Paralympics in Rio: Wenn es einmal losgeht  ...

Im September will Rio de Janeiro die größten Paralympics aller Zeiten ausrichten. Auf lange Sicht sollen davon alle Menschen mit Behinderung in Brasilien profitieren. Kann das gelingen?
 

© Rüdiger Nehmzow/laif

Blick auf Rio de Janeiro

Text: David Mayer

Wenn Edina Müller an Rio de Janeiro denkt, kommt ihr dieser Ausflug an die Copacabana in den Sinn. Wie sie in ihrem Rollstuhl an dem riesigen Strand entlangfuhr, wie die Sonne steil vom Himmel schien und wie sie auf der komplett ebenerdigen Promenade ein Teil des Treibens sein konnte. Es war ein Tag im vergangenen September, Edina Müller, eine paralympische Kanutin aus Hamburg, war für einen Wettkampf in Rio und nutzte ein paar freie Stunden für einen Ausflug an den Boulevard. „Am Strand spielten die Beachvolleyballer, wir konnten uns frei bewegen – es war einfach herrlich“, erinnert sich die 32-Jährige. Wenn die brasilianische Aktivistin Teresa Costa d’Amaral an Rio de Janeiro denkt, kommen ihr Schlaglöcher auf Gehwegen, Kreuzungen ohne Blindensignal und Geschäfte ohne Rampen für die Eingangsstufe in den Sinn. Vom US-amerikanischen Radiosender NPR nach ihrer Bewertung von Rios Barrierefreiheit auf einer Skala von eins bis zehn befragt, antwortete sie: „Null.“

Vision und Wirklichkeit

Man könnte sagen: Was Kanutin Edina Müller an der Copacabana erlebte, entspricht Brasiliens Vision einer barrierefreien Zukunft. Und was Teresa Costa d’Amaral beschreibt, eher der heutigen Wirklichkeit in vielen Teilen der Großstädte – von ländlichen Regionen ganz zu schweigen. Worin sich beide Frauen einig sind: 2016 könnte mit den Paralympics ein besseres Zeitalter für Menschen mit Behinderung in Brasilien anbrechen. Dass die Metropole für sie eine barrierefreie Infrastruktur schafft, soll Signalwirkung für das ganze Land haben. Und ihre spektakulären Leistungen sollen den Zuschauern zeigen, wozu Menschen mit Behinderung imstande sind. „Die Paralympics werden die Sicht einer ganzen Generation auf Menschen mit Behinderung ändern“, sagt Andrew Parsons, Vizepräsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).

© DOSB/Picture Alliance

Selbstverständlich barrierefrei: Das Deutsche Haus im Paralympischen Dorf von Rio de Janeiro.

Brasilien bereitet sich vor

Die Organisatoren planen nichts weniger als die größten Paralympischen Spiele aller Zeiten. 4.350 Athleten aus 176 Ländern sollen in 22 Sportarten um 528 Medaillen kämpfen – vor bis zu 3,3 Millionen Zuschauern. Allerdings haben die Visionen Risse bekommen. Brasilien steckt in der tiefsten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren. Paralympische Athleten berichten von stockenden Fördergeldern. Ob die dringend benötigte neue U-Bahn-Linie pünktlich fertig wird, steht in den Sternen. Und die Ticketverkäufe bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Anfang 2014 bezeichnete IOC-Vize John Coates die Vorbereitungen gar als „die schlimmsten“, die er je gesehen habe.

Doch die Brasilianer bleiben optimistisch. Seit Coates’ Aussage ist einige Zeit ins Land gegangen. Und – von der U-Bahn-Linie einmal abgesehen – laufen die Bauarbeiten pünktlich. „Brasiliens atemberaubende Olympiastätten sind irgendwie schon fast fertig“, titelte der Nachrichtendienst Bloomberg staunend. Karl Quade, „Chef de Mission“ der deutschen paralympischen Mannschaft, bescheinigt den Brasilianern gute Arbeit: „Alle Wettkampfstätten und Unterkünfte sind nahezu barrierefrei.“ Beispiel Paralympisches Dorf: Hier bieten Leitsteine und Pläne in Brailleschrift Blinden Orientierung, die Tasten in den Aufzügen sind so groß, dass Menschen mit einer Spastik sie sicher treffen und niedrig genug, dass Rollstuhlfahrer sie erreichen können.

Das gilt auch für die Wettkampfstätten. „Dort müssen höchstens ein paar zusätzliche Rampen eingesetzt werden“, sagt Karl Quade. Ansonsten sind dank Modernisierungen und Neubauten alle Stadien und Trainingseinrichtungen von vornherein barrierefrei, wovon auch nach den Spielen Athleten mit Behinderung profitieren werden. Überhaupt sollen die Wettkämpfe dem paralympischen Sport in Brasilien einen Schub geben. Seit Monaten laufen in ganz Brasilien Programme zur Vorbereitung auf das Event. An den Schulen erklären Lehrer, wie paralympischer Sport funktioniert, Athleten reisen durchs Land und stellen sich und ihre Disziplinen vor. Zusätzlich setzen die Organisatoren auf soziale Medien. So lancierten sie auf YouTube ein Video – zu sehen unter www.tinyurl.com/parasport –, in dem paralympische Athleten Hobbysportler mit ihren Leistungen überraschen. Zentrale Aussage aller Aktionen: Paralympische Sportler verdienen Aufmerksamkeit für ihr Können – nicht für ihre Einschränkung.

Menschen in Rio profitieren schon heute

Genau diese Behandlung wünschen sich in Brasilien alle Menschen mit Handicap. Wie weit der Weg bis dahin noch ist, ergab eine aktuelle Studie. In dieser gaben 80 Prozent der Menschen mit Behinderung an, sie fühlten sich nicht als respektierte Bürger ihres Landes. All das sollen die Paralympics ein für allemal ändern. „Wenn Familien mit ihren Kindern das einzigartige Erlebnis der Paralympics teilen, wird es helfen, Barrieren einzureißen“, ist sich IPC-Funktionär Andrew Parsons sicher.

Wunder erwarten sich die Menschen mit Behinderung in Brasilien dennoch nicht. Ein Stadtbummel durch ältere Viertel wird für Rollstuhlfahrer oder Blinde auch in den nächsten Jahren undenkbar bleiben. Anstoß können die Spiele aber sehr wohl sein. In Rio profitieren Menschen mit Behinderung schon heute von den Paralympics. So sind in Erwartung der Gäste aus der ganzen Welt neben dem Boulevard an der Copacabana auch weitere Touristenattraktionen für Menschen mit Handicap zugänglich – etwa der Zuckerhut und die Christusstatue. Selbst Rios Busse haben mittlerweile eine Rampe für Rollstuhlfahrer.

Und die schleppenden Ticketverkäufe? „Die Brasilianer planen einfach nicht so weit im Voraus“, sagt Michael Vahrenkamp, ein Deutscher, der über 20 Jahre in Brasilien lebte. „Aber sie sind sehr sportbegeistert, und wenn es einmal losgeht, sind sie sicher nicht mehr zu halten.“ Wenn er recht behält, könnte den Paralympics kaum etwas Besseres passieren. Und den Menschen mit Behinderung in Brasilien auch nicht.


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