Erste Stunde Mathe, zweite Stunde Glück

Etwa 100 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben „Glück“ auf dem ­Lehrplan. An der Theodor-Frey-Schule in Baden-Württemberg genießen Schülerinnen und Schüler ohne und mit Behinderung die Stunden auch gemeinsam.

Runde Sache: Michael Leisinger (links) möchte, dass seine Schüler fürs Leben lernen – auch emotional.

Text: Laura Marleen Kreutz und Julia Moch 
Fotos: Evelyn Dragan

Auf dem Hof der Theodor-Frey-Schule in Eberbach bei Heidelberg steht eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern im Kreis. Jeder versucht, einen Tennisball auf den Füßen zu balancieren. Das ist gar nicht so einfach. Die Berufsschüler erproben verschiedene Möglichkeiten, sodass letztlich jeder seinen Ball in der Luft halten kann. Aber richtig stabil wird es erst, als sich alle im Kreis festhalten. Was lernt man daraus fürs Leben? – Viel! „Jeder hat ein Bein, auf dem er sicherer steht als auf dem anderen“, sagt Studienrat Michael Leisinger.

Die Balance zu halten ist nicht immer einfach.

„Das eine Bein“, erklärt er, „ist das Standbein. Auf unser Leben übertragen sind das vielleicht die Familie, die Freunde, der Beruf, alle die uns Halt geben, wenn wir mal ins Wanken geraten oder aus der Bahn geworfen werden.“ Das andere Bein, das den Ball balanciert hat, ist das Spielbein. Es ermöglicht uns, viel auszuprobieren. Im übertragenen Sinn: Hobbys, Vorlieben, Gedanken. Mit ihm können wir experimentieren. Macht mir Fußball spielen Spaß? Will ich lieber tanzen oder doch Kanu fahren? Soll ich Koch, Schauspieler oder Automechanikerin werden? Wenn sich alle gegenseitig unterstützen und Halt geben, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Das kann sogar ein wenig glücklich machen.

Michael Leisinger unterrichtet das Fach „Glück“ an der Gewerblichen und Kaufmännischen Schule Eberbach. „Schule sollte mehr vermitteln als reines Fachwissen“, meint er. Seine eigenen Stärken zu erkennen und sich selbst weiterzuentwickeln, sei eine wichtige Kompetenz für das spätere Leben. „Auch emotionale und soziale Intelligenz sind wichtig. Alle Interessen, Stärken, Ressourcen und Potenziale der Schüler sollen voll zur Geltung kommen“, so Leisinger. Mit dem Fach „Glück“ versuche seine Schule, einen Schritt in diese Richtung zu gehen.

Seit 2007 ­haben über 100 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Fach „Glück“ eingeführt. Im Glücksunterricht geht es nicht um zielloses Gerede oder Experimentieren mit gut gemeinten pädagogischen Gruppenspielchen. Es gibt einen Lehrplan. Er war 2007 an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg vom damaligen Direktor Ernst Fritz-Schubert und einem Team entwickelt worden, um „Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und diese auch im Schulalltag zu realisieren“, wie es im Leitbild der Schule heißt. Die Theodor-Frey-Schule in Eberbach ließ sich inspirieren und führte „Glück“ als Unterrichtsfach im Jahr 2009 ein.

Etwas gemeinsam auszuprobieren und zu schaffen, das ist wichtig.

Verstehen, wie Wohlfühlen entsteht

Eine klassische Unterrichtsstunde in „Glück“ sehe eigentlich immer ähnlich aus, erzählt Melissa. „Wir spielen Gruppenspiele, dann reden wir darüber. Was haben wir empfunden, und was können wir daraus für unser Leben mitnehmen?“ Als Hausaufgabe werden diese Fragen dann von jedem Einzelnen in schriftlicher Form beantwortet. Das Führen eines solchen Unterrichtstagebuchs ist ausschlaggebend für die Notengebung. Jedoch geht es vor allem um die Umsetzung des Erlernten im Alltag. Die Spiele, die in den Unterricht eingebaut werden, basieren auf wissenschaftlichen Theorien und sollen deren Erkenntnisse erfahrbar machen. Übernommen wurden beispielsweise Ansätze aus der Positiven Psychologie von Martin Seligman oder der Persönlichen ­Gesunderhaltung (Salutogenese) des US-amerikanischen Soziologen Aaron Antonovsky. „Die Jugendlichen“, sagt Lehrer Leisinger, „sollen lernen, genau zu verstehen, was Gesundheit ist, woran es liegen kann, wenn man sich nicht wohlfühlt, und worauf sie achten müssen, damit sie sich weiterhin gut fühlen.“ Die Neurowissenschaft habe bewiesen, dass man viel nachhaltiger und effektiver lernen könne, wenn Gefühle eine bedeutende Rolle spielen, so Leisinger.

Auf dem Schulhof ist die Balljonglage zu Ende. Jetzt bekommt die Gruppe die Aufgabe, sich nach ihrem Geburtstag zu sortieren. Ohne zu sprechen! Es funktioniert – und das sehr schnell. Wie geht das? Die Schülerinnen und Schüler reden mit Händen und Füßen und erfahren: Wenn wir kreative Möglichkeiten finden, miteinander zu kommunizieren, stellen unterschiedliche Sprachen keine unüberwindbaren Barrieren mehr da.

„Glück“ als Schulfach – eine exotische Sache. Wie sind die Reaktionen im Freundeskreis darauf? „Am Anfang haben sie schon darüber gelacht, ,Glück – was soll das sein?‘“, erzählt Melissa. „Aber wenn man es erklärt, dann denken andere auch positiv darüber und würden sogar gerne mitmachen.“ Alex Bertrams, Juniorprofessor für Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim, hat untersucht, ­inwieweit das Schulfach „Glück“ das subjektive Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler positiv beeinflusst. Bertrams hält das Fach „Glück“ für sinnvoll, denn „im Endeffekt geht es darum, dass Schüler lernen, sich mit ihrer emotionalen Seite auseinanderzusetzen und in gewisser Weise Lebenskompetenz zu erwerben. Das halte ich für genauso wichtig wie Mathematik. Beim Schulfach ‚Glück‘ werden den Schülern Übungen vermittelt, die wissenschaftlich begründbar sind. Es ist keine Esoterik.“

Für Leisinger bietet sich das Fach „Glück“ zudem an, um den Gedanken der Inklusion weiterzuführen und auszubauen. Zurzeit gibt es in der Theodor-Frey-Schule neben den Vollzeitklassen, die zur beruflichen Vorqualifizierung oder zur Erlangung eines höher qualifizierten Schulabschlusses dienen, und den Berufsschulklassen eine Klasse für Schülerinnen und Schüler mit einer geistigen Behinderung, die auf einen selbstständigen Lebens- beziehungsweise Berufsalltag vorbereitet werden. Die Klasse der sogenannten Berufsvorbereitenden Einrichtung (BVE) ist aus einer Kooperation der Theodor-Frey-Schule mit der Schwarzbach Förderschule in Biberach an der Riß entstanden. Gemeinsam Unterricht haben Schüler mit und ohne Behinderung derzeit nur im Fach „Glück“. Für Leisinger ein Schlüsselfach. „Hier geht es nicht darum: Wer kann gut rechnen, lesen oder schreiben, sondern wer hat soziale oder emotionale Intelligenz?“ Da können Schülerinnen mit und ohne Behinderungen gegenseitig noch viel voneinander lernen. Der erste Schritt zu einer inklusiven Schule ist getan. Später soll dieses Modell nach und nach in den anderen Fächern eingeführt werden, damit die Klassentrennung vielleicht bald gar nicht mehr nötig ist.

„Glück macht Spaß“, findet Nadine aus der BVE-Klasse, „weil man da mit Schülern aus den anderen Klassen zusammen ist und sich kennenlernen kann.“ „Ja, Glück kann man lernen“, meint Lee Ann. „Man kann versuchen, seine ­Lebenseinstellung zu ändern, positiver zu denken und zu lernen, dass andere Menschen einem helfen können.“


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