Im Doppelpack

Blinder Handbiker Stefan Junker und Begleiter auf dem Doppel-Liegerad privat

Im Handbike-zu-Handbike-Gespann beim Köln-Marathon: Der blinde Handbiker Stefan Junker (hinten) mit Vico Merklein.

Er hört und spürt die Geschwindigkeit. Aber er kann sie nicht auf seinem Tacho ablesen, wenn er im Handbike unterwegs ist, denn er wurde als Siebenmonatskind mit einer Sehbehinderung und einer Lähmung der Beine geboren.

Text Maria Fremmer

 

Stefan Junker ist nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch blind - oder genauer gesagt besitzt er ein Restsehvermögen, das es ihm ermöglicht, Hell und Dunkel zu unterscheiden, mehr jedoch nicht. Deshalb glaubte er lange Zeit, dass es für ihn nicht möglich ist, ein Handbike zu fahren, geschweige denn regelmäßig damit Sport zu treiben oder gar an Rennen teilzunehmen.

Ein Freund brachte ihn auf die Idee, dies zu hinterfragen, denn auch für ihn, Stefan, müsse es eine Möglichkeit geben, mittels Handbike seinen Aktionsradius zu vergrößern. Stefan begann darüber nachzudenken und stellte sich die Frage, wie er sich mit einem Handbike an ein Fahrrad ankoppeln kann, um sich beim Handbiken von einem voranfahrenden Piloten führen zu lassen. Er fand eine Lösung, doch bereits bei seiner dritten Ausfahrt mit einem Anklemmbike, kippte er mitsamt Bike und Rollstuhl um und verletzte sich eine Schulter so unglücklich, dass diese operiert werden musste. Damit war der Traum vom Handbiken fürs Erste ausgeträumt.

Knapp zwei Jahre später machte Stefan Junker sich in Sachen Handbike wieder auf den Weg. Dieses Mal sollte es ein Bike sein, bei dem die Fallhöhe nicht so groß ist, er wollte ein Liegebike. Leuchten sollte es, damit er auf der Straße gesehen wird. Und nicht nur das. Er, der sie selbst nicht sehen kann, sagt: „Ich will Farbe ins Land bringen und nicht mit einem schwarzen oder weißen Bike und einem dazu passenden Trikot unterwegs sein!“ Deshalb hat er sich für Orange entschieden.

Stefans Bruder Andreas ist Werkzeugmechaniker. Zusammen mit einem Kollegen entwickelte er eine Anbindung zum Ankoppeln des Liegebikes an ein Rennrad, und seit vier Jahren rauscht Stefan Junker nun als Farbtupfer mit seinem orangefarbenen Bike durch die hügelige Landschaft seiner fränkischen Heimat.

Das Handbiken ist für ihn zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens geworden. Die Assistenten, die er zur Bewältigung seines Alltags benötigt, stellt Stefan mit der Bedingung ein, dass sie in einem Mindestmaß sportlich sind und Rennrad fahren. Es gehört zu ihrer Arbeit, ihm als Pilot oder Pilotin bei seinen Ausfahrten mit dem Handbike den Weg zu weisen.

Auf Tour in der zerklüfteten Landschaft Lanzarotes.

privat

Gegen den Fahrtwind

Darüber hinaus ist Stefan Junker inzwischen nicht mehr nur in der Lage, mit Rennradfahrern zu trainieren, sondern kann auch mit Piloten fahren, die im Handbike unterwegs sind. Armin Jurisch gehört nicht zu Stefans Assistenten, sondern ist selbst Rollstuhlfahrer und Handbiker. Dank einer Spezialanfertigung - auch diese wieder von Stefans Bruder und seinem Kollegen ausgetüftelt - konnten Stefan und Armin  2013 auf Lanzarote  erstmals einen Handbike-zu-Handbike-Trainingsurlaub auf unbekanntem Gelände absolvieren. Sie fuhren innerhalb von vier Wochen mehr als 1000 Kilometer. Und das, obwohl vor allem anfangs die Kommunikation beim Fahren nicht immer einfach war, der Fahrtwind machte es manchmal schwierig, sich zu verständigen. Dabei ist für Stefan jedes Kommando wichtig, denn nur so erfährt er, welche Bewegungen der Weg macht, auf dem er sich mit seinem Piloten befindet, auf welche Steigungslängen oder auf welche Art von Gefälle er sich einstellen muss. Die Kommandos müssen kurz und klar verständlich sein, damit er weiß, was er zu tun hat. Wann er viel und wann er weniger antreiben muss, wann er sich auf eine Kurve gefasst machen und sich mit hineinlegen muss und, was wohl das Wichtigste ist, wann und wie viel er zu bremsen hat. Für den Piloten bedeutet das ein hohes Maß an Konzentration und Voraussicht beim Fahren. Er muss sich in jedem Moment darüber bewusst sein, dass er seinem blinden Teamkollegen mit seinen Kommandos die Sehkraft ersetzt. Doch wie ungewohnt die Situation anfangs auch sein mochte, Stefan und Armin nahmen die Herausforderung gerne an, die sich ihnen in der zerklüfteten Landschaft Lanzarotes mit ihren vielen Höhenmetern stellte.

 

Ziehen lässt er sich nicht

Bei einer ganz bestimmten Geschwindigkeit erzeugen die Reifenprofile seines Handbikes auf dem Asphalt ein besonders schönes Rauschen. Wenn dieses Geräusch Stefans Ohren erreicht, während er mit dem Kopf zwischen den Rädern seines Rennbikes liegt, ist  er zufrieden.

Stefan Junker ist ein Racer. Er liebt es, schnell zu fahren. Und er ist ehrgeizig. Ihm ist es wichtig, seine Grenzen auszuloten und wenn möglich zu erweitern. Für seine Art, im Gespann zu fahren, gibt es im Handbikesport noch keine wirklich passende Kategorie, trotzdem nimmt der 49-Jährige an Rennen teil. Den Heidelberger Rollstuhlmarathon zum Beispiel ist er vor zwei Jahren und auch in diesem Jahr wieder gefahren. Da die Geschwindigkeiten, die er beim Handbiken erreicht, nicht von ihm allein abhängen sondern immer das Ergebnis der Zusammenarbeit eines untrennbar miteinander verbundenen Teams sind, ist es schwierig, persönliche Bestzeiten aufzustellen. Mal fährt er die 42,195 Kilometer in seinem Zweiergespann mit einem U 23 Jungprofi-Radfahrer der deutschen Bundesliga in einer Stunde und acht Minuten, mal mit einer sportlich aktiven Assistentin und Hobby-Fahrerin in einer Stunde und sechsundzwanzig Minuten. Aber so unterschiedlich diese Zeiten auch sein mögen, weiß Stefan Junker trotzdem nach dem Rennen immer, dass er alles gegeben hat. Ziehen lässt er sich nicht. Und er hat vor, dies in zukünftigen Rennen weiterhin unter Beweis zu stellen.


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