Ein ernstes Thema

Verena Mörzel, Jonas Wengert

Der Studierende Jonas Wengert ist einer von 15 Jungreportern des „Tagesspiegels“, die von den Paralympischen Spielen in Sotchi berichten. Vor dem Start der Paralympics besuchte er mit einigen seiner neuen Kollegen ein Vorbereitungsseminar in Moskau. Er machte die Erfahrung, dass Russland noch sehr weit entfernt ist von einer inklusiven Gesellschaft. Entprechend groß ist die Bedeutung der Paralympics.
 

Mit der Olympischen Fackel in der deutschen Botschaft in Moskau

Verena Mörzel, Jonas Wengert

Zugegeben, meine erste Begegnung in Russland habe ich dann doch ein bisschen anders vorgestellt. Es ist Samstagnachmittag, vor einer guten Stunde bin ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Flughafen Domodedowo gelandet. Er liegt außerhalb von Moskau, und jetzt sind wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft für die nächsten Tage. Ich bin einer von insgesamt 15 jungen Journalisten, die diesmal für die Paralympics-Zeitung von den Spielen in Sotschi berichten werden. Dieses Wochenende findet in Moskau unser zweiter Vorbereitungsworkshop für das sportliche Großereignis statt.
Im Moment bin ich im Rollstuhl unterwegs. Zwar bestreite ich meinen Alltag größtenteils zu Fuß, doch bei solch außergewöhnlichen Anlässen gehe ich lieber auf Nummer Sicher. Ich lebe seit meiner Geburt mit einer Behinderung, und sie und ich kommen ganz gut miteinander zurecht. Nur lange Fußwege oder Stehzeiten bereiten mir Probleme. Die lassen sich bei einem derartigen Treffen in einer Metropole aber nur schwer vermeiden, deshalb habe ich einen fahrbaren Untersatz im Gepäck. Ich sitze also in meinem Rollstuhl in der Moskauer Metro, auf dem Weg zum Hostel in der Innenstadt. Das Starren der Leute ist auffällig. Ich bin es gar nicht mehr gewöhnt. Ob früher in der Schule, heute in der FH oder in meinem Dorf, alle kennen mich nur mit Behinderung – es ist normal. Und überhaupt: Ein gewöhnlicher Rollstuhlfahrer entlockt heute in Deutschland doch den Wenigsten einen gaffenden Blick.

Anders in Russland: Ein sitzender Mann streckt, etwas unentschlossen, seine geschlossene Hand in meine Richtung aus. Es ist klar, dass ich gemeint bin, ich ignoriere ihn aber. Daraufhin steht er auf und macht Anstalten, mir etwas in die Hand zu drücken. Er will mir Geld geben. Ich brauche keine ausgefeilten Russisch-Kenntnisse, um das Angebot zu verneinen. Ein anderer Mann sagt ihm offensichtlich, er solle es nun gut sein lassen. Ich bin verwirrt, aber dann müssen wir auch schon aussteigen. Samt Gepäck und Rollstuhl heißt es, schnell auf zum Hostel.

 

Arbeit am Text

MENSCHEN. das magazin, Jonas Wengert

Am nächsten Tag beginnt die Arbeit an den Texten für die erste Ausgabe der Paralympics-Zeitung. Der Sport steht bei der Berichterstattung selbstverständlich im Mittelpunkt, aber uns interessiert auch, wie selbstbestimmt Menschen mit Behinderung ihr Leben in Russland gestalten können. Für den Workshop dürfen wir einige Räume der Lomonossow-Universität nutzen. Auf dem Weg dorthin, wie auch schon bei unserem gestrigen Trip durch die Moskauer U-Bahn, ist eines ganz offensichtlich: Barrierefreiheit hat hier keine große Bedeutung. Das beginnt bei nicht abgesenkten Bürgersteigen und endet bei endlosen Treppen bis zur Metro. Aufzüge sehen wir nirgends, und auch über die angebrachten Rampen kann man nur die Stirn runzeln. Der Rollstuhlfahrer, der eine solche Steigung überwindet, muss wohl erst noch geboren werden. Die Rampen scheinen eher für Kinderwägen gedacht – dem geschobenen Kind ist dennoch zu wünschen, dass es starke Eltern hat.
Mein großes Glück ist, dass ich aufstehen kann. Die anderen helfen tatkräftig und tragen den Rollstuhl über die Stufen. Eines fällt uns auf: Man sieht kaum andere Menschen mit sichtbarer Behinderung. Moskau ist mit über elf Millionen Einwohnern die größte Stadt Europas, eher unwahrscheinlich, dass hier nur vollkommen unversehrte Menschen leben.
Wir sprechen mit Sergej Shilov. Der sechsfache Paralympics-Sieger ist Botschafter der Spiele in Sotschi. Er freue sich auf das sportliche Großereignis, sagt er. Die olympischen und paralympischen Spiele seien eine große Chance für Russland. Wir befragen ihn zum Leistungssport, aber auch zur allgemeinen Situation für Menschen mit Behinderung in seinem Heimatland. „Inklusion ist ein ernstes Thema in Russland“, sagt Shilov. „Viele Rollstuhlfahrer haben schon Schwierigkeiten überhaupt aus dem Haus zu kommen. Sie wohnen oft in höheren Stockwerken ohne Aufzug.“ Moskau sei nach Sotschi aber die „zweitbarrierefreieste“ Stadt Russlands. An dieser Stelle kann sich keiner am Tisch ein Schmunzeln verkneifen. „Sotschi ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Das muss nun step-by-step im ganzen Land weitergehen. Auch der Bereich ‘Arbeit‘ ist ein großes Problem. Laut Gesetz müssen Unternehmen einen bestimmten Prozentsatz an Menschen mit Behinderung beschäftigen. Das wird jedoch durch Geldstrafen an die Rentenkasse umgangen. Der soziale Bereich ist hier nicht sonderlich gut entwickelt. Die Paralympics tragen hoffentlich auch dazu bei, die Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. In Russland werden Rollstuhlfahrer oft nur als Bettler gesehen.“
Ich erinnere mich an die Situation in der Metro - auch ich wurde als Bettler wahrgenommen, und der Mann wollte mir Almosen geben. Ich bin mir sicher, nicht vollkommen mittellos oder hilfsbedürftig gewirkt zu haben. Aber der Mann hat Menschen mit Behinderung vermutlich nie anders gesehen. Nach den ersten Tagen in Moskau kann ich das sogar ein Stück weit verstehen. Die einzigen beiden Menschen mit Behinderung, die ich gesehen hatte, lagen mit einem Pappbecher in der Hand auf dem Gehsteig. Ich bin erschrocken, wie sehr ich diese Situation verdrängen möchte, so traurig und unmenschlich sind die Anblicke.

 

Jonas Wengert auf Motivsuche

MENSCHEN. das magazin, Verena Mörzl

Insgesamt war die Reise nach Moskau für mich dennoch ein tolles Erlebnis. Ich habe viele interessante Gespräche geführt, und jetzt hat auch die Redaktionsarbeit wirklich begonnen. Die Paralympics in Sotschi werden ein großes Sportfest. Die Athletinnen und Athleten stehen im Mittelpunkt und sollen für ihre sportlichen Leistungen gebührend gefeiert werden. Es soll aber auch an die Menschen mit Behinderung gedacht werden, die von Gold-, Silber- und Bronzemedaillen weit entfernt sind. Ihnen ist, insbesondere in Russland, zu wünschen, dass sich ihre Situation und ihre öffentliche Wahrnehmung durch die Spiele verbessert.
In Sotschi werden das Redaktionsteam und ich noch einmal das Geschehen vor Ort erleben und sehen, was am Austragungsort bereits für Barrierefreiheit und ein inklusives Miteinander getan wurde. In jedem Fall können die Paralympics dabei helfen, ein grundsätzliches Umdenken anzustoßen, damit alle Menschen mit Behinderung in Russland einmal die Chance auf ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben bekommen.
Sergej Shilov beschreibt das nötige Vorgehen in einem Sinnbild: „Wenn ein Hungernder zu dir kommt, gib ihm nicht den Fisch, gib ihm eine Angel und lehre ihn Fischen.“

 

Fortsetzung folgt

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