„Ich würde es noch mal tun“

Bevor man mit der Ausbildung eines Schwerbehinderten anfangen kann, muss man einen Behörden-Kampf ausfechten. Trotzdem hat es der Unternehmer Martin Keune nicht bereut.

Azubi und Chef: Alexander Abasov und Martin Keune

Als ich Alexander Abasov zum ersten Mal sah – der junge Mann bewarb sich um einen Praktikumsplatz in meiner Werbeagentur ZITRUSBLAU – war ich vom Grad seiner Behinderung beeindruckt. Seine Tetraspastik, bei der alle Gliedmaßen verdreht und kaum kontrollierbar um den Körper herum zuckten, machte ihm koordinierte Bewegungen kaum möglich, und auch seine Sprache litt sehr unter diesem enormen spastischen Druck und wurde gepresst, in Bruchstücken und kaum nuanciert herausgeschleudert. 

Trotzdem hatte der junge Mann große Pläne; er wollte Grafiker werden, und weil er diesen Plan mit Inbrunst vortrug und ich schnell merkte, dass sich in diesem schwerfälligen Körper ein überaus wacher, kampfbereiter Geist verbarg, willigte ich ein – erst in das Praktikum und zwei Monate später auch in den Plan, bei uns eine Ausbildung zu beginnen. 

Die Bedienung einer Tastatur würde Alexander hinbekommen, wir würden eine breitere Tür ins Klo brechen müssen für seinen Rollstuhl, und eine anlegbare Rampe würde zum Besprechungsraum führen. Viel mehr Hindernisse auf dem Weg zur Ausbildung sah ich fürs erste nicht, und weil mir alle Mut machten, die Berufsschule, die IHK, aber auch neue Ansprechpartner bei den Behörden, machten wir uns auf den Weg. 

 

„Die Behörden”, das war für mich zu diesem Zeitpunkt ein nicht klar zu durchdringender Wust an Ansprechpartnern. Wer überhaupt für was zuständig war und warum ich mit denen verhandeln sollte, verstand ich anfangs gar nicht. Offenbar hatten erstmal alle gemeinsam in einem Fachausschuss an einem Tisch gesessen und zusammen mit der Behindertenwerkstatt, die Alexander sechs Jahre lang besucht hatte, überlegt, ob es aushaltbar für ihn war, sich Hals über Kopf in eine Ausbildung zu stürzen. Und diese wichtigste erste Frage mit einem klaren Ja beantwortet. 

 

Zwölf andere Azubis vor Alexander hatten keinen Integrationsfachdienst, Fachausschuss, Integrationsamt und Arbeitsagentur im Schlepp gehabt, – bei denen hatte die Vereinbarung unter Erwachsenen und ein Blick ins Schulzeugnis ausgereicht. Warum das bei Alexander anders sein sollte, lernte ich schnell: Es ging um öffentliche Gelder. Denn Alexanders Ausbildungslohn – mit über 500 Euro locker fünfmal so viel wie in der Behindertenwerkstatt! – wurde bezuschusst. Und der Assistent, der ihm bei der täglichen Arbeit, der Nahrungsaufnahme und den Toilettengängen helfen musste, musste bezahlt werden. Außerdem musste ein rollitauglicher Bus ihn einmal im Monat eine Woche lang in die Berufsschule fahren. Das alles kostete öffentliches Geld und rief die Behörden auf den Plan, die unser Vorhaben grundsätzlich ganz toll fanden … und dann erstmal weiter nichts taten. 

 

Mich verunsicherte das nicht. Es war Mai, im September fing die Berufsschule an – das sollte doch zu schaffen sein?

Um jedem Mitarbeiter einmal das Gefühl des Rollstuhlsteuern zu geben, veranstaltete die Agentur ZITRUSBLAU eine Rollstuhlrallye.

Keine Kommunikation

Die Existenz eines Fachausschusses, in dem alle gemeinsam an einem Tisch gesessen zu haben schienen, beruhigte mich. Offenbar wurde miteinander gesprochen, dachte ich. Doch das stellte sich als völliger Irrtum heraus. Integrationsamt und Arbeitsagentur, eine Landes- und eine Bundesbehörde, sprachen nicht miteinander, sie beobachteten sich nur gegenseitig. Ich selbst wurde mit einem Wust an Unterlagenanforderungen beschäftigt – Gewinnerwartungsprognosen für die kommenden drei Jahre hatte nicht mal meine Bank von mir verlangt! – , die technischen Dienste drückten sich die Klinke in die Hand, um zu messen, wie breit eine Tür in einer Rigipswand sein musste, damit ein Rolli durchpasste. Hatten die noch nie einen Rollstuhl gesehen?

Die beiden wichtigsten Fragen – die Kostenübernahme für den Assistenten und den Fahrdienst zur Berufsschule – blieben unbeantwortet. Keiner schien seine Schatulle öffnen zu wollen; letztlich wusste ich nicht mal, ob meine Ansprechpartnerinnen in den Ämtern über so viel Geld verfügen durften. Das Hauptziel war: Selbst nichts zusagen zu müssen. Das Integrationsamt wäre bereit, die kleinen Baumaßnahmen zu finanzieren und den Arbeitsplatz behindertengerecht zu machen – aber erst, wenn die Arbeitsagentur die Ausbildung fördern würde. Und die Agentur für Arbeit würde zwar die Ausbildung fördern, aber erst, wenn ein behindertengerechter Arbeitsplatz zur Verfügung stand. 

So hielt man sich gegenseitig in Schach und konnte immer auf die anderen zeigen, wenn ich unruhig wurde. Und schuld war nie die eigene Minderkommunikation, sondern Dutzende von Einwänden und Bedenken. War Alexander denn wirklich in der Lage, einen ganzen Ausbildungstag lang aufmerksam bei der Sache zu bleiben? Trotz seines guten Schulzeugnisses und der rein körperlichen Behinderung wurde er von der Arbeitsagentur einem sechsstündigen Psychotest unterworfen, bei dem es um Grundrechenarten und Zeichensetzung ging: Aus meiner Sicht ein Skandal. 

 

Am Ende standen wir zwei Tage vor Ausbildungsbeginn komplett ohne Zusagen da, und weil diese Situation für mich als Unternehmer keine Basis war, schlug ich Krach, ließ Beziehungen in die Politik spielen – und erreichte schließlich, dass zwei Staatssekretärinnen der Sozialsenatorin die Ämter auf Trab und zur Unterschrift unter unseren Kostenübernahmen brachten. 

Wir hatten, zuletzt, gewonnen. Oder nein, wir hatten uns durchgemogelt, eine Abkürzung benutzt, die anderen Behinderten und ihren Chefs nicht zur Verfügung steht. Auf regulärem Wege wäre die Kostenübernahme von Arbeitsassistenz und Fahrdienst nicht in „nur” vier Monaten zu schaffen gewesen – der üblichen Zeit zwischen einer Bewerbung als Azubi und dem Ausbildungsbeginn. 

„Ihr halst Euch ’ne Menge Arbeit auf und werdet es zum Ausbildungsbeginn kaum schaffen … also lasst es sein”, – das müsste im Grunde meine Lehre aus dem ganzen Theater sein, wenn ich mit anderen Unternehmern über die Ausbildung von Schwerbehinderten spreche. Aber halt, es gibt noch andere Erkenntnisse. Menschliche, zwischenmenschliche, auch betriebliche. Zu sehen, wie die Mitarbeit eines Schwerbehinderten ein Team verändert, wie eine Gemeinsamkeit des Zusammen-möglich-machen-Wollens entsteht: Das war für mich und für uns alle hier bei ZITRUSBLAU in den letzten Jahren sehr bewegend und motivierend. Und dieses Phänomen erlebt nur, wer sich trotz aller Behinderungen auf den Weg macht. Den Integrationsfachdienst in die Pflicht nehmen, die großen Finanzierungs-Hürden frühzeitig identifizieren, gemeinsam mit den Ämtern einen verbindlichen Zeitplan aufstellen und dann loslegen: Heute würde ich vieles anders machen… aber ich würde es noch mal tun. 


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