es zur Barrierefreiheit schon einige Verbesserungen gibt, aber zum Beispiel nur auf Bahnhöfen ab einer Beförderungszahl von 1.000 Personen/Tag die Bahnsteige abgesenkt werden sollen, sodass Bahnsteig und Zugeinstieg angepasst sind. Die kleineren Gemeinden bleiben bei vielen Dingen auf der Strecke.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Mobilitätsbremsen?

Die Barrieren in den Köpfen der Verantwortlichen, die immer sagen „das wird alles zu teuer“. Manchmal erzielen schon kleine Veränderungen große Wirkungen. Die Menschen mit Behinderung müssten mehr miteinbezogen werden, da dieser Personenkreis die Probleme am besten kennt.

 

Welche Innovationen oder politischen Entscheidungen könnten diese Bremsen schnell lösen?

Der ländliche Raum muss stärker berücksichtigt werden. An sämtlichen Bahnhöfen – Eisenbahn, S-Bahn, Bus – und in den Beförderungsmitteln selbst sollte es Anzeigetafeln und mündliche Durchsagen geben, um allen Behinderungen gerecht zu werden. Auch Symbole für bestimmte Buslinien innerhalb der Landkreise wären eine Verbesserung.

 

Wenn Sie sich drei Dinge wünschen dürften: Was würden Sie persönlich im Hinblick auf mehr Mobilität zuerst ändern?

  1. Anlaufstellen einrichten für Infos, mit welchem Verkehrsmittel ich zu welcher Zeit an einen bestimmten Ort komme.
  2. Mehr und deutlichere Symbole, zum Beispiel auf Bahnhöfen, für Rolltreppen, Aufzüge und WCs.
  3. Für Menschen mit Körperbehinderung spontanere Hilfeleistungen statt 14-tägige Voranmeldungen.

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