Leicht verständlich

Angemessen auf Briefe von Ämtern reagieren, eigenständige Entscheidungen beim Arzt treffen, Inhalte von Nachrichten verstehen – dies und vieles mehr bleibt einem Großteil der Deutschen verwehrt, wenn die jeweiligen Texte nicht in vereinfachter Form vorliegen.

Text  Astrid Eichstedt
Bilder Lebenshilfe Bremen

Schreiben vom Amt lassen oft an Verständlichkeit zu wünschen übrig.

Hierzulande gibt es zahlreiche Menschen – laut statischen Erhebungen sind es über 20 Millionen Erwachsene – denen das Verständnis für komplexe Texte aus unterschiedlichen Gründen fehlt. Neben kognitiven Einschränkungen können auch Gehörlosigkeit ab Geburt, funktionaler Analphabetismus, Legasthenie, Autismus und Demenz dazu führen, dass solche Texte nicht, noch nicht oder nicht mehr verstanden werden. Auch für Migranten kann eine vereinfachte Sprache – und sei es vorübergehend – von Vorteil sein, um sich schneller zurecht zu finden.

In den USA gab es schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Ansätze zur Vereinfachung der Sprache für Einwanderer. In den 70er Jahren griff die dortige Behindertenselbsthilfe diesen Gedanken auf und entwickelte eine leicht verständliche Sprache, nicht zuletzt, damit Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Rechte besser wahrnehmen konnten. Seit den 90er Jahren befassen sich auch deutsche Aktivisten der Behindertenselbsthilfe mit dem Thema. Vor allem auf Initiative des Vereins „Mensch zuerst“ wurden nach und nach – in enger Zusammenarbeit mit den Adressaten der Texte –  allgemeingültige Regeln für die so genannte Leichte Sprache erstellt, die in der Folge immer verfeinert wurden. Ein wichtiges Signal setzte schließlich die UN-Behindertenrechtskonvention, in der auch Sprache als mögliche Barriere erkannt wurde. Allerdings gilt die Vorschrift, die wichtigsten Texte auch in Leichter Sprache anbieten zu müssen, bislang nur für Bundesbehörden, festgelegt in der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung (BITV) von 2011. Julia Bertmann, die das Down-Syndrom hat und für die Zeitschrift Ohrenkuss arbeitet, schätzt es sehr, dass sie sich nun auch regelmäßig politisch informieren kann: „Ich lese immer die Beilage von der Zeitschrift „Parlament“ in Leichter Sprache. Die wird vom Bundestag gemacht. Ich finde das toll, dass es die gibt.“

Noch mangelt es an Kochrezepten in Leichter oder einfacher Sprache.

Experten in eigener Sache spielen eine wichtige Rolle
 

Eine wachsende Zahl an Übersetzern und Übersetzungsbüros zeigt, dass sich auf dem Gebiet eine Menge tut. Häufig arbeiten die Übersetzungsbüros nach dem folgenden Prinzip: Die Übersetzer bearbeiten die Texte, die dann von Menschen mit Leseschwäche auf ihre Verständlichkeit hin geprüft werden. 2011 hat der Verein „Mensch zuerst“ im Rahmen eines Modellprojekts einen Lehrplan für die Ausbildung von Prüfern für Leichte Sprache entwickelt und erfolgreich getestet. Allgemeingültige Standards für die Prüfer gibt es bislang jedoch nicht.

Seit einigen Jahren widmet sich zudem die Wissenschaft der Leichten Sprache. Auch hier spielen Experten in eigener Sache eine wichtige Rolle. Zum Beispiel als Co-Forschende am Institut für Förderpädagogik der Universität Leipzig, wo das Projekt LeiSA (Leichte Sprache im Arbeitsleben) einen Beitrag zur Verringerung von Barrieren im Arbeitsalltag von Menschen mit Lernschwierigkeiten leisten soll. Christiane Maaß, Professorin für Medienlinguistik und Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim, zog bei ihrer Arbeit ebenfalls immer wieder Menschen mit Leseschwäche hinzu. Mit ihrer Kollegin Ursula Bredel brachte sie 2016 den dreibändigen Duden Leichte Sprache heraus. „Inzwischen“, so Christiane Maaß, „ist die Verständlichkeit von Sprache und Texten eine gut erforschte Größe.“ Ob es daher immer noch nötig und sinnvoll ist, Menschen mit Leseschwäche für die Prüfung eines jeden einzelnen Texts heranzuziehen, darüber ist man in Fachkreisen unterschiedlicher Meinung. Kritiker mahnen, dass aufgrund des unterschiedlichen Leseniveaus der Prüfer unter Umständen Texte zu Unrecht durchgewunken oder aber blockiert würden. Die Vermeidung der Über- oder Unterforderung der Adressaten ist denn auch der schmale Grat, auf dem sich jede Übersetzung bewegen muss.

Auch in der mündlichen Kommunikation, etwa beim Arzt, ist es wichtig, dass die Teilnehmer einander verstehen.

Etwas mehr Klarheit nutzt nicht nur Menschen mit Leseschwäche
 

Das Übersetzen in Leichte Sprache ist in der Tat keine leichte Sache. Es erfordert erhebliche Expertise, ein verantwortungsvolles Vorgehen und eine möglichst genaue Kenntnis der Zielgruppe. Um die Leser nicht mit Informationsfülle und ellenlangen Texten zu überfrachten, können diese nicht eins zu eins übertragen werden. Vielmehr gilt es stets abzuwägen zwischen Informationsbedürfnis und Lesefähigkeit der Adressaten. „Es ist jedoch eine Illusion“, so Christiane Maaß, „zu glauben, man könne jeden beliebigen Text in einer angemessenen Form in Leichter Sprache aufbereiten. Wenn beispielsweise in juristischen Texten jedes zweite Wort erläutert werden muss, ist das Ganze am Ende nicht mehr lesbar. Es kann allerdings schon sehr hilfreich sein, Juristen oder Ärzten Erläuterungen bestimmter Begriffe und Sachverhalte für die mündliche Kommunikation in leicht verständlicher Sprache an die Hand zu geben.“ 

Neben der Leichten gibt es auch die einfache Sprache. Sie ist komplexer, unterliegt weniger Regeln. Auch Übersetzer in einfache Sprache müssen sich auf das konzentrieren, was für die Zielgruppe wirklich wichtig ist. Während die Leichte Sprache bislang fast ausschließlich der Übertragung von Sachtexten dient, gibt es in einfacher Sprache auch Belletristik. In Deutschland wurde diese Sprachform nicht zuletzt durch den 2009 gegründeten Spaß am Lesen Verlag verbreitet, der neben der Zeitschrift „Klar und Deutlich“ sowie dem digitalen Wochenmagazin „Klar und Deutlich aktuell“ auch Romane in einfacher Sprache herausgibt, darunter einige in Kooperation mit der Aktion Mensch. Ralf Beekveldt, Gründer und Geschäftsführer des Verlags, sagt: „Einfache Sprache wird von 95 % der Bevölkerung verstanden. Viele unserer Leser lesen zum ersten Mal in ihrem Leben ein ganzes Buch.“ Kritikern, die in den Vereinfachungen einen allgemeinen Sprachverfall wittern, setzt Ralf Beekveldt entgegen: „Es geht es ja nicht darum, das Sprachniveau für alle zu senken, sondern Menschen zu helfen, selbstbestimmt zu leben.“ Viele Behördentexte sind zudem nicht gerade Glanzstücke deutscher Ausdruckskunst. Etwas mehr Klarheit nutzt hier längst nicht nur Menschen mit Leseschwäche. So gesehen ist es auch nicht verwunderlich, dass die erste Auflage von mehreren zehntausend Stück einer Erbrechtsbroschüre, die das Team von Christiane Maaß für das Niedersächsische Justizministerium in Leichte Sprache übersetzt hatte, innerhalb weniger Monate vergriffen war.


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