Sicher unterwegs

Wer an der Gesellschaft teilhaben möchte, muss mobil sein – egal, ob mit dem Bus, zu Fuß, im Rollstuhl oder mit dem Auto. Menschen mit Behinderung stehen dabei vor besonderen Herausforderungen. Damit sie ihnen besser begegnen können, gibt es Trainings und Unterstützungsangebote ganz unterschiedlicher Art. Eines davon ist das Projekt MOVE in Tübingen, das Menschen mit Behinderung für das Nutzen von Bussen und Bahnen fit macht.

bylak/Stock (Hintergrund), Aktion Mensch
Verkehrsmittel-Icons vor Straßenhintergrund

Text Ann-Kathrin Akalin

Ich saß im Bus und habe da ein Plakat entdeckt: Begleitpaten für MOVE gesucht. Ich dachte, das ist eine coole Sache. Da könntest du mitmachen“, erzählt Lisa Landenberger. Dann ging es ganz schnell. Die 22-jährige Psychologiestudentin informierte sich im Internet, nahm Kontakt mit Projektleiter Kai Krudewig auf und meldete sich an. Das erste Treffen mit ihrer Partnerin Alina Seeger, einer 18-jährigen Schülerin mit Downsyndrom, zeigte, dass die beiden als Team harmonieren. „Das ist ein wichtiger Faktor fürs Gelingen“, erklärt Krudewig, „denn die beiden sollten ja gerne zusammen Zeit verbringen und Vertrauen entwickeln.“

privat, Aktion Mensch

Für Alina Seeger war das Training ein voller Erfolg Die 18-Jährige traut sich jetzt zu, allein mit Bus und Bahn zu fahren.

Sich selbstständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen, ist im Landkreis Tübingen für Menschen mit Behinderung nicht einfach. Die Entfernungen sind groß, Fahrpläne bisweilen unleserlich, Busverbindungen oft schlecht, Fahrtziele nicht gut erkennbar. Rampen, Niederflurbusse und abgesenkte Bordsteine sind nicht ausreichend vorhanden. Hinzu kommen Unsicherheiten und Ängste, die viele Menschen mit Behinderung davon abhalten, allein den Weg in die Stadt, zu Freunden oder zu Freizeitaktivitäten anzutreten. Wer aber von Fahrdiensten abhängig ist, bleibt in seiner Lebensgestaltung eingeschränkt. Diesen Bedarf hat der Verein „Freundeskreis Mensch“ zum Anlass genommen, das Projekt MOVE ins Leben zu rufen. Die Idee dazu hatte Mitarbeiterin Veronika Schaible, die selbst im Rollstuhl unterwegs ist und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung genau kennt. Das Konzept: Den Teilnehmern wird ein Pate an die Seite gestellt, der sie auf ihrem Weg mit Bus und Bahn begleitet und unterstützt – mit dem Ziel, anschließend selbstständig unterwegs sein zu können. „So ein Angebot gab es bisher noch nicht“, berichtet Projektleiter Krudewig.

Mitmachen können Menschen jeden Alters und mit unterschiedlichen Einschränkungen. Die erste Fahrt eines Teams wird von einem MOVE-Mitarbeiter begleitet, dann geht es zu zweit los – durch den Dschungel von Fahrplänen, Abfahrtszeiten, Haltestellen und Verkehrsmitteln. Lisa Landenberger begleitete Alina Seeger regelmäßig auf ihrem Weg mit dem Bus zu einem Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt in Tübingen und zurück. Es ist eine lange Strecke, unterwegs muss man einmal umsteigen, dann schließt sich noch ein Fußweg an. Für die Schülerin ging es vor allem darum, Sicherheit zu bekommen, sich die Liniennummern und die Abfahrtszeiten zu merken und zu wissen, wie sie sich im Notfall helfen kann, etwa wenn sie den Bus verpasst oder wenn er ausfällt. „Ich wollte alleine Busfahren lernen und mich im Verkehr zurechtfinden“, erzählt sie. „Und das schaffe ich jetzt“, fügt sie stolz hinzu. „Sie hatte das ganz schnell drauf“, bestätigt die Patin. Nach kurzer Zeit konnten die Begleitungstermine reduziert werden. Allein von A nach B kommen – ein Erfolgserlebnis, das auch das Selbstvertrauen stärkt.

Die Studentin hatte vorher keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung. „Es war für mich eine neue Erfahrung. Das gegenseitige Kennenlernen ist ein besonderer Pluspunkt bei diesem Angebot. Auf der Fahrt kann man sich unterhalten und ganz nebenbei auch mögliche Berührungsängste abbauen“, so Lisa Landenberger. Beim Warten auf den nächsten Bus im Café beispielsweise. „Ich finde die Idee toll. Menschen mit einer Behinderung sollen alle Dinge machen können, die Menschen ohne Behinderung auch tun.“

Stephanie Häfele, Aktion Mensch

Projektleiter Kai Krudewig möchte anderen Menschen mit MOVE mehr Unabhängigkeit ermöglichen.

Der „Freundeskreis Mensch“ setzt sich bereits seit 1972 für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft ein – vor allem in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Beratung. „Aber ohne Mobilität ist keine Teilhabe möglich – sie bildet die Grundvoraussetzung. Die Bemühungen laufen ins Leere, wenn die Menschen keine Möglichkeit haben, selbstständig überall hinzugelangen“, betont Krudewig. Der Verein konnte für MOVE die lokalen Verkehrsbetriebe und das Forum Inklusion als Interessenvertretung der Menschen mit Behinderung als Kooperationspartner gewinnen. Dieser Netzwerkansatz trägt Inklusion in die Gesellschaft und hat weitreichende strukturelle Veränderungen zur Folge, wie beispielsweise die Entwicklung von mehr Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr. Nachdem die Aktion Mensch bereits die MOVE-Planungsphase gefördert hatte, unterstützt sie jetzt auch das im Mai 2014 gestartete Inklusionsprojekt mit rund 245.000 Euro für drei Jahre.

„Unsere Teilnehmer lernen vor allem, ihre Ängste zu überwinden und auch in Stresssituationen klarzukommen“, berichtet der Projektleiter. Paten zu finden, die auch den großen Landkreis abdecken, war gar nicht so einfach. Mittlerweile gibt es aber 15 Paare, die gemeinsam unterwegs sind. Wer gelernt hat, allein mobil zu sein, möchte die neuen Möglichkeiten nicht mehr missen. Alina Seeger und Lisa Landenberger haben sich jedenfalls schon für ein neues Ziel verabredet. Als Nächstes wird der tägliche Schulweg angegangen.


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