Mutter mit Behinderung? Selbstverständlich!

Mütter mit Behinderung kämpfen im Alltag mit vielen Hürden und Vorbehalten. Also lieber auf Kinder verzichten? Nein, meint Sandra Olbrich. Sondern Unterstützung und Solidarität fordern!
 

Foto: Isadora Tast, MENSCHEN. das magazin

Sandra Olbrich, Aktivistin und Moderatorin der ZDF-Sendung „Menschen – das Magazin“, ist von Geburt an gehbehindert und hat zwei Söhne.

Es war schon spät, da klingelte mein Handy. Normalerweise nehme ich um diese Zeit keine Gespräche mehr an. An jenem Abend vor fünf Jahren aber doch, obwohl das Display „unbekannt“ anzeigte. Eine junge Frau war dran. Sie hatte M courage – eine Gruppe für Mütter mit Behinderung, die ich in Hamburg gegründet hatte – im Internet gefunden. Schwanger sei sie, sagte die Frau. Ungeplant. Aber wegen ihrer Behinderung wisse sie nicht, ob sie das Kind austragen solle. Ich spürte eine große Verzweiflung am anderen Ende der Leitung. Was konnte ich dieser Frau, über deren Leben ich nichts wusste, sagen? So fragte ich sie zuerst: Was sagt dein Herz? Sie müsse sich erst einen Überblick verschaffen, sagte sie mit brüchiger Stimme, ohne meine Frage zu beantworten. Welche Hilfen, was für Angebote, gibt es denn für Mütter mit Behinderung?, wollte sie wissen.

Nicht viele. Nach wie vor rechnet offenbar kaum jemand damit, dass Frauen mit Behinderung eine Familie gründen. Es fehlen eindeutige gesetzliche Regelungen für diesen „Ausnahmefall“. Dabei war der Wunsch nach Kindern für mich beispielsweise etwas ganz Selbstverständliches. Allerdings haben mein Mann und ich genau abgewogen: Können wir das schaffen? Was muss an Unterstützung organisiert und vor allem finanziert werden? Hilfen vom Amt waren nicht zu erwarten – die hängen immer vom Einzelfall und vom Einkommen ab. Und eine Haushaltshilfe über die Krankenkasse? Die wird nur im akuten Fall, nicht aber bei einer chronischen Grunderkrankung, bezahlt. Im Klartext: Mütter, die sich beim Joggen den Fuß vertreten, bekommen eine Haushaltshilfe. Nicht aber Frauen mit Multipler Sklerose nach einem Schub. Dauerhaft erkrankte Mütter müssen den Alltag selbst stemmen, auch ich. Trotz Unterstützung durch Familie und Kinderfrauen bin ich dabei oft bis an die Grenze meiner Belastbarkeit gegangen. Besonders weh tat, dass ich meine Kinder, als sie noch klein waren, nicht begleiten konnte wie andere Mütter. Kein Behindertenparkplatz beim Kinderturnen, Stufen vorm Kindergarten und der Laternenumzug führt durch unwegsames Gelände. Barrieren behindern mich und manchmal auch meine Kinder. Um aber trotzdem mit ihnen einen fröhlichen und unbeschwerten Alltag zu leben, erfordert es viel Kreativität und Kampfgeist.

Mehr Solidarität und Anerkennung, bitte!

Noch mehr Energie kostet es aber, Vorbehalten zu begegnen. „Das arme Kind“, war da in den Blicken zu lesen, als ich meinen Sohn, der gerade laufen konnte, an einer Leine die Straße entlangführte. Ob ich das, pädagogisch gesehen, für eine sinnvolle Maßnahme halte, zischte es hinter mir her. Ein Kind sei schließlich kein Hund! Da hätte ich mir mehr Solidarität, gerade unter Müttern, gewünscht. Denn dass ich mit meinen Krücken bei Gefahr nicht hinter meinem Kind hätte herspringen können – das war eigentlich offensichtlich. Warum also nicht ein „Das-ist-ja-mal-ne-super-pfiffige-Idee“?! Bei mir läuft es eben anders. Nicht besser, aber auch nicht schlechter. Frauen mit Behinderung können kompetente Mütter sein, auch wenn sie Unterstützung oder Hilfsmittel brauchen. Doch davon wollen Menschen mit gängigem Mutterbild nichts wissen.

Was also habe ich der Anruferin gesagt? Dass das Leben mit Kind wunderbar sein kann. Und dass die vielen schönen Augenblicke all die Schwierigkeiten, die ich nicht verschwieg, überwiegen. Dass sich für viele Frauen – ob mit oder ohne Behinderung – am Anfang einer Schwangerschaft viele Fragen stellen und sich Ängste melden. Und dass ich ihr wünsche, dass sie ihre eigenen Erfahrungen als Mutter machen kann, wenn sie es denn möchte. Ihr Kind ist vermutlich nicht zur Welt gekommen, denn ich habe nie wieder etwas von der Frau gehört. Ich muss oft an sie denken, auch wenn ich ihren Namen inzwischen nicht mehr weiß.


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