Viel Luft nach oben

Menschen mit Behinderung können nicht mit derselben Selbstverständlichkeit unterwegs sein wie Menschen ohne Behinderung. Auch, wenn sich schon so manches getan hat.

Oleksiy Mark/fotolia

Text: Stefanie Wulff
 

Die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele hat einen prall gefüllten Terminkalender und ist viel mit dem Flugzeug unterwegs. Regelmäßig wird sie vom Bordpersonal aufgefordert, bis zum Schluss sitzen zu bleiben, damit man ihr – als Blinde – in Ruhe helfen könne und sie keinen Stau verursache, wie sie der Süddeutschen Zeitung kürzlich erzählte.

Auch die Bloggerin Christiane Link weiß von vielen Missständen zu berichten, die Menschen mit Behinderung ausbremsen: zum Beispiel, dass Fahrstühle an Haltestellen um 21 Uhr abgestellt werden – offensichtlich haben Menschen mit Mobilitätseinschränkungen spät abends zu Hause zu bleiben. Und Michael Prall, der mit einer geistigen und körperlichen Behinderung lebt, musste sich von seiner Krankenkasse anhören, dass er zu viel unterwegs sei, da sein Rollstuhl über Gebühr strapaziert würde.

Drei Beispiele dafür, dass Menschen mit Behinderung nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit mobil sein können wie Menschen ohne Behinderung. Obwohl ihnen das rein rechtlich zusteht. Der Artikel 20 der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Vertragsstaaten – also auch Deutschland –, die persönliche Mobilität von Menschen mit Behinderung sicherzustellen.

Nachholbedarf bei Taxis

Einiges hat sich bereits getan: So sind beispielsweise schon die Hälfte aller deutschen Bahnhöfe für den stufenfreien Einstieg optimiert, eine EU-Richtlinie schreibt vor, dass Menschen mit Behinderungen im Flugverkehr nicht diskriminiert werden dürfen, und laut Personenbeförderungsgesetz hat sich Deutschland verpflichtet, den öffentlichen Raum bis 2022 komplett barrierefrei zu machen. Auch deshalb schneidet Deutschland bei unserer Umfrage unter Mobilitätsexperten  immerhin schon mittelmäßig ab. Aber vieles bleibt noch zu tun.

Volker Sieger vom Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität in Mainz nennt einige der größten Baustellen: Was barrierefreie Taxifahrten angehe, sei Deutschland „ganz weit hinten“. Viel zu wenige Fahrzeuge seien für Rollstuhlfahrer geeignet. Im Flugverkehr bleibe es diskriminierend, wenn Rollstuhlfahrer in spezielle Stühle umgesetzt oder gar an Bord getragen werden müssten. „Ziemlich komfortabel“ ist nach Einschätzung von Volker Sieger der innerstädtische ÖPNV, weniger gut hingegen der Überlandverkehr: Hier gebe es zum Beispiel deutlich weniger Niederflurbusse und somit oft keinen barrierefreien Zugang. Katastrophal sei der Fernlinienbusverkehr, und ob sich die Betreiber an die gesetzlichen Vorgaben halten werden, alle Neufahrzeuge ab 2016 barrierefrei umzurüsten, bleibe ohnehin abzuwarten.

Das Thema Bahn ist nach Einschätzung des Forschers und Praktikers „ein weites Feld“. „Man muss positiv sehen, dass es in den letzten Jahren enorme Anstrengungen gegeben hat, Fahrzeuge und Bahnhöfe barrierefrei umzugestalten“, so Volker Sieger. Negativ seien aber die Servicezeiten der Bahn: Reisende, die darauf angewiesen seien – weil sie den Zug eben nicht allein erreichen könnten –, hätten Pech gehabt, wenn sie außerhalb der örtlich ganz unterschiedlichen Bürozeiten reisen wollen. Fehlende Sprachdurchsagen bei elektronischen Fahrgastinformationen, auf die Sehbehinderte angewiesen sind, ein Mangel an Symbolen und klar verständlichen Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten, zu wenige für alle zugängliche Toiletten ... die Liste ließe sich fortsetzen.

Freiwilligkeit zieht nicht

Der Verein Mobil mit Behinderung, der sich für das Recht auf Mobilität für alle einsetzt, fordert deshalb, die Nachteile behinderter Menschen gesetzlich auszugleichen. Dazu zählt etwa das Recht, sich ein Verkehrsmittel aussuchen zu können – ÖPNV, Fahrdienst oder ein bedarfsgerechter privater Pkw sollen jederzeit zugänglich und bezahlbar sein –, auch wenn es sich um private und nicht nur um berufliche Wege handelt.

Forderungen, die auch Volker Sieger unterstützen kann. Ganz wichtig sei es außerdem, nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch die Privatwirtschaft in die Pflicht zu nehmen. „Denn das Instrument der Freiwilligkeit ist gescheitert“, sagt er. Ohne gesetzliche Vorgaben, so die Einschätzung des Mobilitätsexperten, werden auch in Zukunft Taxi-, Bus-, Bahnfahrten und Flugreisen nicht so einfach und jederzeit für jeden möglich sein.


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