Eine Sache der Übung?!

Kann man Glück trainieren? Aus der Ratgeberbranche tönt ein lautes Ja! Autorin und ­Bloggerin Ninia LaGrande hat’s am eigenen Leib ausprobiert. Hier ihr Bericht.

Text: Ninia LaGrande

 Normalerweise kaufe ich Bücher im Buchladen. Dieses Buch habe ich im Netz bestellt. Ich gebe es zu: Ich wollte nicht dabei gesehen werden, wie ich solch ein Buch kaufe. Dann liegt es erst einmal ein paar Tage im Regal – eingeschweißt. Bin ich gerade unglücklich genug, um reinzuschauen? Wann ist wohl der perfekte Zeitpunkt zu starten. Na, los doch! Hatte ja versprochen, den Test zu wagen. Vorher mache ich noch ein Selfie mit meiner „Bibel“ für die nächsten vier Wochen. Und starre auf das Foto: Sehe ich unglücklich oder glücklich aus? Ist mein Lächeln echt? Sollte ich Vorher-nachher-Fotos planen?

Vier Wochen bis zum Glück: Ich bin gespannt!

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Fitter, gesünder, zufriedener in vier Wochen

Die Autorin Nina Winkler will mich in vier Wochen fitter, gesünder und zufriedener machen. Optisch gefällt mir das Buch schon einmal sehr gut – schöne Typografie, viele Farben und Fotos. Im Vorwort erklärt Winkler, worauf sich echtes Glück stützt und was uns eigentlich vom Glücklichsein abhält. Ich überfliege die Absätze, will möglichst schnell anfangen und noch glücklicher werden. Winkler sagt, dass Glück nichts koste. Das Buch hat schon einmal 19,90 Euro gekostet.

Zu Beginn der ersten Woche muss ich den Status quo aufschreiben. Wie glücklich bin ich? Was macht mich glücklich? Zum Abschluss jeden Tages gibt es eine Seite – das Betthupferl –, auf der mir Fragen gestellt werden wie: „Was war Ihr glücklichster Moment?“ Ich sitze auf dem Bett und starre in die Luft. Irgendwann kritzele ich „Alle Momente, in denen sich Türen geöffnet haben“ auf das Papier, weil ich es doof finde, mich für einen Moment entscheiden zu müssen, und für alle glücklichsten Momente zu wenig Platz auf dem Papier ist.

Am zweiten Tag geht es um meine Gefühle. Ich soll ­Yogaübungen machen und meditieren, um meinen Geist und meine Seele zu reinigen und „die Vorderseite meines Körpers zu öffnen“. Augenblicklich habe ich vor Augen, wie mein Brustkorb mit allen Organen freiliegt. Von den sieben Übungen, die Nina Winkler im Buch vormacht, kann ich drei nachmachen. Bei allen anderen spielen meine ballettgeschädigten Knie nicht mit. Ich bin frustriert. Nach zwei Tagen bin ich jedenfalls nicht glücklicher als zuvor, im Gegenteil. Außerdem bin ich ungeduldig. Fünf Minuten soll ich sitzen und gedankenleer werden. Ich schaffe es nicht. Stattdessen blinzele ich alle 30 Sekunden, um zu schauen, ob die fünf Minuten schon um sind. Beim Betthupferl soll ich notieren, wann ich das letzte Mal meine Liebe gezeigt habe und wie ich die Weite meines Herzens einschätze. 20 Minuten lang versuche ich, einen sinnvollen Satz zu formen. Es klappt nicht – vielleicht bin ich in Wirklichkeit ein emotionsloser Stein. Beim Lesen des Ratgebers fühle ich mich wie in einem Schlagersong – viel Kitsch, viele Allgemeinplätze. Die Kalendersprüche, die Winkler auf jeder Seite einstreut, machen mich zunehmend aggressiv.

Arbeit an der Figur: Glücklich sind nur Schlanke? Danke!

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Mediendiät? Ohne mich!

Am dritten Tag geht die Autorin dann wirklich zu weit. Sie fordert mich auf, eine Mediendiät zu machen. Ich solle mich für vier (!) Wochen von Facebook verabschieden, weil wir dank der Medienlandschaft oft nicht sähen, was unserer „Happiness“ im Weg stände. Im Moment steht Nina Winkler meinem Glück im Weg. Vor allem meinem finanziellen, denn ich lebe von der Arbeit im Netz. Ich überspringe das Kapitel. Ab sofort konzentriere ich mich auf die sportlichen Übungen. Sie tun mir gut, das muss ich zugeben. Aber: Glück steht bei Winkler in direkter Verbindung mit einer schlanken Figur. Das ist das Letzte, was ich brauche, um glücklich zu sein.

Nach vier Wochen ziehe ich mein Fazit: Nein, ich habe nicht alle Tipps, Hinweise und Übungen aus dem Buch befolgt. Regelmäßig habe ich den Sport gemacht, ansonsten immer mal reingelesen. Die Texte sind mir zu kitschig, die Tipps nicht neu: Gönn dir Ruhe, beweg dich, trenn dich von Dingen, die dich nerven. Glücklicher als vor vier Wochen bin ich nicht. Aber vielleicht ein bisschen bewusster.


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