In Bewegung

Beim Sport gehen Menschen an ihre Leistungsgrenzen und oft auch darüber hinaus. Warum eigentlich? Dieser Frage ist MENSCHEN. das magazin für den Fokus dieser Ausgabe nachgegangen – auf dem Fußballplatz und in der Schwimmhalle, beim Rollstuhlbasketball und auf der Skipiste. Die Antworten finden Sie in diesem und anderen Artikeln des Fokus "Sport und Bewegung". Sie sind so vielfältig wie der Sport selbst. Und haben dennoch eine eindeutige Botschaft: Aktiv sein lohnt sich, für sich selbst und für andere. Im diesem ersten Beitrag erzählen fünf Sportlerinnen und Sportler, was sie bewegt. Viel Spaß beim Lesen!

Andreas Fechner, Aktion Mensch

Nicole Peters (24): Special-Olympics_Teilnehmerin als Snowboarderin und Kanutin

 

 

Text Dagmar Puh

 

Der Teufel ist los, in der Skihalle Neuss: Während  draußen bei milden Temperaturen noch das letzte Herbstlaub an den Ästen hängt, bereiten sich drinnen im dicken Schnee Hunderte von Wintersportfans auf die Skisaison vor. Mitten im Getümmel: Nicole Peters. Mit kraftvollen Schwüngen gleitet sie auf ihrem Snowboard den Hang hinab. „Super“, ruft Julian Weidenfeld, ihr Trainingspartner, als sie durchs Ziel geht. Nicole Peters lächelt – und lässt sich vom Lift gleich wieder nach oben ziehen. Für sie ist der Tag in der Skihalle kein lockerer Ausflug, sondern Training für den nächsten Wettkampf. Die 24-Jährige aus Mettmann ist ein sportliches Multitalent. Ob Schwimmen, Radfahren, Gymnastik, Eislaufen, Skifahren, Joggen oder Tanzen: Es gibt fast nichts, was sie nicht schon mit Erfolg ausprobiert hätte. An der Wand in ihrem Zimmer biegen sich dann auch die Haken unter dem Gewicht der vielen Medaillen, die sie bei nationalen und internationalen Wettbewerben errungen hat. „Am tollsten waren die Special Olympics Winterspiele in Nagano vor ein paar Jahren“, erzählt sie. „Der Schnee, das Wetter, die vielen netten Leute – einfach geil! Und zwei Goldmedaillen habe ich auch gewonnen. Da war ich sehr stolz auf mich.“ Dass Nicole Peters mal durch die Welt reisen und an Wettkämpfen teilnehmen würde – noch dazu zusammen mit anderen Sportlern und vor großem Publikum – war lange nicht selbstverständlich: Ein atypischer Autismus, verbunden mit einer kognitiven Einschränkung und der Schwierigkeit, Gesichter wiederzuerkennen, machen es für sie schwer, Alltagsherausforderungen zu meistern und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. „Der Sport hat hier wahre Wunder gewirkt“, sagt Nicoles Mutter, Petra Peters.

Nicole Peters’ Talent wurde während ihrer Schulzeit an der Helen-Keller-Schule in Ratingen, die schon mehrfach als „bewegungsfreudige Schule NRW“ ausgezeichnet wurde, erkannt und gezielt gefördert. Seit sie die Schule abgeschlossen hat, ist es aber schwieriger geworden, ihrem Sport auf dem gewohnten Niveau nachzugehen. Große Unterstützung bekommt die junge Sportlerin vom Skiclub Lintorf in Ratingen, dem auch ihr Trainings- und Wettkampfpartner Julian Weidenfeld angehört. Dank des Klubs kann sie auch weiterhin bei den Special Olympics Winterspielen in den Snowboardwettbewerben teilnehmen. In vielen anderen Vereinen sind die Vorbehalte gegen Menschen mit einer kognitiven Einschränkung aber groß. „Da muss man leider wirklich viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Petra Peters.  Inzwischen ist aber ein passendes Fitnessstudio gefunden. Dort bereitet sich Nicole Peters auf die Special Olympics Sommerspiele 2014 in Düsseldorf vor. Die größte Herausforderung steht aber im privaten Bereich an: Im Frühjahr zieht sie von zu Hause aus und in eine betreute Wohngemeinschaft. „Das wird super“, strahlt sie. Das Wichtigste hat sie natürlich schon abgeklärt: Ihr Sportstudio ist von der neuen Wohnung aus ganz leicht zu erreichen.

Willi Simon (70): Rettungsschwimmer, Schwimmtrainer und Turner

Karsten Thormaehlen, Aktion Mensch

Willi Simon gibt Hilfestellung im Sport und im Leben

Weit hat es auch Willi Simon nicht zur Schwimmhalle in der Kaserne von Idar-Oberstein. Dort steht er zweimal die Woche am Beckenrand und bringt Menschen aller Altersgruppen bei, wie man sich im Wasser gut und sicher bewegt. Danach dreht er selbst noch ein paar Runden. Aus Spaß – und weil im Frühjahr die Auffrischungsprüfung zum Rettungsschwimmer ansteht, die er einmal jährlich ablegt. Neben dem Schwimmen hat er noch Geräteturnen auf seinem Trainingsplan: Barren, Reck und ein bisschen Gewichtheben. Ein strammes Programm – vor allem, wenn man wie Willi Simon demnächst seinen 82. Geburtstag feiert. „Ich habe mein Leben lang gern und viel Sport gemacht“, meint Simon. „Warum sollte ich jetzt damit aufhören?“

Eine Motivation für den ältesten aktiven Rettungsschwimmer Deutschlands: selbst fit und aktiv zu bleiben. Sein Hauptantrieb ist aber ein anderer. „Ich komme ja vom Turnen“, erzählt Simon. „Da ist es ganz wichtig, dass man Hilfestellung gibt und bekommt. Für mich ist genau das immer das Wesentliche am Sport gewesen: dass man sich gegenseitig unterstützt und fair miteinander umgeht. Das möchte ich weitergeben.“ Ein Blick auf Simons Biografie zeigt, dass er diese Einstellung immer schon gelebt hat. Neben dem aktiven Sport war er jahrzehntelang als Trainer und Vorstand im Turnverein aktiv. Auch zum Rettungsschwimmen kam er – mit immerhin schon 47 Jahren – mehr aus sozialen Gründen als aus sportlichem Ehrgeiz: Für das Training im nicht öffentlichen Kasernenbad brauchte seine Schwimmgruppe einen ausgebildeten Rettungsschwimmer. „Das ist doch was für dich, Willi, hieß es dann“, lacht Simon.

Zu Simons Schwimmschülern zählen vor allem Kinder, aber auch Menschen aus anderen Altersgruppen. Alle bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, auf die sich Simon jedes Mal individuell einstellen muss. „Das Wichtigste ist immer, das jemand Vertrauen ins Wasser fasst“, sagt  er. Bisher konnte er dieses Vertrauen noch jedem vermitteln. „Und wenn dann jemand, der anfangs Riesenangst hatte, stolz mit seinem ersten Schwimmabzeichen vor dir steht – das ist schon ein tolles Gefühl.“

Pablo Garcia (34): Integrationsbeauftrgter und Co-Trainer beim 1. FC Union Berlin

Kim Keibel, Aktion Mensch

Pablo Garcia baut Brücken nach Deutschland

Ums Hilfestellung geben dreht sich auch der Arbeitsalltag von Pablo Garcia. Als Integrationsbeauftragter des 1. FC Union Berlin sorgt der studierte Sportwissenschaftler dafür, dass neue Spieler aus dem Ausland sich im Verein und im neuen Land zurechtfinden. Klares Interesse des Vereins: Die Profis sollen den Kopf frei haben für den Sport und schnell volle Leistung bringen. „Das ist mir natürlich auch wichtig“, betont Garcia. „Die menschliche Seite hat aber ebenso viel Bedeutung: Die Spieler sollen sich bei uns wohl, sicher und willkommen fühlen.“ Dafür steht der 34-Jährige bei jedem Training mit auf dem Platz und dolmetscht zwischen Trainer und Spielern. Abseits vom Rasen unterstützt er bei Behördengängen und Wohnungssuche, vermittelt den richtigen Sprachkurs, erklärt, wie die Deutschen so ticken, und hat bei Bedarf Tipps für die Freizeitgestaltung und gegen Heimweh in petto. Alles Probleme, die Garcia aus eigener Erfahrung kennt: 2005 kam der Spanier noch während seines Studiums als Praktikant zu Union Berlin. Aus dem Auslandssemester sind, mit Unterbrechungen, inzwischen neun Jahre geworden. Die Erfahrungen aus seiner ersten Zeit in Deutschland hat Garcia aber nicht vergessen. Das hilft ihm, die Spieler zu unterstützen. Dass er ganz nebenbei noch sechs Sprachen spricht, ist auch nicht verkehrt. „Eigentlich ist aber der Sport das beste Integrationsmittel“, meint Garcia. „Ich liebe Fußball, die Spieler lieben Fußball, die Fans lieben Fußball. So eine Leidenschaft verbindet. Da lassen sich dann Brücken in alle Richtungen schlagen.“ Das klappt: Seit Garcia an Bord ist, sind interkulturelle Konflikte im Team oder ausländerfeindliche Fansprüche im Stadion bei Union Berlin kaum noch ein Thema. „Und auf den Social-Media-Seiten unseres Vereins sieht man, dass die Fans alle Spieler als ‚unsere Jungs‘ betrachten, egal, ob sie aus Burkina Faso oder Berlin-Hellersdorf stammen“, erzählt Garcia. „Gibt es einen besseren Beweis für die Integrationskraft von Sport?“

Claudia Breidbach (43): Fallschirmspringerin mit Armprothese

Claudia Breidbach, Aktion Mensch

Claudia Breidbach überwindet Grenzen im Kopf

In Sachen Sportleidenschaft kann Claudia Breidbach mit den Berliner Fußballfans problemlos mithalten. Aus jeder Silbe klingt die Begeisterung, wenn die Fallschirmspringerin über ihren Sport spricht. „Es gibt da immer diesen Moment, direkt vor dem Absprung. Die Millisekunde, in der man in der offenen Flugzeugtür steht und sich fragt, warum man das eigentlich macht – ins Leere springen, im freien Fall durch die Luft rasen. Das ist ja völlig gegen die Natur. Dann springt man. Und es ist großartig!“ Ein Tandemsprung mit einer Freundin brachte sie 2008 auf den Geschmack. Seit 2009 ist die Koblenzerin aktiv dabei, besitzt eine eigene Lizenz und hat inzwischen Hunderte von Sprüngen absolviert. Auch Formationsspringen gehört zu ihrem Repertoire: 2013 trat sie mit drei Sportkollegen als Team Karma bei den Deutschen Meisterschaften an und kam gleich auf Platz 5. Eine perfekte Erfolgsgeschichte, die es beinah nicht gegeben hätte. Denn Claudia Breidbach musste weit mehr als nur Sprungangst und Luftwiderstand überwinden, um überhaupt an den Start gehen zu dürfen. Der Grund: Die 43-Jährige hat eine Unterarmprothese. Einhändig einen potenziell lebensgefährlichen Sport betreiben, bei dem Greifen, Festhalten und perfektes Hantieren mit einer komplizierten Ausrüstung ein Muss sind? Für den Fallschirmsportverband, die Trainer und viele andere Springer zunächst unvorstellbar! Mit Humor und ganz viel Hartnäckigkeit erkämpfte sich Claudia Breidbach die ersten Sprünge und überzeugte mit ihrer Leistung. „Menschen mit Handicap können vielleicht nicht alles machen. Man sollte uns aber die Chance geben, alles auszuprobieren“, sagt sie. „Dann geht meist viel mehr als man zunächst denkt.“ In diesem Sinne versteht sich Claudia Breidbach als Mutmacherin und – zusammen mit ihrem 4er-Formationsteam, dem außer ihr nur Springer ohne Behinderung angehören –  auch als Botschafterin für Inklusion. „Wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Fallschirmspringen können, dann kann das inklusive Miteinander im Alltag doch auch kein Problem sein, oder?“, meint sie augenzwinkernd. „Wenn man sich traut, lassen sich viele Grenzen überwinden – die in fremden, aber vor allem auch die im eigenen Kopf.“

Elmar Sprink (41): Triathlet mit Spenderherz

Besim Mazhiqi, Aktion Mensch

Grenzen überwinden und Einstellungen verändern will auch Elmar Sprink, 41. Jahrelang standen für den ehrgeizigen Hobbysportler dabei die eigenen Leistungsgrenzen im Vordergrund. Radrennen, Bergsteigen, Triathlon – immer schneller, immer höher, immer weiter. Dann kam dieser Tag im Sommer 2010: „Ich lag auf der Couch, habe ein bisschen Tour de France geguckt und auf einmal wurde mir schwarz vor Augen“, erinnert sich Sprink. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich schon auf der Intensivstation.“ Der erste von drei Herzstillständen, die den Kölner immer mehr schwächten. Irgendwann fiel selbst das Sitzen ohne Hilfe schwer. Monatelang wartete Sprink im Krankenhaus auf ein geeignetes Spenderherz, immer wieder stand sein Überleben auf der Kippe. Im Sommer 2012 erfolgte dann endlich die Herztransplantation. „Während der ganzen Zeit war für mich aber klar: Wenn ich lebend hier rauskomme, will ich wieder Sport treiben“, sagt er. Noch im Krankenhaus notierte er, was er machen wollte: Heliskiing, Bergsteigen in den Alpen, noch mal beim Triathlon dabei sein. Vieles ist – zum Erstaunen der Ärzte und nicht selten zum Entsetzen seiner Frau – inzwischen bereits erledigt. Was wie ein Wunder klingt, ist das Ergebnis harter Arbeit. Schritt für Schritt tastete sich Sprink voran – vom ersten mühsamen Spaziergang auf dem Krankenhausgang bis zum Kölner Halbmarathon im Herbst 2013. Sein nächstes Ziel: der Ironman-Triathlon 2014 auf Hawaii.

Ist also einfach alles wie früher? „Ganz und gar nicht“, meint Sprink. „Meine Ziele sind ganz andere geworden.“ Persönliche Bestzeiten interessieren ihn nur noch mäßig. Heute ist der Sport für ihn vor allem ein Mittel, sich für andere zu engagieren und auf die Bedeutung von Organspenden aufmerksam zu machen. Mit Flyern und T-Shirts, die er am Rande seiner Wettkämpfe unter die Leute bringt, Medienauftritten, bei denen er seinen „Glamourfaktor“ als einer von ganz wenigen Triathleten mit Spenderherz nutzt, Vorträgen und vielen weiteren Aktionen setzt er sich für die gute Sache ein. „Früher hatte ich zwar einen Organspendeausweis, habe mich mit dem Thema Organspende aber nie wirklich beschäftigt“, gibt er zu. „Aber seit ich selbst betroffen bin und viele andere Betroffene kenne, weiß ich, wie wichtig das ist. Mit einer Spende kann man anderen viel Leid ersparen und ein gutes Leben ermöglichen. Ich möchte, auch und gerade durch den Sport, dazu beitragen, dass mehr Menschen diese Möglichkeit nutzen.“


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