Nach Maß

Mode gibt es für Menschen mit körperlicher Behinderung nicht von der Stange. Sport- und  Funktionsbekleidung gibt es für diese Zielgruppe gar nicht. Der Markt ist zu klein, die ­Anforderungen zu speziell. Zwei Projekte sollen nun helfen, Mode (nicht nur) für Menschen  mit Behinderung zu optimieren und auf die Bedürfnisse des Einzelnen anzupassen.
 

getty imamages, Aktion Mensch

Kathleen Wachowski, studierte zunächst Pädagogik, später dann Russische Literatur und Chinesische Medizin. Die Idee zu Smart-Fit-In kam Kathleen Wachowski durch ein Treffen mit dem Designer Chris Ambraisse Boston, der adaptierte Mode in Frankreich herstellt. Für ihr Projekt sucht sie nach wie vor interessierte Sportler und Hersteller.

Dirk Erhardt, Aktion Mensch

Text Jessika Knauer

 

 

Zwei Jahre lang hat sie verschlossene Türen eingerannt, Menschen hinterhertelefoniert und Förderanträge geschrieben. Am 23. Oktober 2013 gab ­Kathleen ­Wachowski dann den Startschuss für das Netzwerkprojekt „Smart-Fit-In“, das sie zusammen mit dem thüringischen Sport- und Behindertensportverein Reha-Sport-Bildung und dem Textilnetzwerk Smarttex auf die Beine gestellt hat. Über 60 Experten aus Medizin und Forschung, der Textil- und der Modeindustrie sowie dem Sportbereich trafen sich an diesem Tag in Weimar, um über ein Thema zu sprechen: Mode für Menschen mit Behinderung oder Bewegungseinschränkungen. Gemeinsam wollen sie nun daran arbeiten, adaptierter Mode (siehe rechts) zum Durchbruch zu verhelfen. Smart-Fit-In – das steht für textile Produkte mit intelligenten Zusatzfunktionen, für moderne, funktionale Kleidung, die individuelle Bedürfnisse berücksichtigt. Das Projekt soll die Entwicklung adaptierter Kleidung vorantreiben, um diese langfristig preiswerter anbieten zu können. Aufgabe von ­Initiatorin ­Kathleen Wachowski ist es, wie sie selbst sagt, „das Netzwerk zusammenzupuzzeln und den Nischenmarkt für andere sichtbar zu machen“. Dass das Projekt vom mitgliederstarken Verein Reha-Sport-Bildung getragen wird, ist dafür ein „ganz großes Glück“, wie sie betont. „Ich denke, dass wir das Projekt alleine schon über die Sportler des Vereins sehr gut weitertragen können. Sportler sind zwar nicht die größte Gruppe, aber die für uns wichtigste. Sie haben den Elan und die Kraft, andere mitzureißen. Und das ist es, was wir brauchen.“

"Die Sportler sind froh, wenn sie überhaupt etwas finden, das ein bisschen passt.“
 

Warum aber braucht es im Jahr 2013 ein solches Netzwerkprojekt? Gibt es nicht genügend Mode für Menschen mit körperlicher Behinderung? Die Antwort: nein. Adaptierte Mode wird in Deutschland bisher ausschließlich von Klein- oder Kleinstherstellern angeboten. Für Leistungssportler wie die Athleten der Paralympischen Winterspiele in Sotschi  passen einzelne Hersteller ihre Kollektionen individuell an, für den Breitensport wird dieser Aufwand jedoch gar nicht betrieben. „Die Herausforderung ist, dass es sich im Grunde um maßgeschneiderte Kleidung handelt. Wir können keine Massenware für Menschen mit Behinderung herstellen, weil alles stark angepasst sein muss. Und das macht die Kleidung teuer und für diese Gruppe nicht bezahlbar“, erklärt Kathleen Wachowski. Das gilt für behindertengerechte Mode im Allgemeinen und für Sport- und Funktionsbekleidung im Besonderen. „Momentan ist solch eine Kleidung noch nicht auf dem Markt. Die Sportler sind froh, wenn sie überhaupt etwas finden, das ein bisschen passt.“

Was aber tragen dann Menschen mit Behinderung beim Sport? „Oft bleibt ihnen nur der Griff zur Konfektionsware für nicht behinderte Sportler“, sagt Anke Klepser vom Bönnigheimer ­Hohenstein Institut – einem Prüf- und Forschungszentrum, das sich auf den Textilbereich spezialisiert hat. Seit Anfang 2011 leitet die Sportwissenschaftlerin ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördertes Forschungsprojekt zur optimierten Kleidung für Rollstuhlbasketballer und Handbiker.

Die Sportwissenschaftlerin Anke Klepser arbeitet seit 2007 am Hohenstein Institut in Bönnigheim. Aktuell leitet sie ein Forschungsprojekt, das Passform und Funktionalität von Sportmode für Menschen mit Behinderung verbessern soll.

Hohenstein Institut, Aktion Mensch

Blick über den Tellerrand

 

Die Beschränkung auf diese beiden Sportarten hat gute Gründe. „So decken wir sowohl den Indoor- als auch den Outdoorbereich ab, bei denen die Bekleidung ganz unterschiedlich ist. Darüber hinaus haben wir zwei komplett unterschiedliche Körperhaltungen, nämlich die eher liegende der Handbiker und die aufrecht sitzende der Rollstuhlbasketballer. Das hat den Vorteil, dass wir unsere Ergebnisse auch auf andere Disziplinen gut übertragen können“, erklärt Anke Klepser. Und nicht nur das. ­Kathleen Wachowski betont, dass es auch darum geht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. „Wir müssen rauskommen aus der allgemeinen Betrachtungsweise, dass es nur um Behindertenmode geht. Es gibt eine Reihe von Parallelen. Aus den Erkenntnissen über die Handbiker kann man zum Beispiel viel für Bettlägerige ableiten, und Rollstuhlmode kann auch für Lkw-Fahrer interessant sein.“ Sie möchte erreichen, dass in Zukunft jeder Mensch von adaptierter Kleidung profitieren kann. Ihr liebstes Beispiel: die Fernbedienung. „Diese wurde ursprünglich für Menschen mit Behinderung entwickelt und wird heute ganz selbstverständlich von allen genutzt.“

Ziel des Hohensteiner Forschungsteams ist es, Schnitte, Funktionalität und Komfort der Sportbekleidung zu optimieren. Vor allem für Rollstuhlfahrer kann nicht adaptierte Kleidung schlimme Folgen haben. „Wenn man die ganze Zeit sitzt oder liegt, wird permanent Druck ausgeübt. Die Haut kann sich entzünden. Im schlimmsten Fall entstehen offene Stellen, die ganz schwer heilen. Bei Sportlern, die im Rollstuhl sitzen, haben vor allem Feuchtigkeit und Reibung einen negativen Einfluss“, so Klepser. Ein Schwerpunkt der Forschung war deshalb, die Gefahr von Druckgeschwüren zu vermindern, wie Anke Klepser erklärt. „Wir haben versucht, moderne und funktionale Materialien zu verwenden, die Feuchtigkeit schnell vom Körper abtransportieren, und Nähte zu vermeiden, die zusätzlichen Druck ausüben.“ Die Liste der besonderen Anforderungen an adaptierte Sportbekleidung ist aber noch länger und je nach Art der Behinderung sehr unterschiedlich. Anke Klepser: „Die Problematik liegt in der sehr heterogenen Zielgruppe. Jede Person hat ihre ganz individuellen Einschränkungen.“ Um nur einige Beispiele zu nennen: Bei Rollstuhlfahrern müssen Taschen vorn statt hinten aufgebracht werden, der Schweiß muss schnell abtransportiert werden, damit er nicht zum Gesäß herunterläuft und sich auf der Sitzfläche sammelt. Bei Handbikern sind die Körper anders proportioniert als bei Rennradfahrern: Sie haben extrem muskulöse Oberkörper und Arme, aber sehr schmale Beine. Bei Sportlern, die halsabwärts gelähmt sind, muss man zudem bedenken, dass sie die Körpertemperatur weniger gut regulieren können, da sie fast nur noch über das Gesicht schwitzen.

Überzeugungsarbeit leisten

 

Im Laufe des Forschungsprojekts haben Anke Klepser und ihr Team die Probanden mit einem 3-D-Bodyscanner vermessen, die Sportler befragt, um mehr über die besonderen Bedürfnisse herauszufinden, typische Bewegungsabläufe analysiert, Materialien getestet und Schnittmuster angepasst. Im letzten Schritt entwickeln sie einen sogenannten Demons­trator – ein optimiertes Sportoutfit also, das sie mit den Rollstuhlbasketballern und Handbikern testen werden. Sobald das Forschungsprojekt Ende des Jahres abgeschlossen ist, wird Anke Klepser einen Schlussbericht verfassen, den Interessierte dann ab Anfang 2014 beim Hohenstein Institut anfordern können. Ob und wie ihre Erkenntnisse umgesetzt werden, liegt dann nicht mehr in ihrer Hand.

Große Sportartikelhersteller haben bisher kaum Interesse für das Thema gezeigt. „Für Hersteller wie Adidas ist der Markt einfach zu klein und nicht interessant“, sagt Kathleen Wachowski. Ideal wäre für sie eine Verbindung zwischen Kleinherstellern oder Designern und großen Herstellern, bei der die Markenkleidung lokal an die Bedürfnisse der einzelnen Freizeit- und Profisportler angepasst wird. „Das ist aber noch ein Wunsch. Wir müssen uns einfach langsam vortasten und dann sehen, was die ganz Großen dazu sagen, solche Partnerschaften aufzubauen. Auch wenn dieser Markt nicht unbedingt die Millionen bringen wird, wäre es für Adidas und dessen Image sicher eine Bereicherung“, sagt ­Kathleen Wachowski und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wir sind neugierig, wir hoffen.“

Fotos Hohenstein Institut, Dirk Erhardt, Getty Images/Okeyphotos


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