Genug gewartet!

Beim Stichwort „Barrierefreiheit“ verliert Sandra Olbrich langsam die Geduld. Denn allen bisherigen Regelungen und Versprechungen zum Trotz ist ein barrierefreier Alltag für Menschen mit Behinderung meist mehr Wunsch als Wirklichkeit. Und wo das Recht auf Teilhabe mal wieder ignoriert wird, revanchiert sich die Autorin zuweilen auf ihre Art.
 

Foto: Isadora Tast, MENSCHEN. das magazin

Die Selbsthilfeaktivistin und Moderatorin der ZDF-Sendung „Menschen – das Magazin“ Sandra Olbrich ist von Geburt an gehbehindert.

Wenn wir über Barrierefreiheit sprechen, höre ich oft: „Es hat sich doch schon viel getan!“. Komischerweise werde ich im Alltag aber immer noch ausgebremst: kein Parkplatz, ein kaputter Fahrstuhl, Stufen vor Geschäften, Kneipen oder Arztpraxen. „Man kann die Welt nun mal nicht von heute auf morgen ändern“ ist eine gängige Antwort auf meinen Protest. Seit mindestens drei Jahrzehnten bekommen Menschen mit Behinderung das nun schon zu hören. Aber Wut bringt mich auch nicht weiter, auch wenn ich genug Grund dazu habe.

Tatsächlich gibt es nach wie vor nicht viele flächendeckende Erfolgsgeschichten. Klar, Vorzeigeprojekte hier und da. Trotzdem kann ich mich nicht so ungehindert und frei bewegen wie andere. Weder in Hamburg noch in Karlsruhe. Immerhin ist das Thema „Behinderung“ mittlerweile präsenter in der Öffentlichkeit als früher. Und es verkauft sich ja auch recht gut im Kino oder an der Theaterkasse, allerdings meist mit nicht behinderten Schauspielern in den Hauptrollen. Besucher mit Behinderung bleiben oft draußen vor der Tür, weil der Veranstaltungsort nicht barrierefrei ist. Die Kosten! Der Denkmalschutz! Und was ist mit den Menschenrechten? Dass die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben laut UN-Behindertenrechtskonvention dazugehört, ist offenbar noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen. Da wird das Recht auf Teilhabe schon mal verwechselt mit Zugeständnissen oder sogar als Zumutung empfunden. Vielleicht auch deshalb, weil die Menschen nach wie vor zu wenig über „uns“ und unsere Bedarfe wissen. So empörte sich neulich jemand auf Facebook darüber, dass Behindertenparkplätze zu breit seien. Für sein eigenes Auto sei deshalb kein Platz mehr. Wie es ist, mit einem Rollstuhl ein- und auszusteigen, das wird dabei gar nicht mitgedacht. Und auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen fehlt es manchmal an Verständnis, wie ein kurioses Beispiel aus der Schweiz zeigt. Dort sollten die Bundesbahnen Sicherheitsmarkierungen für Blinde entlang der Gleise wieder entfernen, weil sich Sehende dadurch „irritiert“ fühlen. Verkehrte Welt ...

„Was ist denn mit diesen Leuten los?“, schimpfe ich vor mich hin. „Sie wissen es halt nicht besser“, beschwichtigt mein Mann (der übrigens ohne Behinderung zurechtkommen muss). „Vielleicht solltet ihr noch mehr erklären und noch mehr für Verständnis werben.“ Ich seufze: Noch mehr? Wir haben schon so viel geredet. Ich finde, es müsste endlich ein Gesetz her, das den ungehinderten Zugang zu allen öffentlich genutzten Bauten und Plätzen regelt – so wie der Americans with Disabilities Act in den USA. Warum eigentlich ist Barrierefreiheit hier nicht längst genauso verbindlich wie die Straßenverkehrsordnung oder, sagen wir, das Steuerrecht? Das versteht ja auch nicht jeder, aber alle müssen sich dran halten. Und bis es so weit ist, erlaube ich mir einfach hin und wieder einen kleinen Spaß: Wenn Leute wie dieser Facebook-Typ auf einem Behindertenparkplatz stehen, dann mache ich denen ’nen Zettel ans Auto: „Sorry für den Kratzer“.


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