Unterwegs mit dem dicken B

Wer das Merkzeichen „B“ in seinem Schwerbehindertenausweis hat, kann im öffentlichen Personenverkehr eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Für Raúl Krauthausen eine prima Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen. Ein Erfahrungsbericht.

Abfahrbereit: Raúl Krauthausen ist fast das ganze Jahr über für seine beruflichen Projekte mit der Bahn unterwegs. Bevor er zwischendurch Langeweile bekommt, lädt er lieber jemand für die Fahrt ein. [Foto: Eran Wolff (m)]

Wenn ich mich so an meine Kindheit zurückerinnere, würde ich nicht behaupten, dass ich ein Zugnarr war. Ich hatte zwar eine kleine Modelleisenbahn, aber ich habe nie mit meinen Eltern den großen Maschinen auf den Gleisen hinterhergeschaut. Heute mache ich das fast jeden Tag, weil es mein Job mit sich bringt. Denn durch meine Arbeit bei den Sozialhelden und durch mein Buch bin ich in den letzten Jahren ständig auf Reisen, die ich am liebsten mit dem Zug zurücklege. Für mich sind Züge zu einem zweiten Büro geworden, weil ich dank Laptop und Hotspot doch die ein oder andere Arbeit während der Fahrt schaffe.

Dank meiner BahnCard hat es sich für mich stark verbilligt, Termine außerhalb von Berlin wahrzunehmen und so auch mit vielen Menschen in anderen Städten ins Gespräch zu kommen. Manchmal kann ich das auch schon während der Fahrt. Durch meinen Schwerbehindertenausweis habe ich die Möglichkeit, eine zweite Person kostenfrei mitzunehmen. Bei Reisen über mehrere Tage brauche ich diese Option, um meine Assistenz dabeizuhaben, aber bei Eintagesfahrten biete ich den zweiten Platz gern über Mitfahrzentralen an. So lernte ich bei einer Fahrt von Berlin nach Leipzig und zurück Katharina und Debora kennen, die sich auf meine Anzeige meldeten und die ich kostenfrei mitnehmen konnte.

Reisegefährten: Auf der Fahrt von Berlin nach Leipzig nahm Raúl Krauthausen Debora Bleichner mit. Die Zeit im Zug vertrieben sie sich mit netten Unterhaltungen. (Foto: Rachel Wolpert)

Raus aus der eigenen Filterbubble

Ich mag es, immer wieder neue Menschen kennenzulernen, weil es oft Ausbrüche aus der eigenen „Filterbubble“ sind – man also nicht immer über Inklusion und weitere Themen spricht, mit denen ich mich jeden Tag beschäftige. Auf diesen Fahrten habe ich die Möglichkeit, unkompliziert auch andere Lebenswelten kennenzulernen. Debora, die mich auf dem Weg von Berlin nach Leipzig begleitete, hatte ein ähnliches Anliegen, gepaart mit einem ökonomischen Interesse: Sie suchte eine möglichst günstige Mitfahrgelegenheit und wollte sich unterwegs mit anderen Menschen unterhalten. Gesucht. Gefunden.

Die gebürtige Weinheimerin arbeitet bei einem Zirkus in Berlin und an einem Projekt an der East Side Gallery. Das finde ich besonders spannend, weil unser Büro am Ostbahnhof genau an diesen ehemaligen Mauerstücken liegt. Wir beide waren davon begeistert, wie einfach es heute für uns ist, zwischen West und Ost hin und her zu fahren, ohne dass eine Mauer die Menschen trennt. Für Debora ist das an diesem Wochenende besonders wichtig, weil sie sich in Leipzig mit vielen Freunden zu einer „Reunion“ trifft. Und obwohl inzwischen alle über die Welt verteilt leben, kann man sich einfach in Leipzig treffen und gemeinsam feiern! Debora hat da wohl noch den kürzesten Anreiseweg.

Noch am Berliner Hauptbahnhof treffen wir auf einen Rollstuhlfahrer, der mich auf www.brokenlifts.org und die Wheelmap anspricht, zwei Onlinedienste für Rollifahrer, die ich mit den Sozialhelden entwickelt habe. Debora ist ein bisschen irritiert, dass ich erkannt werde, mir ist es eher unangenehm. Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, wenn mich Menschen erkennen. Am Ziel angekommen, stellen wir fest: Der Leipziger Bahnhof ist wunderschön, und auf Gleis 24 stehen sogar alte Waggons und eine historische Lok. Okay, vielleicht steckt in mir doch ein verhinderter Zugnarr. Habe ich da in der Kindheit etwas verpasst?

Der Termin in Leipzig ist vorbei, und ich fahre mit der S-Bahn zurück zum Leipziger Bahnhof. Im Gegensatz zum wunderschönen Kopfbahnhof wirken die neuen Leipziger S-Bahn-Stationen leicht überdimensioniert. Am Gleis wartet schon Katharina auf mich. Es hat auch Vorteile aufzufallen: Dank meiner Statur erkennt mich Katharina sofort und spricht mich an. Auf geht’s! Die Leipziger Medizinstudentin ist auf dem Weg zu ihrem Freund nach Berlin, mit dem sie gemeinsam die Wohnung streichen möchte. Wir sprechen ein bisschen über Fernbeziehungen und kommen zu dem Schluss, dass Leipzig–Berlin eine zeitlich und preislich vertretbare Bahnstrecke ist, es aber trotzdem gut ist, wenn man ab und zu kostenlos von der einen in die andere Stadt kommt. Ich glaube auch, dass es ein Vorteil von Fernbeziehungen sein kann, das Wochenende intensiv zusammen verbringen zu können und in der Woche Zeit für die Arbeit zu haben. Katharina beispielsweise schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit über Lymphdrüsen, und obwohl ich nur die Hälfte von all dem verstehe, was sie darüber erzählt, klingt es spannend.

 

Fragen zu meiner Behinderung? Fehlanzeige!

Für die angehende Ärztin war Leipzig ein Riesensprung in eine große Stadt, weil sie in einem kleinen Dorf in Thüringen aufgewachsen ist, wo nur zweimal die Woche der Bäckerwagen kam. Ich bin ja in Berlin groß geworden und kann mir das nicht so richtig vorstellen, aber umso mehr interessiert es mich, weil die Kluft zwischen Stadt und Land auch viel Stoff für Diskussionen über Inklusion bietet. Was macht ein Mensch mit Behinderung in einem Dorf, wenn es dort keine inklusive Schule gibt?

Aber weg von der eigenen Arbeit, wieder hin zu den First-World-Problemen, die Katharina und mich einen: die komische Auswahl von Filmen in Onlinemediatheken. Warum gibt es den einen doofen Film, der schon auf DVD mal höchstens 2,99 Euro auf dem Grabbeltisch kostet, in jeder Mediathek, aber aktuelle Blockbuster nur vereinzelt und mit viel Glück? Katharina erzählt, dass ihr Freund vier Monate in den USA war und danach begeistert von den Angeboten bei Hulu oder Netflix schwärmte. Irgendwann. Irgendwann, hoffen Katharina und ich und schauen aus dem Fenster, vor dem die Brandenburger Landschaft an uns vorbeirauscht.

Zum Schluss frage ich Katharina noch, warum sie gern mit dem Zug fährt. Sie meint, dass sie eigentlich lieber Mitfahrgelegenheiten mit dem Auto sucht, weil es günstiger als Zugfahren ist, aber nicht so voll wie in Bussen. Mein Angebot hat sie angenommen, weil es sehr günstig ist – und weil sie mich gern kennenlernen wollte. Ich werde rot. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Auf einmal meldet sich die freundliche Stimme des Zugbegleiters über den Lautsprecher: „In wenigen Minuten erreichen wir pünktlich Berlin-Hauptbahnhof!“. Katharina und ich schauen uns erstaunt an. Die Zeit ist unheimlich schnell vergangen, und ich freue mich sehr, dass ich sie und Debora kennengelernt habe. Erst jetzt fällt mir auf, dass beide nur sehr wenige Fragen zu meiner Behinderung gestellt haben und wir über sehr viele andere Themen gesprochen haben. Genau das, was ich mir erhofft hatte. Eine Frage haben Debora und Katharina, genau wie viele andere Mitfahrer zuvor auch schon, dann aber doch noch gestellt: „Möchtest du wirklich kein Geld für die Fahrt haben?“ „Nein“, antworte ich dann. „Aber eine Süßigkeit aus dem Bordbistro wäre toll.“ Denn im Gegensatz zu Zügen mochte ich Süßigkeiten schon in meiner Kindheit sehr. Gute Fahrt!


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