Unheilbar neugierig

Der Reisejournalist Andreas Pröve ist querschnittsgelähmt. Und steuert seit 30 Jahren Ziele an, die nur bedingt barrierefrei sind. Mit dem Handbike erkundete er zum Beispiel die syrische Wüste und den Himalaja. Was treibt den Vielgereisten an?

Der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson hat einmal gesagt: „Es kommt im Leben nicht darauf an, ein gutes Blatt auf der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen.“

Ich las diesen Satz vor über 30 Jahren zum ersten Mal kurz nach meinem Unfall. Mit einer Rückenmarksverletzung hatte man mich für zwei Monate in ein Sandwichbett gepresst. Eine schier unendliche Zeit. Lang genug, um mich mental auf ein Leben im Rollstuhl vorzubereiten. Zwei Mal musste ich diesen Satz lesen, um die Aufforderung zu begreifen, die darin verborgen war, und um zu erkennen, welch ein Motivationsschub darin steckt. So erwuchs bereits im Krankenbett die Idee, als Backpacker durch Indien zu rollen. Keine zwei Jahre nach dem Unfall habe ich es gewagt. Und plötzlich haben sich neue Horizonte eröffnet.

Dass Reisen keine reine Freizeitbeschäftigung bleiben sollte, sondern zum Lebensinhalt und Beruf werden würde, hätte ich mir trotzdem nicht träumen lassen. In der Rückschau auf die letzten 30 Jahre war aber beileibe nicht alles Zuckerschlecken, und manches Mal habe ich mich gefragt, warum ich mir das immer wieder antue. Oft benötige ich nach einer Reise Urlaub, um mich von den Strapazen zu erholen, denn nach wie vor reise ich auf eine Art, die mir einen maximalen Kontakt zu meinen Mitmenschen garantiert. Mit Handbike am Rolli auf der Straße, mit nicht mehr Gepäck, als ich selbst tragen kann. Das strengt an, kann gefährlich sein und in Ländern wie Indien zur Tortur werden.

Keine festgelegte Route

Oft reise ich bewusst ohne einen genauen Plan oder eine festgelegte Route. Auf meinem Weg zum Ziel bleibt alles offen. Ich will mich dem Land aussetzen, es soll mich fesseln, ich will begeistert werden. Nicht zu wissen, wo ich übernachten werde, woher ich Essen und Trinken bekomme, gibt der Reise eine ganz besondere Würze und fordert geradezu die Kontaktaufnahme heraus. Je mehr ich plane und buche, desto mehr wird die Reise zu einem reinen Abhaken von Programmpunkten, das keine Begegnungen und Spontaneität zulässt. Gerade die unverhofften Erlebnisse entpuppen sich am Ende als die intensivsten. Und genau die sind es, mit denen ich meine Bücher und Vorträge fülle. Dass bei dieser Art zu reisen nicht immer alles glattgeht und es hin und wieder kein Dach über dem Kopf gibt, versteht sich von selbst.

So wie es mir jüngst auf meiner Reise zur Quelle des Mekong im tibetischen Hochland passiert ist. Bei Einbruch der Dunkelheit musste ich mir im Schneetreiben ein Nachtlager unter einer Plastikplane am Straßenrand einrichten. Eine wahrlich ungemütliche Nacht. Aber für ein hohes Ziel gehe ich gern solche Risiken ein. Vier Monate war ich dem Fluss von seiner Mündung bis zum Ursprung gefolgt. Ich hatte das wundersame Verkehrschaos in Ho-Chi-Minh-Stadt überlebt, war allen streunenden Hunden entkommen, und kein Lkw hatte mich von der Straße gefegt. Das intensive Glücksgefühl, das mich am Ziel in eisiger Höhe überkam, war unbeschreiblich. Noch heute zehre ich davon.

Die Welt ist nicht barrierefrei

Leider sind diese hochemotionalen Momente rar, und ich muss sie mir schwer erarbeiten. Bis es so weit ist, sind viele Hürden zu überwinden, denn die Welt ist nicht barrierefrei. Die Stolpersteine können Rollstuhlfahrer schon am Flughafen zu Fall bringen. Wer allein reist und den Fehler begeht, darauf hinzuweisen, dass der Gang zur Toilette im Flugzeug nicht ohne fremde Hilfe möglich ist, kann abgewiesen werden. Mir ist das einmal passiert. Seitdem muss ich beim Einchecken lügen und behaupten, dass ich ein paar Schritte gehen kann und deshalb keine Begleitperson nötig sei. Tatsächlich aber muss ich auch in der Lage sein, einen Fünfzehnstundenflug ohne Toilette zu überstehen, wenn wieder mal kein Onboard Wheelchair vorhanden ist. Wie das geht? Ich habe da meine Tricks.

Der Rest ist einfach. Bis man das Flughafengebäude am Zielort verlassen hat. Ab nun ist man in den meisten asiatischen Ländern ein potenzieller Käufer oder Spender wie alle Touristen, ohne jeden Behindertenbonus. Als Reisender in Asien bin ich zuerst reich und erst dann Rollifahrer. Niemand meint das böse. Reisen in exotische Länder sind für Rollstuhlfahrer immer eine Herausforderung, und häufig werden es Grenzgänge, die in eine Welt führen, in der Menschen mit körperlichen Einschränkungen sehr unterschiedlich behandelt werden. In Indien macht eine Behinderung viele zu Bettlern, in buddhistischen Ländern gilt sie als Strafe für im letzten Leben begangene Sünden, und in Persien – zu meiner Überraschung – sind fehlende Gliedmaße und Lähmungen oft Zeichen großen Heldentums. Das liegt daran, dass viele Iraner mit Behinderung diese im Krieg erworben haben. Ich war also ein Held, genoss auf meinen Reisen durch Iran hohes Ansehen, nutzte die gute, rolligerechte Infrastruktur und verschwieg möglichst, dass meine Behinderung auf einen ganz alltäglichen Verkehrsunfall zurückgeht.

Neben der Herausforderung, Projekte zu realisieren, die im Rollstuhl unmöglich erscheinen, treibt mich meine unheilbare Neugier und ein Reisefieber in die Welt, das nur schwer zu heilen ist. Kein noch so perfektes Medium kann eigenes Erleben ersetzen. Immer weiß ich, dass es auch weh tun wird, dass ich leiden muss und dass ich den Moment verfluchen werde, in dem ich mich auf den Weg gemacht habe. Aber ich weiß auch, dass diese Situationen flüchtig sind und dass ich dafür mit etwas belohnt werde, das sich nicht kaufen lässt: ein intensives Leben, an dessen Ende ich mir sicher bin, keine Sekunde vergeudet zu haben.

So gesehen hatte der Unfall aus der zeitlichen Distanz betrachtet durchaus auch etwas Positives. Wie Stevenson schon sagte: Was auch immer geschieht, am Schluss ist es nur wichtig, was man daraus gemacht hat.


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