Einfach gute Nachbarn

Die Hildesheimer Nordstadt ist ein buntes Pflaster. Hier leben 10.000 Menschen aus zahlreichen Nationen, viele von ihnen in prekären Verhältnissen. Mittendrin: 16 Frauen und Männer mit geistiger Behinderung in einem Haus der Diakonie.

An die Arbeit: Jeden Morgen warten die WG-Bewohner vor dem Haus auf den Bus.

Besuchermagnet: Der „Treffer“ macht seinem Namen alle Ehre.

Text Eva Keller
Fotos Stefan Koch

Morgens um sieben warten 14 Menschen in der Hildesheimer Nordstadt geduldig auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Noch etwas zerknautscht und wortkarg stehen sie in der Dämmerung herum, Rucksäcke und Taschen geschultert. Gegenüber kehrt ein Straßenfeger das Herbstlaub zusammen, die Physiotherapeutin von nebenan wünscht einen guten Morgen, und ein Mann mit zwei kleinen Hunden schlüpft hinter ihr in die Praxis.

Der Bus kommt, sein Ziel: Sorsum, ein Dorf am westlichen Stadtrand von Hildesheim, dort: ein weitläufiges Gelände der Diakonie Himmelsthür mit Werkstätten und Wohnhäusern. 300 Menschen mit Behinderung leben und arbeiten hier – noch bis zum Sommer 2010 waren darunter auch die 14 Frauen und Männer aus der Nordstadt. Sie haben dort gegessen, sich zu zweit ein Zimmer geteilt, bei Gymnastik-, Tanz- und Malgruppen mitgemacht. Sogar der Friseur kommt nach Sorsum – und so gibt es wenige Gründe, das Dorf zu verlassen.

Die Diakonie Himmelsthür will das ändern und ihren Leuten eine stärkere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und damit mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen. Deshalb wohnen die 14 von der Bushaltestelle plus zwei weitere, die heute zu ­Hause bleiben, nun in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft in der Peiner Straße, mitten in der Hildesheimer Nordstadt. Weitere 100 Bewohner aus Sorsum werden in der nächsten Zeit in ähnlich betreute Wohngemeinschaften und Einzelwohnungen in Hildesheim und Umgebung umziehen. Wie ihre Kollegen aus der Peiner Straße werden sie wohl vor allem eines schätzen: die Freiheit. Ein Zimmer für sich allein zu haben. Sich selbst sein Frühstück zu kaufen. Zu entscheiden, mit wem und was sie ihre freie Zeit verbringen.

Keine Berührungsängste: Die WG-Bewohner wie Dagmar Preuss (links) und Reinhard Ebert (Mitte) sind in der Nordstadt integriert und akzeptiert.

Mit den Nachbarn am Frühstückstisch

Dagmar Preuss (51) ist früh mit ihren Mitbewohnern des Hauses in der Peiner Straße aufgestanden, obwohl sie heute nicht in die Werkstatt muss. Immer dienstags und donnerstags hat sie im Erdgeschoss des Hauses in der Peiner Straße zu tun, wo die Diakonie den „Treffer“ eingerichtet hat, einen Ort für Beratung und Begegnung. In der Glasfront zur Straße hin, einst das Schaufenster eines Möbelgeschäftes, hängen die Veranstaltungshinweise des „Treffers“: Tanzcafé, Strickgruppe, Interkultureller Frauentreff, Spielenachmittag, Sprechstunden zu Pflege und Wohnen für Menschen mit Behinderung, Erzähl-Café, fast jeden Nachmittag ist hier etwas los. „Unsere Angebote richten sich an alle Menschen im Stadtteil“, sagt Sabine Howind, die den Alltag im „Treffer“ organisiert. „Sie machen hier etwas gemeinsam – ob jemand eine Behinderung hat oder nicht, thematisieren wir gar nicht.“

Während Dagmar Preuss Brötchen aufbackt und Obstsalat schnippelt, kommt Reinhard Ebert (53) aus seinem Zimmer in der dritten Etage mit dem Aufzug nach unten. Er hat heute frei, und an solchen Tagen frühstückt er gern im „Treffer“. Zum Beispiel mit Oma Susanne, wie sich die alte Dame aus dem Haus gegenüber nennt, die gerade vom Fenster aus das Geschehen auf der Straße verfolgt. Mit Bekannten aus Sorsum, die den „Treffer“ kennenlernen wollen. Mit den Patienten einer psychologischen Praxis, die den vorurteilsfreien Umgang miteinander im „Treffer“ genießen. Manchmal kommen auch die Schüler der Fachschule für Heilerziehungspflege vorbei, die ebenfalls im Haus untergebracht ist, oder die Mitarbeiter der Softwarefirma nebenan holen sich ein Brötchen. Wenn alle versorgt sind, lehnt Dagmar Preuss sich in einem Sessel in der Ecke zurück, schweigend, zufrieden.

Aktiv für alle: Dagmar Preuss engagiert sich für ihr Viertel und reinigt regelmäßig den öffentlichen Bücherschrank.

Als die Diakonie Himmelsthür das große, sorgsam sanierte Backsteinhaus in der Peiner Straße anmietete, um hier vier Wohngemeinschaften für jeweils vier Personen und den „Treffer“ einzurichten, gab es durchaus Skepsis, ob die Nordstadt ein guter Ort dafür sei. „Wer will schon hinter dem Bahnhof leben?“, gibt Christian Schubert, Leiter des Wohnbereichs, eine in Hildesheim weitverbreitete Meinung wieder. Dazu passt, dass der Stadtplan der Touristeninfo kurz hinter dem Bahnhof endet, die Peiner Straße ist gerade noch drauf. Die Nordstadt hat einige schöne Ecken, aber noch mehr funktionale Nachkriegsbauten und Wohnblocks. Es gibt keine hippen Modeläden, dafür Discounter und türkische Supermärkte, Nagelstudio und Tattoo-Laden, einige Kneipen und Kioske, einen alevitischen Kulturverein und ein Jugendzentrum. 10.000 Menschen aus zahlreichen Nationen leben hier, die meisten haben wenig Geld, viele haben keine Arbeit.

 

Das Abenteuer Nordstadt hat sich gelohnt

Würden diese Nordstädter die neuen Nachbarn gut aufnehmen? Oder würde den WG-Bewohnern beim Einkaufen das Portemonnaie geklaut? Würden sie nicht angepöbelt oder gar verprügelt werden? Christian Schubert und Kollegen mussten bei den Familien der künftigen Bewohner viel Überzeugungsarbeit leisten – das günstige Angebot für das barrierefreie Haus wollte die Diakonie nicht ausschlagen.

Reinhard Ebert hatte nie Angst, im Gegenteil. Warum er aus Sorsum wegging? „Weil ich fit bin.“ Ein aufgeschlossenes und heiteres Wesen hat er außerdem. Regelmäßig dreht er in seinem Rollstuhl die „große Runde“ durchs Viertel. Die Straße vor bis zur Kirche, wo in den Sommerferien eine Woche lang der Nordstadtstrand aufgeschüttet war: Diakonie, Lebenshilfe und Evangelische Gemeinde haben dort jeden Abend zu Essen, Musik und Mitmach-Aktionen eingeladen. Weiter in Richtung Wald, vorbei an dem Bücherschrank, für den der „Treffer“ die Patenschaft übernommen hat: Alle paar Tage macht Dagmar Preuss den Schrank sauber und bestückt ihn mit neu gespendeten Büchern.

Reinhard Ebert rollt durch die Siedlung, wo immer zwei ältere Herrschaften beieinanderstehen. „Hallo, ihr beiden, grüß euch“, sagt er. Ein Lächeln kommt zurück. Ein Abstecher zum Gemeinschaftsgarten des Stadtteils, in dem er am Wochenende gern am „Treffer“-eigenen Hochbeet gärtnert. Auf dem Rückweg ein freundliches Kopfnicken von der Nachbarin mit dem Kopftuch, die selbst nur mühsam laufen kann. Letzter Stopp am Kiosk an der Ecke, weil Reinhard Ebert sich eine Tafel Schokolade gönnen will. Der Kiosk-Mann kennt ihn und seine Mitbewohner, gute Kunden allesamt. Süßes holen sie meist, nur einer ist geradezu süchtig nach Chips, kauft immer gleich mehrere Tüten. Der Kiosk-Mann wundert sich darüber nicht einmal, er hat schon schrägere Vögel gesehen. „Wir kommen alle gut miteinander klar.“

Und genau das ist die eigentliche Sensation: Dass das Leben von 16 Frauen und Männern mit Behinderung in der Nordstadt völlig unspektakulär ist. Dass kein Nachbar misstrauisch den Einzug beäugte. Dass niemand blöde Sprüche klopft. Dass keiner den WG-Bewohner mit Helm anstarrt, der ihn bei einem epileptischen Anfall vor Verletzungen schützt. Dass Menschen einfach nebeneinander leben, und zwar im besten Sinne. „Wir sind hier ganz normale Nachbarn“, bringt Christian Schubert es auf den Punkt.

"Erzähl"-Café in der Begegnungsstätte "Treffer".

Die Entscheidung für die Nordstadt hat sich als Glücksfall erwiesen, „weil hier ohnehin so unterschiedliche Menschen leben“, sagt Sabine Howind. Allerdings bemühen sich Diakonie, Lebenshilfe und Evangelische Kirchengemeinde auch intensiv um eine lebendige und tolerante Gesellschaft. Das gemeinsame, von der Aktion Mensch geförderte Projekt „Nordstadt.Mehr.Wert“ bringt Menschen und Einrichtungen zusammen und sorgt für Begegnungen zwischen Nachbarn – wie im Sommer beim Nordstadtstrand und demnächst auf einem Wochenmarkt. Dort sollen auch Produkte vom Hofgut der Diakonie und von der Lebenshilfe verkauft werden.

Im „Treffer“ sind mittlerweile die Frühstückstische abgeräumt. Dagmar Preuss holt Einkaufstrolley und Einkaufszettel, der eher ein kleines Fotoalbum ist: Marmelade, Gurken, Käse ... Die Bilder sind so angeordnet, dass Dagmar Preuss die Waren auf ihrem Gang durch den Supermarkt nur einzusammeln braucht, ohne Suchen und Irrwege. Sie hat Routine, Zahlen und Buchstaben lesen kann sie dagegen nicht. Sie kennt nicht den Wert des Geldes, aber sie bezahlt: Aus einem großen Lederbeutel legt sie so lange Scheine und Münzen auf das Band, bis der Kassierer Stopp sagt. Er kennt das, bleibt höflich und ruhig. In der Warteschlange gibt es einige ungeduldige Blicke. Mehr nicht.

Am Nachmittag hält der Bus vor dem „Treffer“. Die Tür öffnet sich, die WG-Bewohner bahnen sich zwischen den Tischen ihren Weg zum Aufzug. Ein knapper Gruß nach links, ein Winken nach rechts und schnell hoch in die Wohnung. Playstation spielen, duschen, ausruhen, Chips essen. Einfach: Feierabend haben. Wie andere Leute auch.


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