Zurück ins Leben

Wer psychisch krank ist, hat oft auch keinen Job – weil weder die Menschen selbst noch die Arbeitgeber Vertrauen in ihre Stärken haben. Doch vielen geht es noch schlechter, wenn sie nicht arbeiten. Deshalb bereitet die Weinheimer AWO Menschen mit psychischen Störungen auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vor.
 

Text: Eva Keller
Fotos: Evi Blink
Illustration: Paetrick Schmidt

Im Zuverdienstprojekt trainiert Jürgen Haug wieder den Umgang mit Kollegen und Gästen, einen Rhythmus sowie verlässliches und selbstständiges Arbeiten.

Fünf Quadratmeter Spülküche: Das ist das, was Jürgen Haug einen „optimalen Arbeitsplatz“ nennt. Eng geht es hier zu, wenn Haug mit zwei Kollegen Essensreste von den Tellern kratzt, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine räumt und nach ein paar Minuten Brummen die sauberen Teller und Tassen wieder aus der dampfenden Maschine holt.

„Das muss man erst mal aushalten“, sagt der 36-Jährige. Er hat gelernt, diese Nähe auszuhalten – und genau das war sein Ziel, als er im Herbst 2012 im Zuverdienstprojekt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Weinheim an der Bergstraße angefangen hat. Frauen und Männer mit psychischen Erkrankungen arbeiten hier bis zu 15 Stunden wöchentlich in der Küche mit, die für das Mittagessen im AWO-eigenen Bistro sorgt, Kindergärten und Schulen mit Essen beliefert und Catering für Festlichkeiten übernimmt. Hier verdienen sie sich zwischen 1,50 und 3 Euro zu ihrem Arbeitslosengeld dazu, aber das Geld ist für sie eher Nebensache. Sie wollen wieder arbeiten, würden einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt aber (noch) nicht packen.

Ein Dutzend von mehreren Millionen: Die Zahl der Menschen, die wegen psychischer Probleme im Beruf ausfallen, steigt ständig. Im Jahr 2013 waren Angststörungen, Depressionen, Neurosen und andere psychische Erkrankrungen, so der Gesundheitsreport der Krankenkassen, mit gut 14 Prozent der zweitwichtigste Grund für Krankschreibungen. Wird die Erkrankung chronisch, gehen viele in Frührente. Andere entscheiden sich für eine Arbeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Druck vom Chef, hohe Erwartungen an sich selbst, Stress und Herausforderungen: Das sind nur einige der Ursachen, die eine psychische Erkrankung auslösen oder verstärken können. Jürgen Haug hat Energieelektriker gelernt, direkt nach seiner Ausbildung wurde er zur Wartung von technischen Anlagen alle paar Tage in eine andere Firma geschickt. Eine anspruchsvolle Aufgabe, immer allein, keine Kollegen. Zwei Jahre hielt er durch, dann hörte er Stimmen. Nach einer langen Auszeit und diversen Arbeitsversuchen in Praktika und Beschäftigungsprojekten ist er jetzt wieder auf einem guten Weg: Im Herbst will er eine Weiterbildung starten, um in seinem Beruf den Anschluss zu finden. „Bis dahin bin ich hier gut aufgehoben“, sagt Haug. Hier trainiert er, 15 Stunden pro Woche: den Umgang mit Kollegen und Gästen, einen Rhythmus, verlässliches und selbstständiges Arbeiten.

An die Arbeit mit psychisch Kranken musste sich der Küchenleiter Georg Fibi erst gewöhnen. Heute meint er: „Man muss jeden so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.“

Geschützter Rahmen mit realistischen Aufgaben

Das AWO-Projekt bietet dafür einen geschützten Rahmen. Weil Aufgaben und Arbeitszeit individuell abgestimmt werden. Weil pädagogische Fachkräfte im Haus für alle Anliegen der Mitarbeiter jederzeit ansprechbar sind. Und weil Küchenleiter Georg Fibi klug plant. „Ich teile immer mehr Leute ein als eigentlich nötig – weil ich nie sicher sein kann, dass alle kommen. Und Kartoffeln werden eben nicht erst an dem Tag geschält, an dem sie gebraucht werden.“

Fibi arbeitete bei einem Caterer, bis er die Stelle bei der AWO annahm. Ein wenig hat er die Herausforderung gefürchtet, doch im Küchenalltag bewährte sich ein alter Grundsatz, nämlich, die Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Natürlich – wenn wieder mal jemand einen schlechten Tag hat oder wenn alles zu langsam geht, möchte auch der geduldige Georg Fibi mal schreien. Macht er aber höchstens im Nebenraum, „sonst würde ich nur das Gegenteil dessen bewirken, was ich bewirken will“.

Ein geschützter Rahmen, einerseits. Andererseits sollen die Arbeitsbedingungen möglichst realistisch sein – und sie sind es spätestens dann, wenn um 12 Uhr das Rollo an der Essensausgabe hochgeht. Dann stehen schon lauter hungrige Menschen Schlange, die Fleisch oder Nudeln möchten, vielleicht eine Extraportion Gemüse, aber bitte keine Soße.

Zwei Jahre lang lieferte der 44-jährige  Peter Moulder im Rahmen des AWO-Projekts Essen aus. Jetzt fühlt er sich wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt und tritt demnächst eine neue Stelle an.

An ihnen vorbei schleppt Peter Moulder große Styroporkisten in den Lieferwagen auf dem Parkplatz. Zweimal pro Woche fährt er das Essen für die Kindergärten aus, noch. Denn nach zwei Jahren im Zuverdienstprojekt wechselt der 44-Jährige demnächst in einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Er ist überglücklich: „Ich habe eine Nische gefunden, wo ich Leistung bringen und mir trotzdem meine Gelassenheit bewahren kann.“ 25 Stunden pro Woche in der Metallverarbeitung den Produktionsprozess zu überwachen, das traut er sich zu. Zumal er die Firma kennt: Er hat dort in den vergangenen Monaten gejobbt – und sich sehr wohlgefühlt in der familiären Atmosphäre.

Für Peter Moulder ist das ein großer Schritt, nach vielen kleinen. „Ich habe gelernt, mich auf jeden nächsten Schritt einzulassen, aber es fiel mir schwer. Ich bin ein zielstrebiger Mensch, und ich habe mir immer hohe Ziele gesetzt“, sagt er. Zu hohe womöglich: Moulder, einst Soldat bei der US Army, führte vor seiner Erkrankung einen Gartenbaubetrieb und baute parallel einen zweiten in seiner Heimat auf. Irgendwann wurde es zu viel, für die Familie und für ihn. Ein großer Zusammenbruch folgte: Obdachlosigkeit, Klinik, betreutes Wohnen, schließlich Arbeitstherapie und Zuverdienstprojekt bei der AWO.

Im neuen Job weiß niemand außer dem Chef von Peter Moulders Vorgeschichte. Das verschafft ihm eine Freiheit, die er genießt. Gleichzeitig hat er manchmal das Bedürfnis, sein Innerstes nach außen zu kehren. Sich nicht verstecken, sich nicht verstellen zu müssen: Das funktioniert bei der AWO, wo alle Bescheid wissen, ohne dass die Krankheiten ständig Thema sind. Auf dem ersten Arbeitsmarkt ist der Umgang mit der eigenen Krankheit dagegen eine Gratwanderung. Wie verhalten sich die Kollegen? Wie reagiert der Chef? Andreas Baum (Name geändert) hat alles kennengelernt, seit es ihn vor sechs Jahren erwischte.

 

Mit der Krankheit auf dem ersten Arbeitsmarkt

Baum sitzt bei einer Versicherung in Wiesbaden am Service­telefon, bald hat er sein 25-Jähriges. Am anderen Ende der Leitung: Kunden, die aufgebracht sind, verzweifelt oder ratlos. „Der Job war schon immer stressig“, sagt er, und depressive Stimmungen hatte er immer mal wieder. Aber als vor einigen Jahren massiv Personal abgebaut wurde und Baum zudem in einer komplizierten Beziehung steckte, geriet er in eine echte Krise. Sechs Wochen Reha, vier Wochen Urlaub hängte er sicherheitshalber dran. Als er danach wieder ins Büro kam, begrüßte der Chef ihn nur mit einem „Hallo“ und der Ansage: „Geh an die Leitung, hier brennt’s lichterloh!“

Baum ging nicht an die Leitung, er war wie gelähmt. „Unter den Bedingungen kann ich nicht arbeiten“, teilte er seinem Chef mit und bat seinen Neurologen, ihn krankzuschreiben. Von da an waren die vierteljährlichen Termine bei der Personalchefin der einzige Kontakt zur Firma. Zweieinhalb Jahre lang, in denen er nur wiederholen konnte: „Es geht noch nicht.“ Bis die Personalchefin sagte: „Wir haben uns entschlossen, Ihnen zu kündigen.“ Baums Rettung war, dass der Integrationsfachdienst (IFD), der bei einer Kündigung von psychisch kranken Mitarbeitern immer zustimmen muss, dies verweigerte. IFD, Betriebsrat, Personalabteilung, Vorgesetzte und Baum verständigten sich auf eine berufliche Wiedereingliederung, wie sie Mitarbeitern zusteht, die länger als sechs Wochen ununterbrochen und wiederholt ausgefallen sind. Er setzte sich zu den Azubis in Schulungen, und die alten Kollegen erklärten ihm die neue Technik, erst noch unsicher und fast zu fürsorglich. „Wider Erwarten ging es mir besser als zuvor“, sagt Baum. „Mein Tag hatte wieder Struktur, und ich habe gemerkt, dass die Kollegen mit mir klarkommen.“

Der 48-Jährige hatte unbedingt zurückgewollt an den alten Arbeitsplatz, trotz Großraumbüro, Headset und ständig klingelndem Telefon. Sich in ein neues Arbeitsgebiet einzufinden, würde ihn noch mehr Kraft kosten, meint er. Außerdem mag er die Kollegen, mit dem Chef hat er sich längst ausgesprochen. Dass er nach drei Kundengesprächen die erste Zigarettenpause braucht, kommentiert er selbstironisch: „Ich bin platt, Leute.“ Dann ­lachen die Kollegen, und so will Baum es. Dass er in seinen vier Stunden Arbeitszeit 25 Gespräche führt, während die anderen 60 schaffen, wird vom Chef toleriert. Ein stilles Arrangement, so still wie insgesamt der Umgang im Büro mit Andreas Baums Depression.

Kürzlich hat Baum sich erstmals seit seiner Wiedereingliederung eine Woche Auszeit genommen, so erschöpft fühlte er sich. Aber: Gebracht haben ihm die freien Tage nichts. Kein Erholungseffekt, stattdessen fehlte ihm der Rhythmus. „Da ist mir wieder klar geworden: Ohne Arbeit würde es mir noch schlechter gehen.“


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