Mehr Flimmern als Genuss

Die Welt ist digital. Sie flimmert, vibriert, klickt. Und sie fasziniert – besonders das Fernsehen, die unangefochtene Nummer Eins unter den Medien. Eine Studie zeigt jedoch: Für Menschen mit Beeinträchtigungen gibt es bei der Mediennutzung Barrieren.
 

Photocase

Text: Anja Schimanke

Abends, kurz nach 20 Uhr. Ab aufs Sofa, Fernseher an! Schon flimmert die Lieblingssendung über den Bildschirm. In der Mediathek lässt sich ein verpasster Film anschauen, parallel können auf dem Tablet oder Smartphone Nachrichten gelesen werden.

Mediennutzung ist für viele Menschen selbstverständlich und unkompliziert. Für Hör- oder Sehbehinderte nicht. Beispiel Fernsehen: Eine Fernbedienung mit großen, fühlbaren Tasten wäre toll. Und die Möglichkeit, auf Knopfdruck einheitliche Informationen zu bekommen, ob gerade eine barrierefreie Sendung läuft. Trotz Untertiteln, Audiodeskription und Gebärdensprache ist ein Fernsehabend für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht unbedingt ein Genuss. Die Untertitelung ist oft zeitversetzt, zu schnell vom Bildschirm verschwunden, nicht synchron, vor allem bei Livesendungen häufig fehlerhaft und unvollständig. Auch die Sprachqualität und Tonverständlichkeit könnten besser sein.

Dies ergab die bislang größte Umfrage zum Thema Mediennutzung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Dazu wurden 610 Studienteilnehmende befragt, unter der Leitung von Prof. Dr. Ingo Bosse (Technische Universität Dortmund) und Prof. Dr. Uwe Hasebrink (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Universität Hamburg), gefördert von den Medienanstalten und der Aktion Mensch. Die Studie geht der Frage nach, ob Medienangebote und -inhalte nach persönlichen Vorlieben genutzt und dem individuellen Bedarf gemäß gestaltet werden können. Das Ergebnis: Wer blind, gehörlos, ertaubt, hör- oder sehbeeinträchtigt ist oder Lernschwierigkeiten hat, kann Medien häufig nicht nach eigenen Bedürfnissen nutzen. Damit sinken die gesellschaftlichen Teilhabechancen.

Sich informieren und mitreden können

Fernsehen ist für die meisten Menschen mit Behinderung trotzdem die Nummer eins unter den Medien und wird im Vergleich zur Gesamtbevölkerung intensiver genutzt. „Dass ein sehr hoher Anteil von blinden und sehbeeinträchtigten Menschen das Fernsehen nutzt, obwohl es noch nicht durchgehend mit Audiodeskription ausgestattet ist, hat uns überrascht. Ebenso der Wunsch nach barrierefreier Werbung“, so Bosse. „Vielen geht es ums Mitredenkönnen, auch wenn man sich über Werbung aufregt.“

Informationen, Unterhaltung, Entspannung – dies sind die drei Hauptgründe, den Fernseher einzuschalten. Insgesamt sind fast die Hälfte der Befragten mit Hörbeeinträchtigung (43 Prozent) unzufrieden mit der Barrierefreiheit des Fernsehens, insbesondere die Ertaubten (61 Prozent). Bei den privaten Sendern steigt der Anteil der Unzufriedenen sogar auf 69 Prozent (Gehörlose) beziehungsweise 71 Prozent (Ertaubte). Deutlich mehr als das Fernsehen nutzt diese Gruppe der Befragten erwartungsgemäß das Internet, sogar intensiver als der Durchschnitt der Bevölkerung, und vor allem stärker als andere Studienteilnehmenden. „Nicht alle haben die finanziellen Mittel oder den Zugang zu den Geräten. In Einrichtungen werden sie oft gemeinschaftlich genutzt“, so die Erklärung von Ingo Bosse, „und es gibt Probleme bei der Bedienbarkeit durch Touchscreens.“

Mehr Tageszeitungen in digitaler Form wären seiner Meinung nach gut, da Menschen mit körperlich-motorischen Einschränkungen sie einfacher handhaben könnten. Ein großer Fortschritt in Sachen Barrierefreiheit wäre es, so der Experte, wenn auch die privaten Sender mehr barrierefreie Sendungen anböten. Von Untertiteln profitieren nicht nur gehörlose und hörbehinderte Zuschauer, sondern auch Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund und alle, die ihr Tablet oder Smartphone unterwegs nutzen. Bosse: „Die Sender selbst gewinnen eine werberelevante Zielgruppe mit hoher Affinität zum Fernsehen. Die haben sie bislang noch nicht auf dem Schirm!“


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