Der Roboter, mein Freund und Helfer

Im ganzen Land forschen Hochschulen und Institute an technischen Möglichkeiten, um dem drohenden Pflegenotstand zu begegnen. Denn die Zahl der Pflegebedürftigen wird deutlich steigen. Sind Roboter die Lösung?

Rainer Bez/Fraunhofer IPA

Sie wünschen? Care-O-bot 4, die neueste Version des am Fraunhofer IPA entwickelten Assistenzroboters, ist stets freundlich und  zuverlässig – kurz:  der perfekte Butler.

Text Elisabeth Wicher

 Leise surrend steuert Care-O-bot 3 eine Gruppe Senioren im Pflegeheim Parkheim Berg in Stuttgart an. An seiner weißen Vorderseite sitzen Lautsprecher und eine Kamera. Mit ihr kann der Roboter Menschen am Gesicht erkennen. Er trägt ein Tablett mit einem Wasserglas. „Frau Lindner, Sie möchten doch bestimmt etwas trinken“, sagt eine Männerstimme. Dabei beugt sich der Roboter der Frau im gestreiften Oberteil auf fast menschliche Weise zu.

Was aussieht wie ein Parkautomat auf Rädern, ist ein Assistenzroboter, der einen Feldtest durchläuft. Er wurde am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) entwickelt. „Mithilfe von Care-O-bot untersuchen wir, welchen Mehrwert die Robotik für den Pflegealltag bringen kann“, erklärt Dr. Birgit Graf vom IPA, die maßgeblich an der Entwicklung des Roboters beteiligt ist. Hintergrund ist der voraussichtliche Mangel an Pflegekräften. Laut Statistischem Bundesamt wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis zum Jahr 2050 von derzeit gut 2,6 Millionen auf rund 4,5 Millionen wachsen. Bereits heute gibt es nicht genügend Pflegepersonal. Deshalb arbeitet man am IPA – wie an anderen deutschen Forschungseinrichtungen auch – an technischen Lösungen, die das Personal stationärer Pflegeeinrichtungen entlasten. So soll ihnen mehr Zeit für die Bewohner bleiben. „Der Roboter kann auch zu Hause bei Routineaufgaben helfen. Damit könnten ältere und pflegebedürftige Menschen länger in ihren eigenen vier Wänden leben“, sagt Graf.

Fraunhofer IPA, Jens Kilian

Assistenzroboter Care-O-bot 3 liefert ein Getränk in den Aufenthaltsraum des Altenheims.

Vorreiter in Sachen Robotik in der Pflege ist Japan. Dort ist der Einsatz von elektronischen Helfern und intelligenten Hilfsmitteln in vielen Branchen längst üblich. Elektronik- und Softwarefirmen investieren vermehrt in die Entwicklung von Robotern für den Pflege- und Gesundheitsbereich. Ein Beispiel ist das Robotic Bed, ein Krankenbett, das sich automatisch in einen Rollstuhl verwandeln kann. Im Bereich Rehabilitation wird der Robotikanzug „Hybrid Assisted Limb“ eingesetzt. Er soll Patienten nach einem Schlaganfall helfen, wieder laufen zu lernen. Eine neuere Entwicklung ist der menschenähnliche Roboter „Pepper“, der Emotionen deuten kann.

Japaner stehen der modernen Technik aufgeschlossen gegenüber, während in Deutschland der Einsatz von Robotern in der Pflege umstritten ist. Kritiker fürchten, Roboter könnten den Menschen in der Pflege irgendwann ersetzen, wodurch Nähe und Sorgfalt verloren gingen. Das sei aber gar nicht gewollt, versichert Graf: „Roboter können den interaktiven, den menschlichen Aspekt der Pflege nicht leisten. Sie sollen menschlichen Pflegern lediglich assistieren und damit deren Arbeitsbedingungen verbessern.“

Es gibt Menschen mit Behinderung, die sich vorstellen können, in einigen Bereichen komplett auf menschliche Assistenz zu verzichten. Beispielsweise bei intimen Vorgängen wie der Körperpflege würden manche einen mechanischen Helfer bevorzugen. „Es wäre toll, einmal nicht auf eine andere Person angewiesen zu sein“, findet Studentin Isabell Rosenberg. Aufgrund einer spastischen Tetraparese kann sie nur ihren Oberkörper sowie den linken Arm bewegen und ist auf Assistenz angewiesen (siehe Interview).

Tobias Ertel

Roboter Marvin und Testperson Marvin Thurner. Im Körperbehindertenzentrum Oberschwaben ging der Assistenzroboter seinem Namensvetter unermüdlich zur Hand.

Marvin weiß, wie das Wetter wird

Ein Roboter, der selbstständig in der Pflege agiert, ist allerdings noch Zukunftsmusik. „Die Technik ist noch nicht ausgereift, um solche feinmotorischen Bewegungen selbstständig zu übernehmen“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Ertel von der Hochschule Ravensburg-Weingarten. „Deshalb sprechen wir auch von Assistenz- statt Pflegerobotern.“ Der Informatiker vom Institut für Künstliche Intelligenz leitet die Entwicklung des Assistenzroboters Marvin. Seit zweieinhalb Jahren untersucht seine interdisziplinäre Forschungsgruppe, ob und wie mobile Serviceroboter für Menschen mit körperlicher Behinderung eine Hilfe sein können. Anfang Juli 2016 wurde Marvin eine Woche lang in der Stiftung KBZO in Ravensburg getestet. Dort versorgte er die Bewohner mit Tee und Kaffee, brachte ihnen allerlei Gegenstände und gab Auskunft zum Wetter sowie aktuellen Nachrichten. „Die Tests sind super gelaufen. Die Probanden waren von Marvin begeistert“, sagt Ertel. An dem Testlauf nahm auch Namensvetter Marvin Thurner teil. Der junge Mann hat Infantile Zerebralparese, wodurch er nur seinen Oberkörper bewegen kann. Er steuerte Marvin mittels Sprachsteuerung und Tabletcomputer. „Es war eine tolle Erfahrung zu sehen, wie weit die Technik jetzt schon ist!“, sagt Thurner. Der Roboter kann zudem mit einem Joy- oder einem Quadstick gesteuert werden. Letzterer wird mit dem Mund bedient.

Eine Frage der Finanzierung

Während technisch schon vieles möglich ist, verhindern vor allem die hohen Kosten den flächendeckenden Einsatz von Robotern in der Pflege. „Um einen intelligenten Roboter zu einem stabilen und sicheren Produkt zu entwickeln, bräuchte man schätzungsweise zehn Milliarden Euro. Diese Mittel hat keine Universität und auch nur wenige Firmen“, erklärt Ertel. Derweil arbeiten große Unternehmen wie Google an universellen Assistenzrobotern, die lernfähig sein werden. Ertel nimmt an, dass ein solcher Roboter in naher Zukunft für schätzungsweise 5.000 Euro auf den Markt kommen wird.

Auch den Multifunktionsroboter Care-O-bot werden sich nur wenige Privatleute und Pflegeeinrichtungen leisten können. Deshalb ist seine jüngste Generation modular aufgebaut, sodass für jede Anwendungen und jeden Nutzer nur die Komponenten verbaut werden, die auch wirklich gebraucht werden. „Mancher braucht nur den Roboterarm, der ihm beim Essen helfen kann und am Rollstuhl befestigt wird. Ein anderer nutzt den Roboter vielleicht als mobile Plattform, um Dinge zu transportieren“, erklärt Graf. Ein anderer Ansatz, um Kosten zu senken, verknüpft Roboter mit intelligenter Haustechnik. Sensoren, die die Vitalfunktionen eines Bewohners überwachen, könnten im Notfall einen beweglichen Roboter zu ihm schicken. Über seinen Bildschirm könnte der dann automatisch Kontakt zu einem Arzt aufbauen. „Wäre die Wohnung intelligent, müsste der Roboter es nicht sein. Dadurch würde er günstiger werden“, erklärt Graf. Assistenzsysteme, die in die Wohnung eingebaut werden, nennt man „Ambient Assisted Living“. Am verbreitesten sind Notrufsysteme, die vollständig von der Pflegeversicherung übernommen werden. Auch wenn sie Menschen mit Pflegebedarf und ihren Angehörigen Sicherheit bieten, sind sie umstritten. Die Sorge: Neben der Überwachung der Bewohner trügen sie zu deren Vereinsamung bei, da menschliche Pfleger ersetzt würden – genau wie durch Assistenzroboter.

Die Bewohner im Parkheim Berg jedenfalls haben keine Vorbehalte gegenüber ihrem elektronischen Butler. Er sorgt dafür, dass alle ausreichend trinken. Mit seinem beweglichen Greifarm zapft er selbstständig Wasser. Surrend rollt er los, um weitere Getränke zu holen.


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