Langer Weg zum Glück

Christine Preißmann hat ein Buch über Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus geschrieben. Sie muss es wissen: Die promovierte Medizinerin, die im Suchtbereich einer psychiatrischen Klinik arbeitet, hat das Asperger-Syndrom. Mit ihrem Buch möchte sie einen realistischen Einblick in die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Autismus geben. Im Interview spricht die 44-Jährige über ihr persönliches Glücksempfinden, Freundschaft und die Besonderheit des Weihnachtsfests.

 

Interview: Sandra Strang
 

Christine Preißmann

 

Bei Ihnen wurde im Alter von 27 Jahren erst spät das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Was hat sich dadurch in Ihrem Leben verändert?

Das war ein großes Glück. Es war einfach eine riesige Erleichterung zu wissen, dass es für die Auffälligkeiten einen Begriff gab und dass nicht alles auf fehlenden Willen oder auf Unvermögen zurückzuführen war, wie man mir früher oft gesagt hat, wenn man mich mit Befehlen wie „Stell dich doch nicht so an“ oder „Streng dich halt mehr an“ oder auch mit der Äußerung „Du bist so komisch“ konfrontiert hat. Und ich glaube, bei Eltern autistischer Menschen ist das ganz ähnlich. Auch für sie ist es in der Regel eine Erleichterung zu erfahren, dass es keine „Erziehungsfehler“ waren, die ihr Kind so werden ließen.

Warum widmen Sie sich dem Thema Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus?

Lange hat man sich vor allem darum gesorgt, dass Menschen mit Autismus in Schule, Beruf und Alltag irgendwie zurechtkommen, und das ist und bleibt immens wichtig. Aber immer mehr zeigt sich doch, dass das nicht genug ist, dass ein „Funktionieren“ eben nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit Lebenszufriedenheit, und dass Menschen mit Autismus in manchen Bereichen andere Bedürfnisse haben als andere Menschen, um glücklich zu sein. Es war mir sehr wichtig, in Buchform herauszuarbeiten, was sich die Betroffenen wünschen und welche Maßnahmen geeignet sind, um auch ihnen ein schönes und glückliches Leben zu ermöglichen.

Viele Menschen mit Autismus nehmen ihre Umwelt anders wahr als Menschen ohne Autismus. Christine Preißmann hat ein Online-Fotobuch "Autismus in Bildern dargestellt" veröffentlicht, um für gegenseitiges Verständis zu werben. Als PDF kann man es hier downloaden.

Was erwartet den Leser Ihres Buches?

Glück ist etwas sehr Individuelles. Mein Buch enthält deshalb neben theoretischen Ausführungen über die Erfordernisse von Menschen mit Autismus vor allem zahlreiche Berichte selbst betroffener Menschen, die erläutern, was für sie zum Glücklichsein zählt. Die vielfältigen Möglichkeiten, die das Leben bietet, sollen im Zuge der Inklusion ja auch Menschen mit Autismus offen stehen. Es gilt also, individuelle Lebensentwürfe auszuwählen und zu begleiten – gemeinsam mit dem jeweiligen Betroffenen. Dabei soll das Buch eine Hilfestellung und Anregungen bieten.

Was macht Sie persönlich glücklich?

Ich habe herausgefunden, dass ich an freien Tagen vor allem dann zur Ruhe komme und Glück empfinde, wenn ich drei Aspekte kombinieren kann: Genuss bzw. Entspannung, Aktivität und die dosierte sinnvolle Tätigkeit. Im Gegensatz zu früher bin ich viel aktiver, gehe häufiger aus und habe deshalb auch öfter die Möglichkeit, schöne Erfahrungen zu machen. Ich bin offener geworden und viel interessierter an meiner Umgebung. Und wenn ich so mit offenen Augen durch die Gegend laufe, erkenne ich viel Schönes, was mir Freude macht.

Wichtig sind mir auch Routinen und Rituale, die verlässlich wiederkehren. Auch dadurch erklärt sich wohl meine Liebe zum Weihnachtsfest. Ganz egal, ob es mir gut geht oder eher nicht, ob ich müde, traurig oder glücklich, gesund oder krank bin – es wird in jedem Jahr aufs Neue Weihnachten werden. Für jeden Menschen und auch für mich. Das hat etwas ungeheuer Tröstliches.

Ein weiteres Bild aus dem Online-Fotobuch von Christine Preißmann: "Wichtig sind mir Routinen und Rituale, die verlässlich wiederkehren. Auch dadurch erklärt sich wohl meine Liebe zum Weihnachtsfest", sagt sie.

In welchen Momenten in Ihrem Leben haben Sie Glück empfunden?

Da gibt es viele Beispiele. Aber ein sehr großes Glück war es für mich, eine schwere Erkrankung überwinden zu dürfen, die mich für einige Monate völlig außer Gefecht setzte. Ich hatte Angst, weil ich fürchtete, die Lebensfreude und die Aktivität, die ich mir über Jahre hinweg mühsam erkämpft hatte, wieder zu verlieren. Aber gleichzeitig erkannte ich auch die ungeheure Kraft, die man aus solch schwierigen Situationen ziehen kann.

Mein größtes Glück sind meine lieben Eltern und Therapeutinnen, die mich schon seit vielen Jahren unterstützen. Und deshalb darf ich mich in meinem Leben über mangelndes Glück eigentlich nie wieder beschweren.

Fehlt Ihnen trotzdem etwas zum Glück?

Ja, ganz klar: eine gute Freundin. Vor ein paar Jahren habe ich in einem meiner Bücher geschrieben: „Eine gute Freundin, das wäre mein größtes Glück.“ Dieser Satz gilt noch immer genauso. Inzwischen konnte ich vieles für mich verbessern, mein Leben ist schön und erfüllt. Aber für den Bereich Freundschaft und Partnerschaft habe ich noch keine Lösungen gefunden. Das fehlt mir noch immer sehr.

Abgesehen von einer Freundschaft bin ich eigentlich ganz zufrieden. Natürlich gibt es immer wieder schwierige Zeiten und täglich neue Herausforderungen, aber im Großen und Ganzen kann ich inzwischen ein gutes Leben führen, so wie ich es mir wünsche. Es ist ein großes Glück, das so sagen zu können, und noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich tatsächlich an diesen Punkt gelangen würde. Es ist mir deshalb ein großes Anliegen, anderen Betroffenen zu vermitteln, dass man nicht aufgeben darf. Auch im Erwachsenenalter sind noch sehr viele Verbesserungen möglich.


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