Niemand hindert Euch, es zu tun!

Nicholas Huchet konstruierte zusammen mit anderen Technikern seine eigene Handprothese aus dem 3D-Drucker. Das Gespräch mit dem französischen Tüftler führte Christina Marx.
 

Valerie Schmidt

Nicolas Huchet

Sind Sie ein Ingenieur, ein Weltverbesserer, ein Visionär oder bloß ein ganz normaler Mensch? Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich glaube, manchmal bin ich ein Visionär, aber ich wünschte, ich wäre ein Ingenieur. Ich wünschte, ich könnte das, was diejenigen können, die lange studiert haben. Ich denke, ich bin jemand, der nach sich selber sucht. Und ich bin jemand, der etwas Sinnvolles schaffen und der helfen möchte. Ich mag es, zu helfen.

Sehen Sie sich selbst als eine Art Botschafter für Menschen mit Behinderung?
Das wohl eher nicht. Ich bin mehr ein Maker.

Sie sind Teil einer Community von Makers.
Ja Maker zu sein, das gefällt mir. Weil eine Menge darin steckt. Ein Maker ist einer, der, wenn ihm etwas fehlt, das er aber bräuchte, es selber macht. Ein Maker ist jemand, der hackt Dinge, der nimmt einen Teller, um eine Uhr zu machen. Das mag ich.

War das der Grund, aus dem Sie dazu kamen eine prothetische Hand zu drucken? Kam Ihnen die Idee, weil Sie sie gebraucht haben?
Dafür gab es mehrere Gründe. Vor vier Jahren kamen neue prothetische Hände auf den Markt. Ich hatte meine damals schon seit zehn Jahren. Als ich damals den Unfall hatte, war nur diese Hand erhältlich. Plötzlich gab es einen Boom für myoelektrische Hände auf dem Markt. Die Hand, die ich hatte und habe, ist schwer und sieht nicht gut aus, nichts, das man gerne tragen möchte. Und plötzlich gab es diese neue Hand und Ich dachte: Wie kann ich so etwas bekommen? Aber die Prothetiker schienen von der Idee, etwas Neues auszuprobieren nicht wirklich begeistert zu sein. Ich fühlte mich allein gelassen. Du hast eine Behinderung. Du bist motiviert, weil es eine neue Technologie gibt. Aber die Ärzte und die Prothetiker sagen dir: "Ach, das ist gar nicht so toll." Ich fühlte mich frustriert und wütend, wollte aber meine Wut positiv nutzen. Also habe ich angefangen im Internet zu recherchieren. Dann habe entsprechende Labore kontaktiert, um zu erfahren, was die Roboterhand kostet und wie ich daran kommen könnte. Man hat mir nie geantwortet.

Valerie Schmidt

Was gab dann den Anstoß, die Sache selbst in die Hand zu nehmen?
Eines abends beim Ausgehen traf ich jemanden, der sagte, es müsse interessant sein, selbst in Erfahrung zu bringen, was sich auf diesem Entwicklungsgebiet täte. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich einen anderen Blick auf mich selbst haben müsste. Anstatt mich zu schämen, mich zu verstecken, weil ich nicht so wie die anderen bin, könnte ich Interesse an mir, an meiner Behinderung entwickeln. 2012 traf ich dann die Leute im FabLab in Rennes, wo ich lebe. Es war Zufall. Dort war Tag der Offenen Tür und sie hatten einen 3D-Drucker. Es war die Zeit, in der ich viel darüber nachgedacht hatte, etwas selbst zu machen. Also fragte ich, ob es wohl möglich wäre, mit dem 3D-Drucker eine künstliche Hand zu erzeugen. Und sie sagten: "Ja, vielleicht. Warum willst Du eine Hand machen?" Ein wenig scheu zeigte ich meine Hand und wie sie zu bewegen war.

Was waren das für Leute, die im FabLab arbeiteten?
Da waren Leute aus der Hacker-Szene, andere, die aus der Technologie kommen, Leute von Behörden, auch Schüler, denn das FabLab war in einer Schule untergebracht. Es war eine Mischung von Menschen, die motiviert waren, diesen Maker-Space zu kultivieren. Drinnen war alles einzigartig. Da gab es einen 3D-Printer und auch eine Laserschnittmaschine, mit der man sehr leicht coole Sachen machen konnte. Die Leute haben versucht, das FabLab aufzubauen und es wachsen zu lassen, sie haben Sachen ausprobiert. Einer der Gründer des FabLab war aus familiären Gründen am Thema Behinderung interessiert.

Können Sie in einfachen Worten erklären, wie es funktioniert, eine Hand zu drucken? Könnten Sie selbst so einen Prototyp machen?
Ja klar. In einigen Schritten. Auf www.thingiverse.com gibt es ein Projekt INMOOV. Dort klickt man auf einen Download-Button und dann bekommt man alle STL-Dateien. STL das ist die Dateinamenerweiterung für 3D-Modelle. Wenn man die STL-Dateien hat, kann man die Prothese Schritt für Schritt drucken. Um eine STL-Datei für die eigene Maschine kompatibel zu machen, muss man muss sie modifizieren. Dann schreibt man sie auf eine SD-Card und steckt diese in den 3D-Drucker. Am Schluss drückt man auf Start. Nach etwa ein bis zwei Stunden hat man all die kleinen Teile der Finger zusammen. Diese klebt man mit ein wenig Aceton zusammen. Das Aceton löst das Plastik an, so kann man die Stücke miteinander verschmelzen. In den Stücken gibt es zwei Löcher, in jedes steckt man eine Angelschnur. Die beiden Angelschnüre verbindet man mit der Scheibe eines Servomotors. Der kostet gerade mal 10 Euro. Dann hat man die eine Schnur hier, die andere dort. Die Schnüre werden gezogen, wenn die Finger sich bewegen, sie ziehen die Finger, wie bei Marionetten.

Haben Sie den ersten Prototypen inzwischen weiterentwickelt, ihn verbessert?
Tatsächlich haben wir inzwischen drei Versionen, die wir versuchen zu vereinfachen, so dass die Prothese leichter zu tragen und einfacher zu kontrollieren ist. Ja, wir haben es verbessert und schnell gemerkt, dass es eine weltweite Szene gibt, die auf diese Weise an Handprothesen arbeitet. 

Valerie Schmidt

Heißt das, dass man diese Technik verbreiten und nutzbar machen kann. Zum Beispiel für arme und bedürfte Menschen in der Dritten Welt?
Ja, das ist unser Ziel. Aber erst müssen wir Prototypen machen, was vor allem bedeutet: Lernen und Spaß haben. Manchmal ist das wichtiger. Manche Menschen haben eine Behinderung und man kann Ihnen die beste Zukunft ermöglichen, aber plötzlich kommt jemand und bringt sie zum Lachen und sie sind glücklich. Denn im Leben geht es darum, zu genießen, glücklich zu sein. Es geht nicht um Technologie. Manchmal machen dich die beste Handprothese und die beste Zukunft einfach nicht glücklich. Die Protoyp-Sachen sind gut, aber sie werden nicht ad hoc die Welt ändern. Denn es braucht Zeit, wir müssen lernen, ausprobieren, testen, die Sache verbessern. Interessant sind diese Dinge, die jetzt an Universitäten passieren. Etwa in Indien. Oder in der Türkei, wo ich letzte Woche war. Ich war in Brasilien, ich war in vielen aufstrebenden Ländern. Überall in der Welt, auch in den entlegensten Gegenden, nutzen sie dieselbe Technologie, die wir bei dieser Hand nutzen. Das bedeutet: Sie können es machen. Und dann treffen wir sie und sie fragen uns: „Warum habt Ihr nicht dies gemacht, warum versucht Ihr nicht das? Und wir sagen: „Keine Ahnung. Ihr seid hier und niemand hindert Euch daran, es zu tun.“

Glauben Sie, dass Ihre Hand eines Tages alltagstauglich sein wird? Und wenn ja, wann?
Ja, das ist so geplant. Ich denke, in sieben Jahren. Wir sind keine Firma. Ich habe keine Eile. Ich werde bezahlt von My Human Kit. Das ist eine Gesellschaft, die solche Prothesen für jede Art von Behinderung herstellen möchte. Es geht darum, die eigene Behinderung als Motivation zu nutzen. Und das wollen wir für alle Arten von Behinderung, was bedeutet: Heute bin ich im FabLab. Aber vielleicht ist es morgen jemand im Rollstuhl, der eine Community von Ingenieuren, Freiwilligen, Designern, von Makers zusammentrommelt, um zusammen etwas aufzubauen.

Was war das für ein Gefühl, als Sie zum ersten Mal Ihre eigene fertige Handprothese gemacht haben?
Ganz ehrlich? Ich hätte beinahe geweint. Ich dachte: Warum mache ich das? Was mache ich hier gerade? Ich setze die Stücke meines Daumens zusammen, weil ich es versuchen will. Dieses kleine Ding, mit dem man die Angelschnur in den Daumen bugsiert, das ist für mich. Es gab mir sehr viel Selbstvertrauen.

Haben Sie verschiedene Farben ausprobiert? Haben Sie je über eine pinkfarbene oder rote Handprothese nachgedacht?
Ich habe verschiedene Arten von Händen. Ja, der Plan ist, auswählen zu können, was man möchte. Massenproduktion ermöglicht niedrigere Preise, aber ist der Nutzer letztendlich glücklich damit? Manche Menschen mögen es, andere sagen: „Wir wollen etwas Maßgefertigtes.“ Daher ist offene Innovation gut für die Firma, weil es eine Menge Vielfalt in die Forschung bringt und die Prothesen und Hilfsmittel rund um Behinderung ein wenig menschlicher gestalten kann – menschlich, nicht im Sinne von menschlicherem Aussehen, sondern mehr an die Persönlichkeit des Nutzers angepasst.

Glauben Sie, dass diese Open Source-Prothese den Massenprodukten Konkurrenz machen wird?
Wenn die Prothesen für 1500 Euro besser sind als die sehr teuren, sicher! Aber Sie können ein Smartphone für 90 Euro kaufen. Es ist das billigste. Dennoch gibt es viele Leute, die Mobiltelefone für 600 Euro bevorzugen. Wenn Du selbst Materialien kaufst, um damit deine eigene Hand zu machen oder zu reparieren, bist Du autonomer. Wir wollen mit anderen Ländern zusammenarbeiten, etwa in Afrika und in Indien. Wenn ihre Handprothese kaputt geht, können sie sie zur Reparatur nach Deutschland schicken, worauf sie wieder zurück geschickt wird. Das kostet ein Jahresgehalt für sie. Sie sollten daher unabhängig werden und in der Lage sein, ihre Hand selbst zu reparieren. Deshalb sind die FabLabs so wichtig.

Wie viele FabLabs gibt es derzeit weltweit?
Ungefähr 600. 30, 40 davon habe ich besucht. Vielleicht einige mehr.

Werden die Mitarbeiter der FabLabs weltweit vom selben Spirit angetrieben?
Sie wollen den Menschen Werkzeuge an die Hand geben, mit deren Hilfe sie unabhängiger werden. Daher mag ich die Idee des FabLab.

Ich habe gelesen, dass Sie Schlagzeug spielen ...
Ja mit einer Prothese, die ich gemacht habe. Mit einer Handprothese können Sie nicht alles machen. Manchmal nutzen Menschen eine Gabel als Werkzeug, manchmal einen Hammer.  Mit einer größeren Hand können Sie Basketball spielen. Ich habe eine Hand, die ist im Wesentlichen ein Drumstick mit einer Feder, damit er federn kann, und es hat mich Jahre gekostet, das hinzubekommen, die richtigen Leute zu treffen, auszuprobieren bis es richtig klappte.

Wäre es nicht besser, eine Hand für alles zu haben?
Es wäre zu kompliziert, eine Handprothese zu machen, die alles kann. Es ist viel passender, wenn man jeweils das Werkzeug wählen kann, das man braucht. Man hat ja auch vielleicht ein Fahrrad für die Stadt und zweites Fahrrad für Bergtouren. Es hängt davon ab, was man tun will. Und was die Musik angeht: Schlagzeug braucht viel Kraft und macht Erschütterungen.

Spielen Sie in einer Band?
Ja, das habe ich, und das möchte ich hier auch wieder. Ich habe letztes Jahr sogar als Profi gespielt. Wir haben vorwiegend Coversongs gespielt. Es gibt davon ein paar Videos auf Facebook und es gibt eine Single mit mir als Schlagzeuger, die in Irland veröffentlicht wurde.

Wo glauben Sie, werden Sie in fünf Jahren sein? Was sind ihre Pläne?
Ich würde gerne weiter am Hand-Projekt arbeiten. Und von der industriell gefertigten Hand zu meiner Selbstgemachten wechseln. Außerdem möchte ich an einem Bildungsprogramm arbeiten, um anderen Leuten beizubringen, wie man Technologie zugänglich macht für jedermann.
 

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