Arena der Superhelden

Große mediale Präsenz, große sportliche Leistungen: Die Paralympics begeistern die Öffentlichkeit. Doch vermitteln sie nicht ein einseitiges Bild von Behinderung? Und kommt Inklusion durch solche Großereignisse wirklich voran? Rebecca Maskos über Faszination und Perspektiven des Leistungssports.
 

© m.studio/fotolia
Illustration eines Läufers mit Beinprothesen

Weit über 4.000 Athleten aus 164 Nationen, 2,5 Millionen Zuschauer und ein nie da gewesenes Medienspektakel – die Paralympics in London waren ein Massenevent der Superlative. Im September sollen die Paralympics in Rio de Janeiro dem Londoner Megaevent von 2012 nacheifern, mit ähnlich vielen Athleten aus noch mehr Ländern und natürlich Millionen von Zuschauern. Ein gutes Zeichen, sieht man doch daran die Akzeptanz und Normalität, die Behindertensport und damit die Präsenz behinderter Menschen in den Massenmedien mittlerweile hat. Die Zuschauer sind begeistert von den sportlichen Leistungen, den scheinbar übermenschlichen Anstrengungen und der Magie des Gewinnens. Es ist jene Faszination, die auch von Olympia und anderen hochkarätigen Wettkämpfen ausgeht.

Behinderung macht Angst

Bei den Paralympics kommt noch etwas hinzu, das die Zuschauer fasziniert, das über die Olympia-magie hinausgeht: das Trotz. Es ist die Leistung trotz Behinderung, die viele begeistert. Die verbreitete Vorstellung, dass Menschen mit Behinderung kaum zu herausragenden körperlichen Leistungen fähig seien, verleiht den Athleten den Nimbus übermenschlicher Superhelden. Dadurch rückt Behinderung ganz weit weg aus dem eigenen Leben. Und diese Reaktion scheint psychologisch nahe liegend zu sein. Denn Behinderung ist immer noch nicht alltäglich für die meisten Menschen, und Behinderung macht Angst. Selbst einmal einen Unfall zu haben oder chronisch krank zu werden, ist eine Aussicht, die die meisten Menschen von sich fernhalten möchten. Da ist es praktisch, wenn die Menschheit eingeteilt ist in „Die“ und „Wir“: Auf der einen Seite „die Behinderten“, die einerseits zu bemitleiden, andererseits zu bewundern sind. Auf der anderen Seite „wir“, die mit alldem nichts zu tun haben.

Zeit, aufzuhören mit dem "Wir" und "Die"

Die Paralympics ermöglichen, mit dem sicheren Abstand der Zuschauerbank oder des Fernsehsessels, ohne Verbote hinstarren zu dürfen. Die behinderten Athleten sind wie ein Mittel, das die Angst vor Behinderung und Krankheit dämpft. Wenn es so weit käme, dass man selbst behindert würde, dann wäre das Leben nicht gleich vorbei. Man kann immer noch Anerkennung finden – auch das scheint die Botschaft der Paralympics zu sein. Die Medien erzählen gern vom „Kampf“ der Athleten gegen ihre Behinderung und vom starken Willen, der sie ihre Grenzen „überwinden“ lässt. So sieht man Menschen mit Behinderung gern: aktiv, selbstständig, willensstark und ehrgeizig. Aber nicht alle können und wollen das. Behindertensport ist eine von vielen Möglichkeiten, sich Ziele im Leben zu setzen, sich zu verwirklichen. Problematisch wird es, wenn der starke mediale Fokus auf Behindertensport den Blick auf Behinderung generell verengt und Druck erzeugt. Wenn Behindertensportler Vorbilder sein sollen für alle. Auch an Nichtbehinderten geht der subtile Appell nicht spurlos vorbei: „Strengt euch an! Wenn die es schaffen, schafft ihr es erst recht – wenn ihr nur richtig wollt.“

Höchste Zeit also, aufzuhören mit dem „Wir“ und „Die“. Vielleicht sollte man die Paralympics hineinholen in die Olympischen Spiele, in inklusive Olympische Spiele. Das müsste nicht bedeuten, dass alle bei den gleichen Wettkämpfen antreten. Beeinträchtigte Körper können sich wahrscheinlich selten mit nicht beeinträchtigten Körpern messen, auch wenn Sprinter mit Hightechprothesen schon olympische Sprinter überboten haben. Auch in der inklusiven Schule macht schließlich nicht jeder Abitur. Es geht vielmehr um wirklich gemeinsame Spiele. Und darum, dass Behinderung Teil des Lebens aller Menschen ist.         


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