Schöne neue technische Welt

Machen technische Innovationen das Engagement für Barrierefreiheit überflüssig? Nein, meint Astrid Eichstedt. Weil weder freie Entscheidung noch Inklusion das Ergebnis wären.
 

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Text  Astrid Eichstedt

Nobody is perfect – dieser Satz gilt heute wie vor  100 Jahren. Doch niemals zuvor strebten so viele Menschen nach Perfektion wie im 21. Jahrhundert. Gesünder, attraktiver, aktiver und geistig fitter wollen wir sein. Denn angesichts der rasanten Fortschritte in Biotechnologie, Medizin- und Computertechnik sowie der Verheißungen von Pharma-, Mode-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie mutet die Erfüllung solcher Wünsche – zumindest für diejenigen, die es sich leisten können – immer realistischer an.
Neue Technologien eröffnen eine Fülle an Möglichkeiten, die menschliche „Vervollkommnung“ voranzutreiben. Für Menschen mit Behinderung hat das auf den ersten Blick nur Vorteile: Es gibt immer ausgefeiltere Hilfsmittel, um Einschränkungen von Sinneswahrnehmungen oder Körperfunktionen technisch auszugleichen. Digitale Medien bieten überdies vielfältige Angebote zu sozialer Vernetzung, die weitgehend unabhängig ist von körperlicher Mobilität. Alles in allem gewähren neue Technologien den Nutzern also mehr Freiheit, mehr Teilhabe und liefern so eine Basis dafür, dass mehr Nähe zwischen den Menschen mit und ohne Behinderung entstehen kann.

Eine inklusive Gesellschaft ist eine, die Vielfalt akzeptiert und Schwächen zulässt.
 

Angesichts dieser schönen neuen technischen Welt könnte mancher auf die Idee kommen, dass wir am Ende gar nicht mehr Barrierefreiheit brauchen, weil es ja immer bessere Hilfsmittel zur Überwindung von Barrieren gibt. Das allerdings ist keine gute Idee! Schließlich darf es nicht darauf hinauslaufen, dass sich die einen, nämlich die Menschen mit Behinderung, an die anderen, die ohne Behinderung, und an deren Welt voller Barrieren anzupassen haben. Vielmehr muss es eine gegenseitige Annäherung geben. Eine inklusive Gesellschaft ist eine, die Vielfalt akzeptiert und Schwächen zulässt. Inklusion setzt voraus, dass der Einzelne Schwächen kompensieren kann, aber nicht muss. Und Inklusion bedeutet auch, dass für Barrierefreiheit gesorgt wird, die im Übrigen allen Menschen zugutekommt und nicht nur denen, die eine offensichtliche Behinderung haben.
Diejenigen also, die aus freier Entscheidung auf technische Hilfsmittel zum Ausgleich körperlicher Einschränkungen verzichten – vielleicht, weil sie einfach so sein und so akzeptiert werden wollen, wie sie sind –, dürfen nicht unter Druck gesetzt werden. Sondern man muss sie in ihrer Entscheidung respektieren. Umgekehrt sollten sie jene Menschen respektieren, die sich dafür entschieden haben, technische Hilfsmittel für sich in Anspruch zu nehmen.

Wir gehen einer Zukunft entgegen, in der es immer mehr Cyborgs geben wird.
 

Und noch etwas ist zu bedenken: Teilhabe durch Technik kann nur dann erreicht werden, wenn diese gemeinsam mit ihren Nutzern erdacht und erprobt wird. Soziale Inklusion wird nur dann verwirklicht, wenn sich die Menschen gegenseitig unterstützen. Anders gesagt: Technische Hilfsmittel können eine gute Voraussetzung für mehr
Nähe schaffen. Doch aufeinander zugehen müssen die Menschen selbst.
Die Fortschritte in der Medizin, Genetik, Nanotechnologie und Robotik werfen noch weitere Fragen auf. Theoretisch besteht die Möglichkeit, dass sich auch Menschen, die keine Behinderung haben, „bessere“ künstliche Körperteile einsetzen lassen und dass Eltern ein in ihren Augen perfektes genmanipuliertes Baby „bestellen“ wollen. Wo genügend Geld im Spiel ist, werden sich Mittel und Wege finden, entsprechende gesetzliche Verbote zu umgehen.
Egal, wie man zum Fortschritt steht: Aufzuhalten sein wird er nicht. Wir gehen einer Zukunft entgegen, in der es immer mehr Cyborgs, Zwischenwesen aus menschlichen und künstlichen Anteilen, geben wird. Schon heute haben etwa Parkinsonpatienten künstliche Nervenzellen in sich, manche Menschen tragen Cochlea-Implantate, andere Herzschrittmacher, Kontaktlinsen oder ein Gebiss. Solange sich Mensch und Technik ergänzen und solange uns die Technik dient und nicht das Kommando übernimmt, ist sie am Ende wohl weniger Fluch als Segen.


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