Inklusion durch Technik?

Der Designforscher Tom Bieling und sein Team haben die Lorm Hand und den Lorm Glove entwickelt, mit denen taubblinde Menschen über größere Entfernungen kommunizieren können. Warum die technischen Hilfsmittel nicht nur praktisch für den Alltag sind, sondern auch mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, erläutert der Wissenschaftler in seinem Gastbeitrag.

Der 36-jährige Interaction Designer Tom Bieling leitet das Forschungscluster „Soziale Innovation“ am Design Research Lab der Universität der Künste Berlin und lehrt seit 2011 als Gastprofessor an der German University in Cairo. Er ist Gründungsmitglied des Design Research Networks und Initiator des Blogs DESIGNABILITIES (siehe Infokasten rechts).

Mit der Lorm Hand können Nachrichten automatisch auf Twitter und Facebook gepostet werden. Sehende können mithilfe eines Monitors das Lormalphabet erproben und erlernen und so einen Einblick in die Lebenswelt Taubblinder erhalten.

Text Tom Bieling
Fotos Friederike Göckeler

Mit ihrem Jugendfreund Edi hat Laura das letzte Mal vor drei Wochen gesprochen. Der Kontakt ist schwieriger geworden, seit sie in Berlin wohnt. Edi verlor im Alter von neun Jahren zunächst seine Hör- und dann seine Sehfähigkeit. Seitdem verständigen sich beide mithilfe des Lormalphabets, bei dem man sich anhand kurzer Streich- und Tippbewegungen gegenseitig Wörter in die Hand buchstabiert. Grundvoraussetzung für diese Art der Kommunikation ist es, dass beide Gesprächspartner des Lormens mächtig sind. Außerdem müssen sie sich gegenseitig berühren können. Ein Gespräch über Distanz ist daher schwierig und bisweilen unmöglich. Manchmal telefonieren Laura und Edi. Besser gesagt: Laura telefoniert mit jemand anderem, der dann simultan übersetzt, indem er in Edis Hand lormt. Ein persönliches Gespräch in privater Atmosphäre: Fehlanzeige.
Die Informationsquellen taubblinder Menschen beschränken sich meist auf ihre unmittelbaren Bezugspersonen. Eine selbstbestimmte Teilhabe am sozialen Leben ist ihnen häufig nur bedingt möglich. Das hat auch mit ihren Zugangsmöglichkeiten zu Kommunikationsmitteln zu tun. Problematisch kann es werden, wenn diese Zugänge so gestaltet werden, dass sie von möglichst vielen genutzt werden können. Denn wenn die meisten Menschen sehen und hören können, werden auch die meisten Geräte und Technologien so konzipiert, dass sie von diesen, eben möglichst vielen Menschen genutzt werden können. Der „Rest“ hat einfach Pech gehabt. Dies führt zu einem verstärkten Ausschluss ohnehin schon Benachteiligter. Menschen, die für den Zugang zur Techniknutzung nicht berücksichtigt werden, laufen somit Gefahr, weiter sozial ausgegrenzt zu werden.

Der Lorm Glove ist ein Handschuh, der das Lormalphabet in digitalen Text übersetzt: Der Nutzer zieht den Handschuh an, in dem kleine Sensoren stecken, und lormt sich selbst in die Hand hinein. Die Buchstaben werden digital erfasst, übersetzt und mithilfe eines eingebauten Bluetoothmoduls an das Smartphone des Nutzers gesendet. Von dort kann die Nachricht als E-Mail, SMS oder Sprachnachricht verschickt werden. Via Lorm Glove kann man auch Nachrichten empfangen.

Im Zuge eines großen Protestmarsches von Taubblinden in Berlin Ende 2013 war die Lorm Hand fester Bestandteil der Abschlusskundgebung. Politische Forderungen wie die nach mehr qualifizierten Assistenzen oder dem Merkzeichen „TBL“ für den Schwerbehindertenausweis wurden dort auf die Hand gelormt und fanden schnell Verbreitung über Onlinekanäle.
Neben seiner Funktion als Kommunikationshilfe hat das Projekt also auch eine politische Dimension. Barrierefreiheit wird bisweilen als Einschränkung der Gestaltungsfreiheit empfunden. In Wahrheit birgt sie jedoch großes Potenzial, zumal auf Anwenderseite. Viele Funktionen, die die Anforderungen von Menschen mit Behinderung berücksichtigen, können auch einen Mehrwert für eine Vielzahl anderer Nutzer haben. Dazu bedarf es der Einbeziehung unterschiedlicher Nutzerinnen und Nutzer. Denn erst, wenn sich gesellschaftliche Vielfalt auch in der Gestaltung und Entwicklung ihrer Handlungsräume abbildet, werden wir dem Ziel Inklusion und Teilhabe näherkommen. Nicht nur Laura und Edi könnten dann enger in Kontakt bleiben.Barrierefreie Kommunikation schafft Inklusion.

Dass von einem digitalen Miteinander aber erst dann die Rede sein kann, wenn nicht nur digitale Eliten involviert werden, zeigt eines der jüngsten Projekte des Berliner Design Research Labs. Im dortigen Forschungsbereich „Soziale Innovation“, der sich insbesondere mit Fragen der Technologiegestaltung im Kontext von Inklusion auseinandersetzt, beschäftigen wir uns mit der Frage, wie künftige Kommunikations- technologien die Gesellschaft verändern werden und wie sie gestaltet werden können. Eines der Grundprinzipien einer inklusiven Gesellschaft ist die barrierefreie Gestaltung ihrer Zugänge. Unter Barrierefreiheit versteht man im weitesten Sinne eine Gestaltung von Gegenständen, Prozessen, Medien und Handlungsabläufen, die von allen Menschen unabhängig bestimmter körperlicher oder kognitiver Fähigkeiten und Voraussetzungen möglichst problemlos in Anspruch genommen werden können.
Am Design Research Lab arbeiten wir hierfür eng mit Menschen zusammen, die solche Kommunikationsmittel direkt oder indirekt nutzen, zum Beispiel mit Gehörlosen, Blinden, ihren Verwandten, Betreuern, mit Ärzten oder Pflegepersonal. Gemeinsam werden deren Lebenswelten und Alltagssituationen erkundet, Forschungsfragen formuliert, Konzepte entwickelt, Prototypen gebaut und getestet. Auch Laura und Edi waren schon zu Besuch. Denn zwei der zentralen Projekte der Forschergruppe beschäftigen sich mit dem Thema Taubblindheit: der Lorm Glove und die Lorm Hand. Beide basieren auf dem Lormalphabet, das vielen Taubblinden als Kommunikationsgrundlage dient.


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