Barrierefrei unterwegs im Nationalpark Eifel

Der Nationalpark Eifel gilt als Vorzeigeregion für barrierefreies Reisen. Jeder Besucher soll die einzigartige Natur ohne fremde Hilfe erleben können. Daran arbeitet die gesamte Region.
 

U. Giesen

Schöne Aussichten: Ranger Roland Wollgarten mit einem Gast an der Hirschley im Gebiet des Wilden Kermeter.

Text: Elisabeth Wicher

Es gibt Tausende Pilzarten in der Eifel“, sagt Tobias Wiesen und zeigt auf eine Reihe von Rangern geschnitzte Modelle. „Wie unterschiedlich die aussehen, können Besucher auch durch Ertasten erfahren.“ Tobias Wiesen, Barrierefrei-Koordinator im Nationalparkforstamt Eifel, der Verwaltung des Nationalparks, steht an einer Lehrstation des Wilden Wegs. Der Wind streicht durch die Äste, es duftet nach Harz. Der  1,7 Kilometer lange Naturerkundungspfad ist Teil des Wilden Kermeters, eines gut sechs Kilometer langen barrierefreien Wanderwegenetzes. Der Wilde Weg wurde 2014 eröffnet. Die Europäische Union unterstützte das Projekt, das 1,1 Millionen Euro kostete.

Jana Voigt, MENSCHEN. das magazin

Roland Wollgarten und Tobias Wiesen: Unterwegs auf dem Wilden Weg: Beim Vorzeigeprojekt sehen Ranger und Barrierefrei-Koordinator gern persönlich nach dem Rechten.

Tobias Wiesen war Projektleiter beim Bau des Lehrpfads. „Wir möchten, dass alle Menschen die Natur erleben können“, sagt der 35-Jährige. Egal, ob der Besucher einen Rollstuhl nutzt, einen Kinderwagen schiebt oder eine Sehbehinderung hat – jeder soll selbstständig anreisen, den Weg zurücklegen und wieder abreisen können. Es gibt behindertengerechte Toiletten und Parkplätze sowie eine barrierefreie Bushaltestelle.

Über den Wilden Weg führt sogar ein Blindenleitsystem. Alle 200 Meter stehen rustikale Bänke, neben denen eine ebene Fläche für einen Rollstuhl oder Kinderwagen vorgesehen ist. Unterfahrbare Infotafeln erläutern an zehn Stationen in Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Leichter Sprache sowie in Braille- und erhabener Schrift Fakten zum Wald. Zudem gibt es oft noch eine Audiodeskription. „Wir wollen immer mehrere Sinne ansprechen“, erklärt Wiesen. „Die Besucher können die Umrisse von Tieren ertasten, die Stammdicke einer ausgewachsenen Buche erfühlen oder unterschiedlichen Tierstimmen lauschen."

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Dekorative Muster: Eine der Stationen des Wilden Wegs informiert über Totholz. Die typischen Fraßspuren verschiedener Käfer können auch ertastet werden.

Führungen in vielen Sprachen

Heute ist Tobias Wiesen mit Ranger Roland Wollgarten unterwegs. Der 46-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren im Nationalpark und ist Ranger mit Leib und Seele. Neben der Instandhaltung, Pflege und Kontrolle des Nationalparks bieten die Ranger fünfmal pro Woche Besucherführungen an.  Sonntags findet eine barrierefreie Führung statt. „Menschen, die im Rollstuhl sitzen, bekommen nur selten einen unverstellten Blick auf naturbelassenen Wald“, sagt Wollgarten.

Wie alle Ranger macht er regelmäßig Fortbildungen, um mehr über Behinderungen zu erfahren. Der Nationalpark Eifel kooperiert dabei mit der Anna-Freud-Schule in Köln, die Ranger im Umgang mit Rollstuhlfahrern schult, und der Blindenschule in Düren. Auch im Umgang mit Menschen mit Demenz sind die Ranger geschult. Zusätzlich bieten 160 Nationalparkführer aus der Region Führungen an, auch in Deutscher Gebärdensprache. „Wir sind noch längst nicht am Ziel“, erklärt Tobias Wiesen. „Wir möchten zum Beispiel auch Führungen in Leichter Sprache anbieten können.“

Das Nationalparkkonzept sieht Barrierefreiheit nicht nur bei den eigenen touristischen Angeboten vor. Ziel ist die barrierefreie Servicekette. Jeder Gast soll sich selbstständig verpflegen können und die Möglichkeit haben zu übernachten. Deshalb unterhält der Nationalpark Kooperationen mit Gastgeberbetrieben, etwa Campingplätzen, Hotels oder Restaurants.

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Jürgen und Marion Müller: Im „Café Müller“ in Gemünd gibt es Torten, Honig und herzlichen Service. Der Betrieb ist auf Menschen mit Behinderungen eingestellt.

48 Nationalpark-Gastgeber wurden vom Nationalpark Eifel in Zusammenarbeit mit „NatKo – Tourismus für Alle Deutschland e. V.“ zu Barrierefreiheit geschult. Durch Brillen, die Sehbehinderung simulieren, oder einige Stunden in  einem Rollstuhl erleben die Gastronomen den eigenen  Betrieb aus Sicht des Gastes. „Der Versuch mit der Brille war am schwierigsten“, erinnert sich Marion Müller. „Ich wusste: Hier irgendwo muss die Treppe sein. Das hat mich völlig verunsichert.“

Sie und ihr Mann Jürgen Müller betreiben das „Café Müller“ in Gemünd. Die grüne Fahne, die vor den großen Glasfenstern des Cafés weht, weist sie als Nationalpark-Gastgeber aus. 2010 hatten die Müllers ihr Café auf eigene Kosten umgebaut. Die Tische im gemütlichen Gastraum sind unterfahrbar, ein Handlauf unterstützt beim Treppensteigen und eine Rampe ermöglicht Nutzern von Rollstuhl oder Rollator den selbstständigen Zugang zum Café. Durch den Umbau haben sie neue Stammgäste gewonnen: Oft sind Gruppen von Menschen mit geistiger Behinderung und der Lebenshilfe zu Gast. Viele kommen aus Belgien und den Niederlanden. Jürgen Müller erinnert sich an einen Gast mit Sehbehinderung: „Er sagte: ‚Ich bin blind und nicht krank.‘ Das trifft es auf den Punkt. Man muss sensibel für die Problematik sein. Was die Menschen brauchen, sagen sie schon.“

Jana Voigt, MENSCHEN. das magazin

Natur interaktiv: Die Ausstellung im Nationalpark-Tor Höfen widmet sich den wilden Narzissen, die von April bis Mai in der Eifel blühen. Akkustik-, Duft- und Taststationen sprechen alle Sinne der Besucher an.

Kooperationen mit Städten und Gemeinden

Immer mehr Gastgeber und andere Akteure aus der Region wenden sich oft direkt an den Nationalpark Eifel, wenn sie Angebote für Menschen mit Behinderung entwickeln möchten. So sind viele Kooperationen mit Städten und Gemeinden, Tourismusverbänden und Einzelpersonen entstanden. Ein Kutscher bietet zum Beispiel zweimal im Monat Fahrten für Touristen im Rollstuhl an. Mit der Rursee-Schifffahrt werden Rangertouren organisiert für alle, die nicht gut zu Fuß sind. Das Gehörlosenheim in Euskirchen stellt dem Nationalpark immer wieder kostenfrei Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung. „Barrierefreiheit ist in der Eifel angekommen“, sagt Koordinator Wiesen.

Beim Bau des Wilden Wegs holte sich der Nationalpark Eifel selbst Unterstützung von Menschen mit Behinderung. Roland Wollgarten deutet auf die Sinnesliegen, die neben dem Wilden Weg zum Verweilen einladen. Die Liegen in Form von Buchenblättern sollen den Blick der Besucher in das Blätterdach der Bäume lenken. „Damit alle diese ungewöhnliche Perspektive genießen können, haben wir die Bänke gemeinsam mit Rollstuhlfahrern entwickelt. Die Höhe ist so gewählt, dass sie leicht umsteigen können.“ Zufrieden blickt Roland Wollgarten nach oben in die Kronen der Buchen, die leise im Wind schaukeln.

 

Zur Homepage des Nationalparks: www.nationalpark-eifel.de


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