Brauchen wir Braille?

1825 entwickelte Louis Braille die Punktschrift. Sie öffnete vielen Sehbehinderten den Weg zu selbstbestimmtem Lesen und Lernen. Ist sie auch in digitalen Zeiten noch wichtig? Zwei Meinungen.


 

Prof. Dr. Thomas Kahlisch ist Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig. Die Bibliothek hat etwa 5.000 Nutzer und allein 16.000 Medien in Brailleschrift.

Pro

Seit ihrer Erfindung durch Louis Braille im Jahr 1825 ist die Brailleschrift effektives Kommunikationsmittel für blinde Menschen. Das wachsende Angebot von Büchern, Zeitschriften und Musiknoten ebnet seit nun fast 200 Jahren den Weg für Bildung, gesellschaftliche Partizipation und die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für diesen Personenkreis. Dank Brailleschrift können sich die Anwender eigenständig Aufzeichnungen machen und orthografisch korrekt schriftlich kommunizieren. Für nahezu jede Sprache der Welt gibt es eine Umsetzung in die aus sechs Punkten bestehende Schrift. In Braille lassen sich Fremdsprachen, mathematische und chemische Symbole, Musiknoten, Computercodes oder Strickmuster korrekt darstellen. Die genaue Kenntnis von Schreibweisen und Anwendung entsprechender Regeln ist wichtig für Blinde in der Ausbildung und im beruflichen Alltag.

Mit Aufkommen des Computers wurden blinde Bürofachkräfte dank einer Braillezeile zu Pionieren digitaler Officeanwendungen. Heute bieten Computer, Tablets oder Smartphones eine Sprachausgabe und die Möglichkeit, auf den immer noch sehr teuren Braillezeilen den Bildschirminhalt auszulesen. Wer als Nichtsehender eine Fremdsprache erlernt und wissen will, wie ein Wort korrekt geschrieben wird, oder Zahlen in einer Tabelle prüft, greift gern auf die exakte Darstellung auf der Braillezeile zurück. Die Sprachausgabe ist häufig das schnellere, aber ungenauere Informationsangebot.

Es ist davon auszugehen, dass es 2017 erste Braillezeilen geben wird, die weniger als 500 Euro kosten, was die Verbreitung dieser nützlichen Kommunikationsmittel befördern wird. Braille ist längst nicht das einzige Kommunikationsmittel für blinde Menschen. Der digitale Wandel bringt uns eine Vielzahl von Medienarten und Darstellungsformen. Die Brailleschrift bildet einen wichtigen und unverzichtbaren Teil davon.

 Der 37-jährige Politikwissenschaftler Domingos de Oliveira ist freier Onlineredakteur und Berater für barrierefreies Internet. Domingos de Oliveira ist blind.

Contra

Wenn im EU-Parlament ein Witz erzählt wird, lachen die deutschen Parlamentarier als Letzte. Denn sie sind die Letzten, bei denen die Liveübersetzung ankommt. – An diese Anekdote muss ich immer denken, wenn ich Braille lese. Während ich mich noch mit der ersten Seite plage, ist der sehende Kollege schon auf Seite 4. Ein Brailleleser liest zwischen 60 und 100 Wörtern pro Minute. Ein Sehender schafft in derselben Zeit locker 200 Wörter. Dank der Sprachausgabe meines Smartphones halte ich leicht mit jedem Sehenden mit. Blinde können die Geschwindigkeit der Sprachausgabe an ihre Bedürfnisse anpassen. Oft stellen sie sie so schnell ein, dass es für ungeübte Ohren nicht als Sprache zu erkennen ist. Für ein 20-stündiges Hörbuch brauche ich selten länger als ein Wochenende. Nebenbei kann ich die Wohnung putzen oder ein paar Kilometer auf dem Heimtrainer zurücklegen. Ein Buch in Braille fordert hingegen meine ganze Aufmerksamkeit. Und ich bräuchte zwei- bis dreimal so lange wie ein Sehender, bis ich ausgelesen hätte.

Möchte ich mich mit meinen Freunden über die aktuellen Schmöker austauschen, muss ich ohnehin auf E-Books und Hörbücher zurückgreifen. Buch, Hörbuch und E-Book werden heute oft zeitgleich veröffentlicht. Eine Version in Braille sucht man indes vergebens.

Ich lese gern, wenn ich in der Bahn sitze. Sehende stecken sich den neuesten Andreas Eschbach einfach in die Tasche. Für Eschbach im Brailleformat bräuchte ich eine Reisetasche. Auf mein Smartphone passt hingegen eine ganze digitale Bibliothek. Möchte ich digitale Texte in Braille lesen, brauche ich ein Extradisplay, das die Blindenschrift darstellen kann. Es ist ein weiteres Gerät, das mitgeschleppt, aufgeladen und vor Diebstahl geschützt werden muss.
Wenn ich mich zwischen Braille und Sprachausgabe entscheiden müsste, fiele meine Wahl auf die Sprachausgabe. Sie ist im digitalen Alltag einfach praktischer.


Weitere Artikel:

Dolmetscher bauen Brücken

Sich zu verstehen, ist nicht immer einfach – etwa wegen kultureller Unterschiede, Sprachbarrieren oder Behinderungen. Dolmetscher helfen.

Die Kunst des Übersetzens
Literatur fürs Ohr

Für Sehbehinderte bietet die Deutsche Zentralbücherei eine App mit kostenlosen Hörbüchern an. Domingos de Oliveira hat sie ausprobiert.

DZB App
Mit viel Fingerspitzengefühl

Filiz Demir ist Medizinische Tastuntersucherin in einer Frauenarztpraxis und blind. Mit ihren geschulten Fingern tastet sie die Brust ab.

Mehr über ihre Arbeit

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?