Auf der Rolle

Schnell, spannend, inklusiv: Warum Rollstuhlbasketball Kult ist, zeigt ein Besuch beim RBC Köln 99ers.

Gabriel Kasapoglu

Text Dagmar Puh

Fotos Bozica Babic

 

 

Samstag, 12. Oktober 2013, in der Sporthalle Bergischer Ring im Kölner Stadtteil Mülheim. Kurz vor dem Abpfiff steht es immer noch unentschieden beim Bundesligaspiel zwischen dem RBC Köln 99ers und den Mainhatten Skywheelers aus Frankfurt. Dann setzen die Kölner zum letzten Angriff an. Blitzschnell rollt Flügelspielerin Marina Mohnen übers Feld und sichert mit einem Traumwurf vier Sekunden vor Schluss den Heimsieg. Der Jubel auf den Rängen ist riesig. Nach dem Spiel fachsimpelt 99ers-Spieler Patrick Richter an der Bande noch mit den Fans. Man kennt sich: Viele Zuschauer spielen selbst Rollstuhlbasketball im Verein, einige unter der Anleitung von Patrick Richter. Denn er trainiert auch die Oberligamannschaft der 99ers. Noch am Spieltag war er morgens vier Stunden mit seinen Schützlingen auf dem Feld. Als Erstligist die 3. Mannschaft coachen – jede Woche, neben der Arbeit und dem eigenen straffen Trainingsprogramm? „Warum nicht?“, fragt ­Patrick Richter erstaunt, während er Richtung Kabine rollt und nebenbei noch schnell ein paar Mitfahrgelegenheiten für die Fans regelt. „Ist doch klar, dass wir uns im Verein gegenseitig unterstützen. Ich gebe gern Erfahrungen weiter und lerne dabei selbst immer dazu. Coachen ist ganz anders als selbst spielen. Man muss die komplexen Spielabläufe auf konkrete Übungen runterbrechen, alles verständlich erklären – gar nicht so einfach.“

 

Bei den 99ers sind nicht nur die Grenzen zwischen Breitensport und Leistungsschiene fließend. Das zeigt schon ein Blick auf die Mannschaftsaufstellungen: Für den Verein treten ausschließlich gemischte Teams aus Menschen mit und ohne Handicap, Männern und Frauen, älteren und jüngeren Spielern an – quer durch alle Leistungsklassen. Das ist typisch für den Rollstuhlbasketball. Damit Teams und Leistungen vergleichbar bleiben, werden die Spieler nach Behinderungsgrad klassifiziert – wer am stärksten eingeschränkt ist, geht mit 1,0 Punkten aufs Feld, nicht behinderte Spieler mit 4,5. Pro Team dürfen maximal 14,5 Punkte zusammenkommen. Die 99ers gehen in Sachen Integration noch einen Schritt weiter: Ganz explizit definiert sich der Kölner Club als multikulturell und will damit auch ein Zeichen setzen. Insgesamt sind Menschen aus sieben Nationen im Verein aktiv.

Marina Mohnen

Maßgeschneidertes Training für Einsteiger

 

Für Frederic Jäntsch, Center und einer der beiden Fußgänger in der 1. Mannschaft, macht die Inklusivität einen wesentlichen Reiz des Spiels aus. „Das Beste ist, dass du Inklusion dabei nicht denken musst, sie passiert einfach“, sagt er. „Beim Spielen macht es keinen Unterschied, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Alle sitzen im Rollstuhl, sind auf gleicher Höhe und machen einfach Sport zusammen.“ Dass das Spiel schnell und anspruchsvoll ist – auch, weil man mit Ball und Rollstuhl gleich zwei Geräte koordinieren muss – und viel Teamgeist verlangt, sind für den 31-Jährigen weitere Pluspunkte. Frederic Jäntsch kam vor sieben Jahren über den Unisport zum Rollstuhlbasketball und hatte vorher keine Erfahrung mit dem Körbemachen. Andere Spieler sind dagegen vom Fußgängerbasketball auf die Rollivariante umgestiegen. Bestes Beispiel: Patrick Richter. „Als Jugendlicher habe ich in der Kreisklasse gespielt“, erzählt er. „Auf dem Weg zu einem Spiel hatte ich dann mit Anfang 20 einen Autounfall und bin seitdem querschnittgelähmt. Mit Rollstuhlbasketball habe ich noch in der Klinik angefangen.“

 

Wer solche Erfahrungen mitbringt, hat es beim Einstieg in den Sport natürlich leichter. Die Regeln der beiden Basketballvarianten unterscheiden sich kaum; Kondition, Koordinationsfähigkeit, strategisches Denken und Geschick beim Werfen sind hier wie dort gefragt. „Aber auch ohne Vorkenntnisse kann eigentlich fast jeder, der sich gern bewegt, Rollstuhlbasketball lernen“, meint Hanna Fischer. Die ausgebildete Heilpädagogin kümmert sich bei den 99ers vor allem um die Neulinge und Freizeitsportler. Dribbeln, passen, werfen, manövrieren – das und mehr steht auf den Trainingsplänen, die sie für ihre Spielerinnen und Spieler austüftelt. Die besondere Herausforderung dabei: „Bei uns spielen ja nicht nur Menschen mit und ohne Handicap zusammen, sondern vor allem auch Menschen mit verschiedenen Behinderungen“, schildert Hanna Fischer. „Das müssen wir natürlich berücksichtigen und das Training sehr individuell auf jeden Einzelnen zuschneiden.“

 

In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass – je nach Kraft und Bewegungsfähigkeit – ganz unterschiedliche Wurftechniken und Rollstuhlmanöver eingeübt werden. Und wer anfangs Schwierigkeiten hat, beim hohen Tempo auf dem Spielfeld den Überblick zu behalten, bekommt von Hanna Fischer einen Paten an die Seite gestellt. Mit dem Sportgerät Rollstuhl haben übrigens die wenigsten echte Probleme – auch, wenn sie im Alltag reine Fußgänger sind. „Wir üben ein paar Grundtechniken, dann geht’s gleich aufs Spielfeld“, sagt Hanna Fischer. „Da denkt man dann gar nicht mehr über den Rollstuhl nach, sondern macht ganz intuitiv das meiste richtig.“ Wenn es doch mal hakt, weiß die Trainerin aus eigener Erfahrung Rat: Sie hat während ihres Studiums das Rollstuhlfahren von der Pieke auf gelernt. Spieler, die den Stuhl immer nutzen, profitieren im Alltag von dem Plus an Kraft und Wendigkeit, das sie im Training erwerben.

Frederic Jäntsch

Vom Rehasport zur Kultsportart

 

Die unterstützende, familiäre Atmosphäre bei den 99ers ist einer der Gründe dafür, dass der Club keine Nachwuchssorgen hat. Zwar wirbt der Verein bei Veranstaltungen auch aktiv um neue Mitglieder. Viele kommen aber über Mundpropaganda dazu. Als Botschafter ihres Vereins verstehen sich auch Sven und Marius Neeb. Die 17-jährigen Zwillinge spielen seit zwei Jahren für die 99ers in der Ober- und Landesliga. „In der Zeit haben wir schon einige Freunde mit hierhingeschleppt“, grinst Sven. Die ersten Spiele absolvierten die Brüder übrigens in ihren Alltagsrollis. Denn eine Hürde gibt es beim Rollstuhlbasketball leider doch: die maßgeschneiderten Sportrollis – vor allem deren Kosten ab 5.000 Euro aufwärts, die die Krankenkasse nicht immer übernimmt. Sven und Marius Neeb starteten kurzentschlossen eine Spendenkampagne und finanzierten so ihre Stühle weitgehend selbst. „Wer den Sport ausprobieren möchte, kann aber erst mal auch einen unserer Leihrollis nutzen“, sagt Hanna Fischer.

Trotz dieses Wermutstropfens hat sich Rollstuhlbasketball in den letzten Jahren vom vermeintlichen Reha- zum echten Kultsport entwickelt. Bester Gradmesser für die wachsende Popularität: die Medien. Große Marken wie der Getränkehersteller Guinness setzen Rollstuhlbasketball in ihren aktuellen Werbespots in Szene. Und von der Europameisterschaft 2013 in Frankfurt am Main berichtete die ARD sogar live. „Wir hoffen natürlich, dass dadurch auch mehr Sponsoren auf uns aufmerksam werden“, sagt Patrick Richter. „Denn klar ist: Ein so umfangreiches und attraktives Angebot für Breiten- und Leistungssportler, wie die 99ers es bieten, kostet halt auch Geld.“ Bis Rollstuhlbasketball wirklich Mainstream sei, werde es noch dauern, meint Frederic Jäntsch: „Wenn ich neuen Bekannten von meinem Sport erzähle, verstehen die meisten erst mal ‚Rollschuhbasketball‘“, lacht der Zweimetermann. „Da haben wir noch ein bisschen Arbeit vor uns. Aber dafür sind wir ja auch auf dem Platz.“


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