Meilensteine

Seit ihrer Gründung hat die Aktion Mensch schon viel erreicht. Unter anderem hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass Menschen mit Behinderung heute weitgehend gleichberechtigt am gesellschaftlichen ­Leben in Deutschland teilhaben. Gehen Sie mit auf eine Reise durch 50 Jahre ­Aktion Mensch und Zeitgeschichte.

Josef Darchinger

Die Bildungschancen für Kinder mit Behinderung sind in den 1960er-Jahren noch eingeschränkt. Sie lernen getrennt von Gleichaltrigen – wie hier im Hannoveraner Annastift – und werden nur auf ein kleines Spektrum möglicher Berufe vorbereitet.

Das erste Logo der Aktion Sorgenkind.

Text Ann-Kathrin Akalin

1960–1969

Der ConterganSkandal bewegt Anfang der 1960er-Jahre die Menschen in Deutschland. 5.000 Babys waren mit Fehlbildungen geboren worden, deren Müttern in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan verschrieben worden war.

Mit großem Engagement sorgen die Eltern der durch Contergan geschädigten Kinder dafür, dass die Aufklärung des Skandals in Gang kommt und Unterstützung mobilisiert wird. Die Medien berichten und bringen das Thema in die Öffentlichkeit. Behinderung ist plötzlich eine gesellschaftliche Aufgabe. Es gilt diesen, aber auch vielen anderen Kindern mit Behinderung zu helfen.

Behinderung ist noch ein Tabuthema in Deutschland, eine Ausnahme bilden nur kriegs- oder unfallbedingte Beeinträchtigungen. Viele Kinder oder Erwachsene mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung leben versteckt bei ihren Familien oder in maroden Anstalten. Medizinische oder pädagogische Hilfe und Beratung gibt es kaum. Daher gründen sich nach ausländischem Vorbild die ersten Elternselbsthilfegruppen und -vereinigungen, wie beispielsweise die Lebenshilfe.

Der ZDF-Medizinjournalist Hans Mohl nimmt sich des Themas an. Er verbindet die Idee, durch eine Lotterie und Spenden Geld zu sammeln, mit dem Ziel, die Lebensbedingungen behinderter Kinder zu verbessern. Dieses Anliegen soll mit einer Unterhaltungssendung im ZDF verbunden werden. Die neue Show-Sendung „Vergißmeinnicht“ mit Moderator Peter Frankenfeld startet am 9. Oktober 1964. Im Anschluss an die Unterhaltungssendung konfrontiert Mohl die Zuschauer mit drastischen Bildern aus den Anstalten. Das Konzept geht auf. Viele Zuschauer spenden.

Die Aktion Sorgenkind wird vom ZDF gemeinsam mit den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege als gemeinnütziger Verein gegründet, um dieser Hilfsaktion einen organisatorischen Rahmen zu geben.

ZDF

„Der große Preis“ macht die Aktion Sorgenkind ab 1974 zu einer der bekanntesten Marken in Deutschland. Moderator Wim Thoelke (Mitte) und sein Team begrüßen in jeder Sendung Stars wie den Schlagersänger Udo Jürgens (2. von rechts), die für noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit sorgen.

1970-1979

1974 moderiert Wim Thoelke zum ersten Mal die neue Spielshow, mit deren Namen die Aktion Sorgenkind für die folgenden zwanzig Jahre untrennbar verbunden sein wird: „Der große Preis“. Mit Loriots Figuren Wum und Wendelin wird sie zum Showklassiker. Die Aktion Sorgenkind erlangt dadurch große Bekanntheit und Beliebtheit.

Überall im Land entstehen mit Unterstützung der Aktion Sorgenkind viele neue Heime, Fördereinrichtungen, Sonderschulen und Werkstätten für junge Menschen mit ­Behinderung. Allerdings liegen sie meist außerhalb der Städte und Gemeinden. Eine behütete, aber deutlich getrennte Parallelwelt entsteht.

Mitleid mit Behinderten Menschen ist ein verbreitetes Gefühl in Gesellschaft, Politik und Wohlfahrt. Dagegen formiert sich unter den Betroffenen mehr und mehr Widerstand. Mitte der 1970er-Jahre finden sich, zum Beispiel in Frankfurt am Main und in Bremen, erste Gruppen zusammen, aus denen später die deutsche Behindertenbewegung entstehen wird.

Ihr Vorbild sind Aktivisten aus den USA, die dort erfolgreich für ihre Selbstbestimmung, gesetzliche Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe gekämpft haben.

1976 erweitert die Aktion Sorgenkind ihre Zielsetzung. Neben der finanziellen Unterstützung von Einrichtungen für behinderte Kinder und Jugendliche sollen auch solche für „seelisch behinderte Kinder und Jugendliche“ gefördert werden. In den Jahren zuvor war – ähnlich wie beim Conterganskandal – öffentlich geworden, wie katas-trophal die Verhältnisse in Deutschlands psychiatrischen Anstalten waren.

Die Förderung von Beratungsangeboten zur „Vorsorge und Früherkennung von Behinderungen“ wird Ende der 1970er-Jahre ins Portfolio der Aktion Sorgenkind aufgenommen. Erst 1994 wurde diese Förderung wieder eingestellt.

Wilhelm Leuschner/dpa

1981 schlägt der Publizist Christoph Franz (2. von links) Bundespräsident Karl Carstens (2. von rechts) mit seiner Krücke. Eine von vielen Aktionen der „Krüppelgruppen“.

1980–1989

Zum ersten Mal Seit der NS-Zeit erreicht eine große Anzahl von Menschen auch mit schwerer Behinderung das Erwachsenenalter. Ab Anfang der 1980er-Jahre fördert die Aktion Mensch deshalb auch Projekte für über 35-Jährige mit Behinderung.

Das „Internationale Jahr der Behinderten“ 1981 nutzen die Protagonisten der Behindertenbewegung mit teils spektakulären Aktionen, um die mediale Aufmerksamkeit auf sich und ihre Forderung nach Gleichberechtigung statt Bevormundung zu lenken. Zum „Krüppeltribunal“ in Dortmund reisen Menschen mit Behinderung aus ganz Deutschland an, um ihre alltäglichen Erfahrungen mit Diskriminierung öffentlich zu machen.

Hans Nitschke

Das „Krüppeltribunal“ tagt 1981 in Dortmund.

Für die „Krüppelgruppen“, wie sie sich selbst nennen, ist die Aktion Sorgenkind schon wegen ihres Namens Ausdruck und Symbol der vor allem von Fürsorge und Mitleid geprägten gesellschaftlichen Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung.

1989 fällt die Mauer – und 25 Jahre nach ihrer Gründung sieht sich die Aktion Sorgenkind und sehen sich die westdeutschen Wohlfahrtsverbände durch die Umwälzungen der politischen Verhältnisse in der DDR vor neuen Herausforderungen. Gemeinsam beginnen Sie damit, die Versorgungsstrukturen in den neuen Bundesländern nach westlichem Schema zu modernisieren.

1990–1999

Eine Grundgesetzänderung tritt im November 1994 in Kraft. Behinderte Menschen und ihre Verbände und Organisationen haben dabei durchgesetzt, dass der Grundrechtekatalog um den Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (Art. 3, Abs. 3, Satz 2) erweitert wird. Ansonsten ändert sich aber in diesem Jahrzehnt für Menschen mit Behinderung noch nicht allzu viel. Erste vorsichtige Fortschritte gibt es im Bildungsbereich: Aus den Sonderschulen werden Förderzentren. Wechsel zwischen Regelschulen und Förderzentren sind nun leichter möglich. Vereinzelt gibt es integrative Klassen.

Mitleid war gestern. In den 1990ern tritt die Aktion Sorgenkind eindeutig für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein – und sorgt mit ihrer „Respekt“-Kampagne bundesweit für Aufsehen.

Bei der Aktion Sorgenkind beginnt ein Paradigmenwechsel. Der lange schwelende Konflikt mit der Behindertenbewegung um das „Sorgenkind“ führt zunächst zu veränderten Botschaften: 1995 startet die Kampagne „Ich will kein Mitleid. Ich will Respekt.“, die den Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung auf den Punkt bringt.

Mit der „Aktion GrundgesetZ“, die sie 1997 ins Leben ruft, nimmt die Aktion Sorgenkind erstmals eine neue Rolle als Vernetzerin ein: Sie bietet zahlreichen Verbänden, Vereinen und Initiativen eine Plattform für ihr Engagement für mehr gleichberechtigte Teilhabe und treibt damit das Thema aktiv voran. Durch den veränderten Umgang mit dem Thema „Behinderung“ kann die Aktion Sorgenkind auch einen großen Teil der bisherigen Kritiker für eine Zusammenarbeit gewinnen. Einige von ihnen gehören in späteren Jahren als beratende Mitglieder fachlichen Ausschüssen der Förderorganisation an.

Der Europäische Protesttag zur Gleich­stellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai ist seit 1997 eine feste Einrichtung in Deutschland – auf Initiative der Aktion Grundgesetz. Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe veranstalten jährlich rund um den 5. Mai deutschlandweit Podiumsdiskussionen, Informationsgespräche und Demonstrationen, die die Aufmerksamkeit auf ihre Anliegen lenken. Die Aktion Mensch unterstützt die Aktivitäten zum 5. Mai, bietet den Akteuren eine Plattform und unterstützt sie bei ihren örtlichen Aktionen.

1996 wird Aufklärung zusätzlicher Satzungszweck des Vereins. Die Aktion Sorgenkind führt ab jetzt zahlreiche Kampagnen, Ausstellungen, Festivals durch, um für das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung zu werben. Ziel ist es, aus der Zivilgesellschaft heraus zum Nachdenken anzuregen und Haltungen in der Bevölkerung zu beeinflussen.

Mit neuem Namen ins neue Jahrtausend.

2000 bis heute

Aktion Mensch heißt die Aktion Sorgenkind seit dem 1. März 2000. Damit vollzieht sie den Paradigmenwechsel auch in ihrem Namen. Menschen mit Behinderung soll auf Augenhöhe begegnet werden, die Attribute Mitleid und Fürsorge sind passé. Wegen der großen Bekanntheit des Namens „Aktion Sorgenkind“ hatten die Verantwortlichen  lange gezögert, der schon seit Jahren geäußerten Kritik an der Bezeichnung „Sorgenkind“ nachzugeben.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung und der Umbau der großen Heime mit Hunderten von Bewohnern hin zu kleinen, ambulant versorgten Wohngruppen innerhalb der Städte und Gemeinden gehört ab jetzt auch zum Förderspektrum der Aktion Mensch.

Vorhaben aus der Kinder- und Jugendhilfe kommen als weiteres Handlungsfeld für die Aktion Mensch hinzu und werden nun gefördert. Ziel ist es, jungen Menschen in sozialen Schwierigkeiten bessere Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu bieten. In den folgenden Jahren wird die Aktion Mensch zur größten privaten Förderorganisation, sowohl im Bereich der Behindertenhilfe als auch bei der Kinder- und Jugendhilfe.

Murat Aslan

Zusammen zur Schule gehen, Freundschaften schließen, sich ineinander verlieben. Dass Inklusion auch für Jugendliche selbstverständlicher wird, möchte die Aktion Mensch mit diesem Kampagnen­motiv aus dem Jahr 2012 erreichen.

Mehrere Gesetze verbessern die rechtliche Lage von Menschen mit Behinderung: Das Sozialgesetzbuch IX tritt 2001 in Kraft. Statt vom Fürsorgegedanken ist es geprägt von der Anerkennung behinderter Menschen als Experten in eigener Sache. Es soll mehr Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen ermöglichen.

2002 folgt das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes. Sein Ziel ist es, eine Benachteiligung von behinderten Menschen zu verhindern. Am 13. Dezember 2006 beschließt die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention. Ab dem 26. März 2009 gilt sie auch in Deutschland und hat den Rang eines Bundesgesetzes. Damit hat sich Deutschland verpflichtet, alles zu tun, damit Menschen mit Behinderung im selben Umfang wie alle anderen an der Gemeinschaft teilhaben können.

Mit ihrem 1000Fragen-Projekt startet die Aktion Mensch im Oktober 2002 eine große Bürgerdebatte zu Themen der Bioethik. Sie ruft die Bevölkerung auf, sich an der Diskussion über die Fortschritte in Medizin und Biotechnologie zu beteiligen. Ziel ist es, einen breiten Meinungsbildungsprozess anzustoßen und die Auswirkungen biopolitischer Entscheidungen auf Menschen mit und ohne Behinderung aufzuzeigen.

Die Kampagne gesellschafter.de, die die Aktion Mensch ebenfalls ins Leben ruft, stellt die Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ ins Zentrum. Hintergrund ist der gesellschaftliche Wandel durch den Umbau des Sozialstaats, die Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich. Die Gesellschafter.de will einen inklusiven Dialog anregen, bei dem sich jeder Mensch in der Bevölkerung als „aktiver Gesellschafter“ begreift, egal, ob mit oder ohne Behinderung, und in die Diskussionen um die Zukunft der Gesellschaft einschaltet.

Auf das Thema Inklusion konzentriert die Aktion Mensch ihr Engagement seit 2010. Mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen und ihrer Förderung bringt sie das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung in der Gesellschaft voran.

2013 legt die Bundesregierung bei der zuständigen UN-Kommission ihren ersten Bericht vor, wie sie mit der Umsetzung von Inklusion vorangekommen ist. Aus der noch laufenden Prüfung des Berichts wird die Kommission Handlungsempfehlungen an Deutschland ableiten. Für die aktuelle Legislaturperiode bis Ende 2017 ist die Verabschiedung eines Bundesteilhabegesetzes geplant. Für alle Menschen mit Behinderung in Deutschland wäre das ein weiterer, wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben.


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