Reden wir drüber

Mit dem Thema Sport können Jugendliche auch sprachlich punkten. Das beweist ein innovatives Projekt des Internationalen Sportclubs Al Hilal in Bad Godesberg.
 

Volle Konzentration vor dem Spiel

Ayse Tasci-Steinebach, Aktion Mensch

Text Stefanie Wulff

Fotos Ayse Tasci-Steinebach

 

 

Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, hat die deutsche Staatsangehörigkeit, spielt in der deutschen Nationalmannschaft: Also ist er deutsch, oder? Was aber ist mit der Herkunft seiner Familie? Wie fühlt er sich selbst? Vielleicht doch eher türkisch? An einem grauen Novembernachmittag debattieren 15 Jugendliche des Internationalen Sportclubs (ISC) Al Hilal Bonn e. V. in der Stadthalle von Bad Godesberg leidenschaftlich über Fußballstars wie Özil oder die Boateng-Brüder. Auf dem Platz sind es ihre großen Vorbilder. Es fällt den jungen Männern leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Jeder von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Das heißt, er selbst oder seine Eltern wurden in der Türkei, in Marokko oder einem anderen Land geboren. In Deutschland sind sie für viele „die Ausländer“, im Herkunftsland gelten sie als „die Deutschen“. Ausgrenzend ist beides. Die eigene Identität zu definieren, ist deshalb eine emotionale Angelegenheit. Deshalb wird die Diskussion schon mal hitzig. „Voll schizophren“, findet einer das Tattoo von Ghana auf dem Arm von Kevin-Prince Boateng. „Wieso nicht stolz sein auf seine Herkunft?“, unterbricht ihn ein anderer.

Jeder soll etwas davon haben

„Hey, wir hatten doch Spielregeln vereinbart! Wir wollen uns ausreden lassen und andere Meinungen respektieren“, mahnt Aleksandra Schmidt-Pendarovska. Die Sprachwissenschaftlerin von der Fachhochschule Niederrhein leitet das Projekt „Fußball und Sprache“. Initiiert hat es Younis Kamil Abdulsalam, Sportwart bei ISC Al Hilal Bonn. Er möchte dazu beitragen, über das Thema Fußball die kommunikativen Kompetenzen der 15- bis 18-Jährigen zu stärken. „Jeder von euch soll etwas davon haben, hier zu sein. Auf dem Platz, bei Bewerbungen, im Leben“, sagt er. Das überzeugt die Jungs offenbar, denn immerhin jeder zweite Spieler kommt gern zu den vier Seminarterminen, macht mit in Arbeitsgruppen, stellt Diskussionsregeln auf und lässt sich beim Präsentieren filmen, um an der eigenen Körpersprache zu feilen. Dass das Thema Fußball für die Übungen den Rahmen bildet, kommt ihnen dabei entgegen. Denn darüber sprechen die Jugendlichen sowieso viel und gern.

Mit Trainer Younis Kamil Abdulsalam (Mitte) feilen die Jungs an ihren Ausdrucksformen.

 

Ayse Tasci-Steinebach, Aktion Mensch

21 Länder - eine Sprache

Die insgesamt rund 1.000 Mitglieder des ISC Al Hilal Bonn in Bad Godesberg kommen aus 21 Ländern – Deutsch wird schon deshalb gesprochen, weil es die einzige Sprache ist, die alle gemeinsam haben. Aber das ist nicht der einzige Grund. Der Verein verbindet Sport und Jugendarbeit mit Integration, will „deutsche“ und „nicht deutsche“ Mitglieder über den Sport zusammenbringen. Al Hilal setzt so ein Zeichen in einem Bonner Stadtteil, in dem Villenviertel und soziale Brennpunkte aneinandergrenzen.

Younis Kamil Abdulsalam hat Sportwissenschaften studiert. Er selbst stammt aus einer binationalen Familie und wurde im Sudan geboren. „Alles, was ich im Leben gelernt habe, habe ich über den Fußball gelernt“, sagt er über sich selbst. Mehrmals pro Woche trainiert er ehrenamtlich die A- und B-Junioren des Vereins. Mit dem Projekt „Fußball und Sprache“ will er über den Sport hinausgehen. „Viele Jugendliche haben massive Probleme mit der Kommunika­tion, sowohl, was das Senden, als auch, was das Empfangen betrifft.“ In den Workshops geht es nicht nur darum, sich auf Deutsch richtig auszudrücken oder die passenden Artikel zum Substantiv zu verwenden. Die Teilnehmer trainieren auch, fair zu diskutieren, Kritik richtig einzuordnen, zu verinnerlichen, dass auch Mimik und Gestik eine Rolle spielen. Damit das mit Mitteln der Engels-Marienforst-Stiftung und der Stadt Bonn unterstützte Projekt nachhaltig wirkt und andere ebenfalls davon profitieren können, soll nach den Workshops Anfang 2014 ein Leitfaden entstehen, mit dem auch andere Trainer arbeiten können.

Für seine vorbildliche Arbeit im Bereich Sport, Ehrenamt und Integration ist der ISC Al Hilal Bonn schon oft prämiert worden. 2011 gewann der Verein den Integrationspreis von DFB und Mercedes-Benz und 2010 sogar den Integrationspreis der Deutschen Islamkonferenz. Der damalige Bundesinnenminister Lothar de Maizière würdigte damit das Projekt „Kinder- und Jugendfußball in Bad Godesberg“ zur Ausbildung von Jugendtrainern, die hauptsächlich aus muslimischen Herkunftsländern stammen. Das Motto des Fußballkonzepts für Jungen und Mädchen lautete damals wie heute: „Integration ist das Ziel – Fußball ist der Weg“.

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