Jetzt ist Gründerzeit

Wenn Menschen mit Behinderung ein Unternehmen gründen wollen, sind klassische Beratungsstellen oft überfordert. In Berlin gibt es deshalb ein spezielles Angebot für Existenzgründer mit Handicap.

Freiheit ermöglichen: Manfred Rademacher, Katrin Adams (rechts) und das Berliner Enterability-Team ebnen den Weg in die Selbstständigkeit.

Text Victoria Nicholls 

Foto Kim Keibel

Michael Günther legt im lichtdurchfluteten Büro von Enterability in Berlin-Kreuzberg seinen Businessplan auf den Tisch. „Fertig, Herr Günther?“, fragt Finanzspezialistin Katrin Adams und wirft einen prüfenden Blick auf die Unterlagen. Der 49-jährige Günther hat infolge mehrerer Erkrankungen einen Grad der Behinderung von 100 – und beruflich Großes vor: Noch in diesem Jahr möchte er eine Wellnessoase eröffnen, die präventives Therapiezentrum, Bistro und Shop in einem ist.

Günther hat alles bis hin zum Bistrobesteck recherchiert. Er weiß, wie jeder Raum aussehen soll, wie viele Liegen es auf der Dachterrasse geben wird und dass er an den Saunawänden gesundheitsfördernde Salzfliesen anbringen will. Jetzt gilt es, die Kreditgeber von der Geschäfts­idee zu überzeugen. Damit das klappt, hat Günther sich Hilfe ­geholt: bei Enterability, der Gründungsberatungsstelle für Menschen mit Behinderung.

Das Projekt mit seinem Team aus Gründungsberatern, Betriebswirten, Sozialpädagogen, ­Marketingexperten und Psychologen gibt es seit zehn Jahren. Es füllt eine Marktlücke, denn herkömmliche Gründungsberater sind mit den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung oft überfordert. „Entweder trauen sie ihnen von vornherein keine Unternehmensgründung zu“, schildert Manfred Radermacher, Projektleiter von Enterability. „Oder sie fassen sie mit Samthandschuhen an und geben keine realistische Einschätzung der Geschäftsidee ab. Hilfreich ist beides nicht.“

 

Die richtigen Fragen stellen

Bei Enterability zählt nur die Geschäftsidee – und dass sie tragfähig ist. „Wenn ein Gründungswilliger zu uns kommt, prüfen wir sein Vorhaben auf Herz und Nieren“, erklärt Radermacher. Das heißt auch, dass die Behinderung in Hinblick auf die Geschäftstätigkeit analysiert wird: Was mache ich, wenn Kunden aufgrund der Behinderung überfordert sind? Wie organisiere ich meine Selbstständigkeit, wenn ich morgens schwer in Gang komme oder nur stundenweise am Stück arbeiten kann? Was kann ich tun, wenn eine Krise ansteht?  „Genau solche Fragen stellen wir. Unsere Klienten müssen Stolpersteine im Blick haben und vor der Gründung Strategien dafür entwickeln. Alles andere wäre verantwortungslos“, sagt Radermacher. Darüber hinaus hat das Enterability-Team auch spezielle Fördermöglichkeiten für Gründer mit Behinderung im Blick – jenseits des klassischen Bankkredits. Und dass die Räume der Beratungsstelle barrierefrei sind, versteht sich fast von selbst.

Mit einem Volumen von 500.000 Euro ist Michael Günthers Vorhaben für Enterability-Verhältnisse sehr groß und komplex. Die meisten Existenzgründer, die die Hilfe der Beratungsstelle in Anspruch nehmen, backen kleinere Brötchen und wollen mit ihrem Unternehmen vor allem selbst über die Runden kommen. Andererseits kann von typischen Geschichten bei der Beratungsstelle nicht wirklich die Rede sein. „Es gibt jede Art von Einschränkung und alle möglichen Geschäftsideen“, meint Radermacher. „Was will man da typisch nennen?“

 

Individuelle Konzepte

Entsprechend individuell sind die Konzepte, die die Berater mit ihren Klienten austüfteln. Maßarbeit, die Früchte trägt: Von den mehr als 600 Unternehmen, die seit 2004 mithilfe von Enterability gegründet wurden, sind 75 Prozent noch am Markt. Das liegt auch daran, dass die Beratung nicht endet, sobald ein Unternehmen an den Start gegangen ist. Die Berater halten den Kontakt, besuchen die Jungunternehmer zum Beispiel in ihrem Arbeitsumfeld und organisieren regelmäßige Netzwerktreffen. Gerade Letztere sind äußerst beliebt. Auch Ina Schröder, Besitzerin von „I.N.A. s/w Fotolabor“, ist dabei, so oft sie kann: „Bei den Treffen lernt man die verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Geschäftsideen kennen,“ sagt die 51-Jährige. „Es hat einen enormen Effekt, zu wissen, dass alle Teilnehmer eine Behinderung haben, auch wenn man es ihnen nicht ansieht. Da entsteht eine unglaubliche Geborgenheit.“

Schröder, die stark stottert, kam 2012 zu Enterability. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits 16 Jahre lang mit ihrem Fotolabor selbstständig. Aber die Nachfrage nach analoger Filmbearbeitung schrumpfte zusehends und Schröder entschied deshalb, ihr Angebot um das Digitalisieren von Negativen zu erweitern. Das bedeutete: in neue Technologie investieren und selbst technisch auf den neusten Stand kommen.

„Damals konnte ich gerade mal eine Schreibmaschine bedienen“, sagt Schröder und lacht. Das Beratungsteam half ihr, die Finanzierung zu organisieren. Inzwischen hat sich das Digitalangebot gut etabliert, und Schröder ist froh, dass die stressige Anfangsphase überstanden ist. Denn: Enterability fordert seine Klienten. „Absolut alles wurde überprüft“, sagt sie. „Ich musste mich ganz schön durchkämpfen.“ Bereut hat sie den Schritt aber nie. „Mein Labor ist mein Herz. Und die Angst vor dem Scheitern hilft einem dabei, wachsam zu sein und aufzupassen. Sonst wäre ich stehengeblieben.“


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