Weitspringer Markus Rehm: "Ich will einen richtig geilen Wettkampf"

Im Juli 2014 startete der Weitspringer Markus Rehm als erster behinderter Sportler bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften - und gewann. An den darauf folgenden Leichtathletik-Europameisterschaften durfte er nicht mehr teilnehmen. Seine Beinprothese könnte ihm einen Vorteil verschaffen, so der Deutsche Leichtathletik Verband. Inklusion und Fairplay, das ist kompliziert. Für seinen damaligen Beitrag über Markus Rehm für Spiegel-Online wurde der Journalist Lukas Eberle in diesem Frühjahr mit dem "Paralympic Media Award" in der Kategorie Online/Social Media ausgezeichnet.
 

copy Rehm 2014

Text  Lukas Eberle

Das Anlegen der Prothese dauert nicht länger als einen Schuh anzuziehen. Markus Rehm sitzt auf einer Holzbank im Leichtathletikstadion in Leverkusen. Er zieht einen Strumpf aus Silikon über den Stumpf seines rechten Unterschenkels, dann stülpt er seine Prothese darüber: einen Schaft aus Kohlefaser. Noch ein paar Handgriffe mit dem Schraubenzieher, dann ist auch die Feder aus Vollcarbon an dem Schaft montiert. Der Umriss der Feder ähnelt dem Hinterbein einer Katze. Auf der Unterseite hat die Feder Spikes. Rehm erhebt sich, wippt auf seiner Prothese.

Beim Integrativen Sportfest in Leverkusen sind behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam am Start. Der Weitsprung ist das Highlight des Abends. Rehm steht am Anlauf, animiert das Publikum zum Klatschen. Er beschleunigt, macht 19 Schritte und drückt sich beim Absprung auf seiner Prothese ab. Rehm schafft 7,73 Meter, der Stadionsprecher ist begeistert: "Unglaublich, was für eine Energie aus diesem Athleten kommt", ruft er in sein Mikrofon.

Markus Rehm, 25, ist der beste beinamputierte Weitspringer der Welt. Er gewann bei den Paralympics 2012 in London die Goldmedaille. Seine Bestmarke liegt derzeit bei 7,95 Meter, er fliegt fast so weit wie die besten deutschen Athleten ohne Behinderung.

Am kommenden Wochenende wird Rehm in Ulm bei den deutschen Meisterschaften springen - als erster Athlet mit Handicap bei den Titelkämpfen. Sein Start hat eine Debatte ausgelöst, es geht um die Frage, inwieweit Inklusion im Spitzensport möglich ist. Es geht um Fairplay und darum, ob sich eine Sprungfeder mit einem menschlichen Bein vergleichen lässt.

Rehm hat keine Konkurrenz mehr

copy Rehm 2014

Rehm wuchs im schwäbischen Göppingen auf, mit 14 Jahren verlor er seinen Unterschenkel, ein Unfall beim Wakeboarden. Ein Motorboot überfuhr ihn, die Schiffsschraube zerfetzte sein Bein, nach drei Tagen mussten die Ärzte amputieren. Doch wenige Monate später trieb Rehm schon wieder Sport, sprang Trampolin, begann mit Weitsprung. Nun eben mit Prothese. 2008 wechselte er zu Bayer Leverkusen, der Verein hat eine der größten Behindertensport-Abteilungen Deutschlands. Rehm arbeitet halbtags als Orthopädiemechaniker, an sechs Tagen in der Woche trainiert er, manchmal auch zweimal am Tag. Er hat mehrere Sponsoren, eine Agentur kümmert sich um Interviewanfragen.

Nach dem Weitsprungwettkampf in Leverkusen sitzt Rehm an einem Biertisch unter dem Tribünendach. Er trägt ein enges Shirt, hüftaufwärts gleicht sein Körper dem eines Modellathleten. "Selbst mit einem halben Bein", sagt er, "kann ich voll trainieren." In den vergangenen Jahren hat Rehm mehrere Weltrekorde aufgestellt. Die Wettkämpfe im Behindertensport sind für ihn keine Herausforderung mehr, meistens gewinnt er, manchmal mit über einem Meter Vorsprung vor dem Zweiten. Er wolle nicht respektlos klingen, sagt Rehm, aber mit der Konkurrenz im Behindertensport sei es eben schwierig.

"Der Wettkampf gegen andere ist der Inhalt meines Sports", sagt er, "ich will um jeden Zentimeter kämpfen müssen, ich will zittern müssen." Er träumt schon lange davon, gegen Athleten mit zwei gesunden Beinen anzutreten.

Bis Ende 2015 soll der Prothesen-TÜV kommen

Kurz nach den Paralympics 2012 entschied der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) zunächst, Sportler wie Rehm nicht für seine Wettkämpfe zuzulassen. Athleten, die Prothesen für die Ausübung einer Disziplin benötigen, seien von der Wertung ausgeschlossen, hieß es damals. Die Funktionäre sahen in der Technik eine Gefahr für den fairen Wettkampf.

Im Jahr 2013 revidierte der Verband seine Entscheidung. Rehm, der 2014 schon mehrmals bei Meetings gegen nichtbehinderte Springer angetreten ist, bekam die Starterlaubnis für die Deutsche Meisterschaft. Die Qualifikationsnorm von 7,55 Metern hatte er locker überboten.

"Er ist ein Ausnahmeathlet, der vermutlich auch mit zwei gesunden Beinen in der Spitzengruppe mitspringen würde", sagt der DLV-Inklusionsbeauftragte Gerhard Janetzky, "ich gehe momentan davon aus, dass die Prothese kein Vorteil ist. Es gibt keinen Grund, Markus Rehm das Startrecht zu verweigern."

In der deutschen Jahresbestenliste steht Rehm auf Platz fünf, wenn er in Ulm einen guten Tag erwischt, wäre eine Medaille drin. Um die Norm für die Europameisterschaft im August in Zürich zu knacken, müsste er seine Bestmarke nur um zehn Zentimeter übertreffen. Seine Leistung wird jedoch erst mal unter Vorbehalt gewertet. Der DLV will zusammen mit dem Deutschen Behindertensportverband und Sportwissenschaftlern eine Untersuchung anstrengen. Daten wie Anlaufgeschwindigkeit, Absprungdruck und Absprungwinkel sollen zeigen, ob Rehms Leistungen mit denen von zweibeinigen Springern zu vergleichen sind.

Techno-Doping - ja oder nein?

copy Rehm 2014

Bis Ende 2015, sagt Janetzky, soll es eine Art Prothesen-TÜV geben. Damit sollen Kampfrichter entscheiden können, ob eine Prothese dem Sportler einen Vorteil bringt oder nicht. Sollten die Regelhüter Rehms Prothese als unerlaubtes Hilfsmittel einstufen, wird seine Wertung rückwirkend annulliert - Rehm dürfte dann auch nicht mehr bei DLV-Wettkämpfen starten.

Wenn im Leistungssport Inklusion und Fairplay aufeinandertreffen, wird es kompliziert.

Rehms Fall zeigt erstmals auch in Deutschland, wie im Sport die Grenze zwischen Behinderten und Nichtbehinderten verschwimmt. Der südafrikanische Prothesenläufer Oscar Pistorius sprintete 2012 in London als erster beidseitig Amputierter zunächst bei Olympia und später bei den Paralympics. Er hatte sich die Starterlaubnis vor Gericht erstritten.

Bevor Pistorius 2013 angeklagt wurde, seine Freundin ermordet zu haben, war er die Ikone des Behindertensports. Er hatte millionenschwere Werbeverträge. Doch Kritiker warfen ihm vor, mit seinen Stelzen Techno-Doping zu betreiben.

Auch Rehm spürt häufig Skepsis. Nach den Paralympics entschied er sich, ein neues Federmodell zu benutzen. Er kann jetzt schneller anlaufen, seinen Weltrekord hat er seitdem um 60 Zentimeter verbessert. Manche Leute, sagt Rehm, würden fragen, ob seine Prothese ihn irgendwann überhole. "Die Menschen sehen darin ein futuristisches Teil, ein Hightech-Gerät", sagt Rehm, "doch die Prothese macht nichts von alleine. Ich bekomme von der Feder nur die Energie zurück, die ich zuvor im Anlauf reinstecke, und das kostet viel Kraft."

Einfach mal einen "richtig geilen Wettkampf" erleben

Biomechaniker gehen davon aus, dass Leichtathleten eine 100-Meter-Zeit von mindestens 10,60 Sekunden schaffen müssen, um acht Meter weit springen zu können. Rehm läuft die 100 Meter in gerade mal 11,46 Sekunden. Liegt seine Weite also doch an der Prothese?

Das Argument sei Schwachsinn, sagt Rehm. Sein Anlauf sei schließlich nur 36 Meter lang. Er sei eben auf den Punkt schnell, er erreiche eine Höchstgeschwindigkeit von 9,8 Metern pro Sekunde, damit könne man durchaus acht Meter weit springen.

Christian Reif (LC Rehlingen) und Sebastian Bayer (Hamburger SV) sind die derzeit besten deutschen Weitspringer. Doch beide wollen lieber nicht über Rehm, ihren neuen Konkurrenten, sprechen. Es ist schwierig, niemand möchte etwas Falsches sagen, niemand möchte als Inklusionsgegner abgestempelt werden. Unter den Springern gebe es keine Vorbehalte gegenüber Rehm, versichert DLV-Funktionär Janetzky: "Die freuen sich auf den Wettkampf mit ihm."

Auf die Frage, ob seine Leistungen mit denen von Nichtbehinderten zu vergleichen sind, schweigt Markus Rehm ein paar Sekunden. Er überlegt, dann sagt er: "Natürlich sind die Voraussetzungen anders, ein Vergleich ist schwer." Er wolle sich "nicht irgendwo dazwischenklemmen", er wolle einfach nur mal wieder einen "richtig geilen Wettkampf" erleben. Er werde in Ulm alles geben.

Und falls er deutscher Meister wird? "Dann werden die Diskussionen noch größer, das wäre heftig", sagt Rehm, "darüber denke ich lieber nicht nach."


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