Andere sind schon weiter

Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ist Deutschland in den letzten Jahren ein großes Stück vorangekommen. Aber es gibt auch noch viele Hürden für Menschen mit Behinderung. Was kann die Bundesrepublik von anderen Ländern lernen?

Beschäftigungsrate der Menschen mit Behinderung: Der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ist für Menschen mit Behinderung in Deutschland nicht einfach. Besonders erfolgreich ist die Schweiz bei der Integration behinderter Arbeitnehmer: Dort gehen knapp zwei Drittel aller Menschen mit Handicap einer Erwerbstätigkeit nach.

Text: Klaus Lachwitz, Inclusion International, und Astrid Eichstedt

Illustrationen Jörg Block

Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) vor fünf Jahren findet das Thema Inklusion in Deutschland immer größere Beachtung. 2011 verabschiedete die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan zur Verwirklichung der in der UN-BRK benannten Ziele. Auch kam sie ihrer darin vorgesehenen Verpflichtung nach, bei dem von den Vereinten Nationen eingesetzten Ausschuss über die Rechte von Menschen mit Behinderungen einen ersten Staatenbericht zur Umsetzung der UN-BRK in Deutschland einzureichen. Er wird derzeit geprüft.

Zwar sind manche Bereiche in Deutschland schon sehr behindertenfreundlich geregelt, etwa der öffentliche Nahverkehr und viele Internetangebote. Doch niemand kann darüber hinwegsehen, dass viele öffentliche Einrichtungen noch immer nicht barrierefrei zugänglich sind, dass es noch zu wenig Literatur und Informationen in Leichter Sprache gibt, dass eine deutliche Mehrzahl der Kinder mit Beeinträchtigungen in speziellen Förderschulen unterrichtet wird, dass die allermeisten Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, sondern in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt sind und in besonderen Wohneinrichtungen betreut werden.

Einige andere Industrienationen sind da schon weiter! So gibt es in Schweden ein eigenes Institut, das Literatur in Leichte Sprache übersetzt und alle wichtigen Nachrichten in einer leicht lesbaren Wochenzeitung zusammenstellt. Auch der schwedische Rundfunk kennt Nachrichtensendungen in Leichter Sprache. In den skandinavischen Ländern leben fast alle Menschen mit einer schweren Behinderung in Wohnungen und Wohngemeinschaften inmitten ihrer Gemeinde. In einer Reihe von angelsächsischen Ländern (USA, Großbritannien, Kanada und anderen) werden Menschen mit einer geistigen Behinderung oder psychosozialen Beeinträchtigung mithilfe des Modells „Supported Employment“ (Unterstützte Beschäftigung) unter Einbeziehung von „Job Coaches“ (Arbeitsassistenten) am allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt.

Anteil der Schüler mit Behinderungen, die in Sonderschulen unterrichtet werden: Getrennter Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung ist in Deutschland immer noch die Regel. Viele andere europäische Länder setzen hingegen seit Jahren auf inklusive Schulmodelle.

Bei der Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems sind ebenfalls viele Länder Deutschland ein ganzes Stück voraus. So gilt die Provinz New Brunswick im Osten Kanadas geradezu als Musterbeispiel für die Organisation eines erfolgreichen gemeinsamen Schulunterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung. In einigen skandinavischen Ländern, darunter Norwegen und Schweden, besuchen weniger als ein Prozent aller Schüler gesonderte Bildungseinrichtungen. In Italien wurde der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung schon 1971 per Gesetz verpflichtend und flächendeckend eingeführt. Die Handhabung dieser Regelung und ihr Erfolg variiert allerdings stark in den einzelnen Regionen des Landes. In Österreich findet gerade eine hitzige Diskussion zur Abschaffung der Sonderschulen statt. Die dortigen Bundesländer agieren bislang sehr unterschiedlich: Während in der Steiermark 84 Prozent der Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet werden, sieht es in anderen Bundesländern teilweise deutlich schlechter aus.

Gute Beispiele inspirieren

Auch in einem Schwellenland wie Indien hat sich viel getan. So konnte 2013 in Neu-Delhi unter schwierigsten Bedingungen die erste nationale Vereinigung von sogenannten „Self-Advocates“, das heißt von Menschen mit geistiger Behinderung, die sich selbst vertreten, gegründet werden. Sie kamen aus allen Teilen Indiens zusammen, waren bis zu drei Reisetage unterwegs und brachten es trotz erheblicher Sprachbarrieren und unterschiedlicher Dialekte fertig, ihre Wünsche und Forderungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch in einer in Einfacher Sprache verfassten Resolution zusammenzufassen.

In Mittel- und Osteuropa wird inklusive Bildung bislang weniger gut umgesetzt. Wie in Deutschland werden auch in Belgien, Lettland und in den Niederlanden Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu häufig in gesonderten Bildungseinrichtungen unterrichtet. Die Schweiz tut sich ebenfalls schwer mit der inklusiven Bildung. Der Schweizer Bundesrat hat die UN-BRK bislang noch nicht unterzeichnet. Da das Bildungswesen hier föderalistisch organisiert wird, ist die Situation uneinheitlich. So gibt es im Tessin, ähnlich wie in Italien, seit 30 Jahren die Schule für alle, wohingegen in anderen, vor allem deutschsprachigen Kantonen, der Weg zu einem inklusiven Bildungssystem noch weit ist.

Deutschland kann im Vergleich mit anderen Ländern vor allem darauf verweisen, dass sein gegliedertes System der sozialen Sicherung individuelle Rechtsansprüche auf Rehabilitation und Teilhabe enthält, wie sie in dieser Reichweite und Differenzierung kaum in einer anderen Nation anzutreffen sind. Im Bereich der inklusiven Bildung und der inklusiven Gestaltung des allgemeinen Arbeitsmarkts muss sich hingegen noch einiges tun! Gute Beispiele aus anderen Ländern können bei der Umsetzung der UN-BRK sehr hilfreich sein!

Deshalb ist es gut, dass sich die Weltverbände für Menschen mit Behinderung, zu denen zum Beispiel World Blind Union, World Federation of the Deaf und Inclusion International als Weltverband für Menschen mit einer geistigen Behinderung und ihren Familien zählen, zu einem Weltdachverband – International Disability Alliance (IDA) – zusammengeschlossen haben, der regelmäßig über internationale Entwicklungen auf dem Weg zur Umsetzung der UN-BRK berichtet. Die IDA unterhält intensive Kontakte nicht nur zum UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, sondern zu allen wichtigen Agenturen und Gremien der Vereinten Nationen, weist auf Missstände hin und sorgt dafür, dass immer mehr Verbände für Menschen mit Behinderungen und Selbsthilfeorganisationen sich international vernetzen und auf diese Weise an politischem und gesellschaftlichem Einfluss gewinnen.


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