Die Wissenschaft vom Glück

Das Streben nach Glück begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Namhafte Dichter und Philosophen haben sich dazu geäußert. Und doch bleibt es für viele eine offene Frage: Was ist das eigentlich, Glück? Können wir selbst dazu beitragen, und wenn ja, wie? Fundierte Antworten gibt die Glücksforschung.
 

Text: Astrid Eichstedt

Es gibt Menschen, die sind von Natur aus einfach glücklich und zufrieden. Wissenschaftlich formuliert: Sie haben im Tagesdurchschnitt deutlich mehr positive als negative Gefühle. Die Glücksforschung spricht bei ihnen von einem Verhältnis von drei zu eins zugunsten positiver Gefühle. Auch wenn die meisten Menschen dieses Ziel kaum erreichen, ist das aus Sicht der Glücksforschung kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. In ihrem Buch „Glücklich sein“ erklärt die bekannte Psychologin und Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky, dass wir unser subjektives Glücksempfinden zu immerhin 40 Prozent willentlich beeinflussen können. Vor dem Glück kommt dann die Arbeit an uns selbst: Es gilt, sich erreichbare, werthaltige Ziele zu setzen, seinen Optimismus zu trainieren, Grübeleien und soziale Vergleiche zu vermeiden, die eigene Hilfsbereitschaft zu stärken, soziale Kontakte zu vertiefen, vergeben zu lernen, sich erfüllende Tätigkeiten zu suchen, achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen und seinem Leben einen Sinn zu geben.

Die Glücksforschung beschäftigt sich mit dem momentanen Glücksempfinden, gemessen am Verhältnis von positiven und negativen Gefühlen im Tagesdurchschnitt (emotionales Wohlbefinden), ebenso wie mit der Lebenszufriedenheit (kognitives Wohlbefinden), entsprechend der Frage: Steht das, was ich will, in einem ausgewogenen Verhältnis zu dem, was ich habe? In groß angelegten empirischen Studien haben Wissenschaftler in Deutschland eine breite Datenbasis über das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung geschaffen. Daten einer repräsentativen Befragung von rund 12.000 Menschen, die seit 1984 jährlich als Längsschnittanalyse in Deutschland erhoben wird, liefert das Sozio-oekonomische Panel. Glücksforscher haben auf dessen Basis unter anderem herausgefunden, dass private oder berufliche Entscheidungen einen ähnlich starken Einfluss auf die Lebenszufriedenheit haben wie genetische Voraussetzungen. Mit dem Glücksatlas der Deutschen Post (siehe Seite 15) wurden 2014 erstmals Daten über die Zufriedenheit von Menschen mit Behinderung erhoben. Für den World Happiness Report der Vereinten Nationen wurden Menschen nach ihrer Lebensqualität befragt sowie nach ihren positiven und negativen Gefühlen. Aus einer Skala von eins bis zehn berechneten Wissenschaftler dann mithilfe einer statistischen Regression, wie sich diverse äußere Faktoren auf die Glückswerte auswirken. Es wurde deutlich, dass die Finanzkrise die Lebensqualität in Westeuropa massiv ­geschmälert hat.

Spätestens seit ein deutlicher Zusammenhang zwischen zufriedenen Mitarbeitern und guten betriebswirtschaftlichen Ergebnissen festgestellt wurde, ist neben der Psychologie und Soziologie auch die Volkswirtschaft verstärkt am subjektiven Wohlbefinden der Menschen interessiert. Darüber, wie es erzielt werden kann, waren sie allerdings lange geteilter Meinung. Während die neoklassische Ökonomie den Schlüssel zum Glück der Mitarbeiter in der Erhöhung der Löhne sah, hatten die Erneuerer längst herausgefunden, dass andere Werte viel stärker zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen, nämlich Wertschätzung, Eigenverantwortlichkeit und ein gutes Betriebsklima.

Gerecht verteilter Wohlstand macht zufriedener

„Im großen Stil betriebene weltweite Umfragen zur Zufriedenheit seit den 1960er-Jahren haben gezeigt, dass in den westlichen Industrieländern kaum ein Zusammenhang mehr zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf und der Lebenszufriedenheit besteht“, erklärt Karlheinz Ruckriegel. Der 58-jährige Volkswirt ist Professor für Makroökonomie und interdisziplinäre Glücksforschung an der Technischen Hochschule Nürnberg und einer der führenden Glücksforscher in Deutschland. Zwar gehören wirtschaftliche Sorgen zu den Glücksverhinderern, doch dort, wo die materiellen Grundbedürfnisse gesichert sind, führt mehr Wohlstand nicht zu einer Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens.

Mit steigendem Wohlstand wachsen auch die Ansprüche, deren Befriedigung dann wieder erarbeitet werden muss, wobei am Ende zu wenig Zeit für wirklich Glückbringendes bleibt. Die Forscher sprechen hier von einer „Hedonistischen Tretmühle“. Sofern die materielle Existenz gesichert ist, zählt außerdem weniger das absolute Einkommen als das relative im Vergleich zu Nachbarn, Freunden und Bekannten. Und Neid ist ein effektiver Glücksverhinderer. „In Gesellschaften, in denen der Wohlstand gerechter verteilt ist, sind in der Regel auch Reiche glücklicher als in solchen, die von großer Ungleichheit geprägt sind“, sagt Karlheinz Ruckriegel. Kein Wunder also, dass die skandinavischen Länder im World Happiness Report stets weit vorn rangieren. Deutschland lag trotz florierender Wirtschaft und hohem Wohlstandsniveau zuletzt „nur“ auf Platz 26 von 158.

Die interdisziplinäre Glücksforschung beschäftigt sich intensiv mit der Frage, welche Faktoren für unser subjektives Wohlbefinden wichtig sind. Ganz oben rangieren gelingende soziale Beziehungen. Auch die Arbeit ist ein entscheidender Glücksfaktor, vorausgesetzt, wir erleben unsere Tätigkeit als erfüllend. Dann schafft sie Möglichkeiten zur geistigen Weiterentwicklung, vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden, stärkt unser Selbstvertrauen, schafft Identität und ermöglicht darüber hinaus soziale Kontakte. Zuweilen erzeugt sie auch einen glücksspendenden Flow. Dieser aus der Psychologie stammende Begriff kennzeichnet herausfordernde Tätigkeiten, deren Ziele deutlich umrissen sind und die unsere Aufmerksamkeit so sehr fesseln, dass wir darüber die Zeit vergessen. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, besonders gute Zufriedenheitswerte haben – was dadurch erklärt wird, dass sie durch ihr Engagement ihre psychischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Zugehörigkeit und Kompetenz befriedigen.

Belegt ist überdies ein Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und Gesundheit. „Glück senkt den Stresslevel und stärkt die Immunabwehr. Glückliche Menschen schütten geringere Mengen des Stresshormons Cortisol aus, bekommen seltener Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte“, sagt ­Tobias Esch, Professor für integrative Gesundheitsförderung und integrative Medizin. Je nach Studie sollen glückliche Menschen eine um fünf bis zehn Jahre längere Lebenserwartung haben. Das klingt zwar ungerecht, doch die Wissenschaft zeigt ja auch: Glück ist keine reine Glückssache.


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