„Jetzt fährt er wieder!“

Von Berlin nach Wellington und zurück auf dem Elektroscooter: Der Journalist und Autor Knud Kohr lebt mit  Multipler Sklerose. Auch wenn ihm das Gehen schwer fällt,  reist er um die Welt. Eindrücke von seiner jüngsten Tour durch Singapur, Australien und Neuseeland hat er für MENSCHEN. das magazin als Reisetagebuch festgehalten.

Im australischen Kata Tjuta National Park spricht Knud Kohr mit dem Heiler Stanley  (links).

Text: Knud Kohr, Fotos: Frank Heuer

27.2.2014

Meine Reise begann an einem grauen Spätwintertag in Berlin-Charlottenburg. Damit ich sie überhauptrechtzeitig an treten konnte, hatte ich schon am Vortag meinen Nachbarn Christian gebeten, mir zu helfen. Seit Juni 2012 hatte ich meinen Stadtteil kaum noch verlassen. Nun sollte es 37 Tage und 38000 Kilometer weit gehen. Singapur, Australien und Neuseeland. Die schwerste Etappe dabei schienen mir die ersten 24 Stufen zu sein, also der Weg von meiner Wohnung im ersten Stock bis zu den Briefkästen, wo mein Elektroscooter für den Rest der Fahrt auf mich wartete.

Wie so oft waren die befürchteten Probleme viel größer als diejenigen, die wirklich eintraten. Christian nahm mir meinen Rucksack ab und trug ihn nach unten. Ansonsten musste er mich nicht einmal anfassen, um mich zu stützen. Die schwerste Etappe der Reise schien schon bewältigt, als der Fahrer des Lastentaxis, das unten auf mich wartete, die Rampe ausklappte. Eine kurze, entschlossene Anfahrt in den Innenraum. Bei dem ich mir allerdings den Kopf gehörig anschlug. Mit einem Meter neunzig muss man den Kopf in fast jedem Taxi der Welt einziehen. Dann konnte meine Reise beginnen. Christian lief noch ein paar Meter hinterher. „Jetzt fährt er wieder!“, rief er in die menschenleere Straße.

Mai 2003

Vielleicht hatte meine Reise aber auch schon elf Jahre vorher begonnen. Bei einem Urlaub, den ich zusammen mit meiner Freundin Susann in Lissabon verbrachte, konnte ich plötzlich meinen rechten Fuß nur noch wenige Zentimeter weit heben. Meine Orthopädin, die ich gleich nach der Rückkehr aufsuchte, schickte mich komischerweise zum Neurologen. Einige Monate voller ambulanter Untersuchungen später brachte mir die Diagnose unschöne Gewissheit: Multiple Sklerose. Progressiver Verlauf. Bei mir war vor allem der Bewegungsablauf in den Beinen betroffen.

Juni 2012

Vielleicht begann meine Reise auch Kurz nach Pfingsten 2012. Ein schwerer Schub ließ binnen weniger Tage den Weg zu meinem eigenen Briefkasten zu weit werden. Mein Neurologe ließ mir die Wahl: Krankenhaus oder ambulante, intravenöse Behandlung mit Cortison. Nach wenigen Tagen voller grotesker Visionen (unter anderem erschien E.T. an meinem Bett und wollte „nach Hause telefonieren“) brach ich diese Behandlung ab. Eine fünfwöchige Rehakur und mehrere Monate des Überlegens später entschied ich mich für einen Elektro Scooter. Wochenlang musste ich ziemlich viel über mein Schicksal weinen. Aber dann entschied ich mich, gegen ärztlichen Rat wieder nach reisejournalistischen Aufträgen zu suchen. Am 27.2. saß ich also im Lastentaxi zum Flughafen Tegel. Meine Freundin Susann und der Fotograf Frank waren schon seit zwei Tagen in Singapur. Jetzt folgte ich ihnen.

 

Immer noch 27.2.

„Mit dem Auto da wollen Sie in den Flieger?“ Das hörte ich auf der Reise immer wieder. Gehbehinderte Menschen, die mit einem 143 Zentimeter langen und knapp drei Zentner schweren Scooter Einlass begehren, sind für die Angestellten am Check In-Schalter ein relativ neues Phänomen. Jetzt nur nicht beginnen zu pöbeln oder ein Taxi zurück bestellen. Lieber einen Mitarbeiter aus der Stückgut-Abteilung zur Hilfe herbeirufen. Der will zumeist nur wissen, ob man mit nass- oder Trockenbatterien fährt. Sagt man möglichst routiniert „trocken“, wird man vom Scooter in einen Faltrollstuhl umgesetzt.

2.3.2014. Singapur

Die Stadt ist ein Traum für alle Scooterfahrer. An buchstäblich jedem Bürgersteig im Innenstadtbereich sind an jeder Kreuzung Vertiefungen eingebaut, die eine sanfte Fahrt auf die andere Seite ermöglichen. Wenn man außerdem wie ich 48 Jahre alt ist und das Haupthaar vor dem Start von einem türkischen Barbier per Messerschnitt bis auf die Kopfhaut kürzen ließ, gilt man anderen Menschen automatisch als alter, kranker Mann. Und dem ist auf jeden Fall zu helfen.

Zudem wurde auf meinen vier Rädern wurde ich immer wieder zum Mittelpunkt des Interesses. Zum Beispiel bei einem vielleicht Fünfjährigen. Der jammerte so lange, bis seine Mutter ihn ungefragt auf mein Gefährt aufspringen ließ. Als ich ihm den Stromschalter erklärt hatte, gab er plötzlich volles Tempo, was etliche Passanten im Umkreis gefährdete und dafür sorgte, dass ich den greinenden Knaben in den Arm seiner Mutter zurückgab.

15.3. Ayers Rock, Australien

Deutlich komplizierter gestaltete sich die Reise durch Australien. Genauer gesagt: Durch das Red Centre, die gewaltige, vom Eisen in Boden rot gefärbte Wüste rund um den Ayers Rock. Alle Vorarbeit an Computer und Telefon waren nur bedingt erfolgreich gewesen. Am Nachmittag, bevor ich von Adelaide ins Outback fliegen wollte, bekam ich bei einem routinemäßigen Rückruf die Schreckensnachricht, dass mein Scooter für Inlandsflüge schlicht zu groß war. Es dauerte mehrere panische Stunden, bis ich ein kleineres Ersatzfahrzeug organisiert hatte.

Am Ayers Rock Airport übernahm uns ein Fahrer namens Nick. Als erstes fuhr der Mann mit seinen blonden Dreadlocks uns an den Felsen.

Ich hatte ihn auf Bildern und in Berichten immer nur im vollen Sonnenschein gesehen. Jetzt grollte der Donner. Das geschieht vielleicht zwei Mal pro Jahr. Kurz nach dem Aussteigen fielen die ersten Tropfen. Und ich saß plötzlich im staubtrockenen Zentrum Australiens und ließ mich klatschnass regnen. Komplett durchnässt an einem Ort, wo es zuletzt vor vier Monaten geregnet hatte –  ich stützte mich auf dem Ersatz-Scooter in den Stand und breitete die Arme aus.

Am übernächsten Tag fuhren wir weiter. Die ganze Gegend war grün. Doch darunter lauerte die Wüste. Trocken und heiß und durch das viele Eisen im Boden leuchtend rot.

 

17.3.

160 Kilometer waren es noch bis zum Flughafen von Alice Springs, als es einen hässlichen Knall unter meinem Beifahrersitz gab. Unser Fahrer brachte den Wagen zum Stehen. „Ein Reifen ist geplatzt“, war seine Diagnose. Da er auch noch diagnostizieren musste, dass er den falschen Wagenheber eingepackt hatte, blieb nichts als Warten.

Eine Stunde lang warten, um genauer zu sein. Dann kam der erste Wagen. Die Frau am Steuer hieß Glenda, war rund 70 Jahre alt und hatte tatsächlich einen passenden Wagenheber dabei.

Zum Einbruch der Nacht waren wir in Alice Springs. Eine Woche später, beim Check In in Sydney, wartete eine neue Variante einer bekannten Szene auf mich.

 

22.3. Flughafen Sydney

Mein Scooter wog immer noch 143 Kilogramm, aber am Check In konnte man nur zweistellige Zahlen eingeben. Diesmal entschied sich die Frau vom Bodenpersonal dazu, einfach die erste Zahl wegzulassen, statt mühsam Vorgesetzte anzurufen.

So fiel erst Minuten vor dem Start auf, dass im Frachtraum 100 Kilogramm mehr waren als angegeben. Die arme Ladecrew musste alles noch einmal ausladen und nachwiegen. Der Vorgang dauerte eine Stunde. Mein Scooter brachte also den internationalen Flugverkehr durcheinander. Bis heute hege ich den Verdacht, dass die Crew sich revanchierte, als sie mein Gefährt mit abgeschraubtem Sitz, ausgebauten Batterien, aber ohne Luft in allen vier Reifen wieder auslieferten.

Nach zwei Stunden, die ich vorzugsweise mit Hyperventilieren verbrachte, hatte ich den Scooter wieder zusammen geschraubt und die Reifen an einer nahen Tankstelle aufgepumpt. Bitte üben Sie all das mehrfach vor Reisebeginn. Bei fast allen Geräten kostet so etwas nur wenige Minuten. Oder, wenn man nicht übt, einen Nervenzusammenbruch.

1.4. Rotorua Neuseeland

Die Reise endete wenige Tage später in einer Heilquelle bei Rotorua. Rund um dieses touristische Zentrum der neuseeländischen Nordinsel sprudeln Quellen aus dem Fels. Sie sind angenehm warm. Wie jene, in der ich gerade lag. Mein Scooter parkte am Beckenrand. Völlig sinnlos zwinkerte ich in seine Richtung. Das hatten wir ganz gut hinbekommen, wir zwei.

 


Unheilbar neugierig

Der Reisejournalist Andreas Pröve ist Rollstuhlfahrer und steuert seit drei Jahrzehnten Ziele an, die nur bedingt barrierefrei sind.

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