Glück im Unglück

Vor elf Jahren überlebten Renate Schröter aus Weinheim und ihre damals fünfjährige Tochter Antonia den Tsunami in Thailand nur knapp. Sie erzählt von den dramatischen Erlebnissen, mit deren Auswirkungen sie bis heute lebt. Trotzdem sagt sie: "Wir haben Glück im Unglück gehabt".

Renate Schröter mit ihrer Tochter Antonia. Das Foto entstand wenige Wochen vor dem Tsunami 2004.

Sechs Wochen Thailand: Weil meine Tochter Antonia erst 5 Jahre alt und noch nicht in der Schule war, wollten wir uns Ende 2004 noch einmal einen richtig langen Urlaub gönnen. Erst eine Woche Bangkok mit viel Sightseeing, dann über Weihnachten einige Wochen in einer Ferien-Lodge am Strand von Khao Lak.

Antonia hatte gerade schwimmen gelernt und übte fleißig im Pool, am 25. Dezember sogar das erste Mal im Meer. Wir hatten nette andere Urlauber kennengerlernt, teils auch mit Kindern, und feierten zusammen Heilig Abend. Aber schon am 25. Dezember kreisten unsere Gesprächsthemen plötzlich um verstörende Themen wie Krankheiten, Tod und persönliche Ängste. In den frühen Morgenstunden des 26. Dezember hatten dann sowohl ich als auch meine Tochter Alpträume. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätten wir instinktiv gespürt, dass sich da eine Katastrophe ankündigte.

Das Wasser zog sich zurück

Am 26. Dezember vormittags saßen wir beim Frühstück und schauten aufs Meer, als sich das Wasser plötzlich sehr weit zurückzog, bis zum Horizont. Auch viele andere hatten es bemerkt und spekulierten, was das wohl bedeuten mochte. Einige liefen sogar weit hinaus, um Muscheln zu suchen. Während sich die thailändischen Angestellten im Restaurant eher fürchteten, schienen die Urlauber ganz entspannt zu sein. Plötzlich stand eine unserer Urlaubsbekanntschaften, eine irische Geographielehrerin, neben uns und sagte: „Das sieht aus wie ein Tsumani.“ Ich fragte: „Was ist das?“ Damals kannte ja kaum jemand den Begriff. „Eine Flutwelle“, sagte sie. Da hab ich mir Antonia geschnappt und gesagt: „Wir gehen jetzt besser!“

Wie das Dröhnen eines Flugzeugs

Wir liefen weg vom Meer, gerade aus unter einer Schranke hindurch, über eine private Baustelle den Berg hoch. Ein Thailänder rief uns noch zu, dass wir uns beeilen sollten. Plötzlich, innerhalb einer Sekunde, hörten wir ein sehr lautes Geräusch hinter uns. Wie das Dröhnen eines ICEs oder Flugzeugs. Und schon waren wir unter Wasser. Meine Tochter wurde von mir weggerissen, und ich versuchte vergeblich, an die Oberfläche zu kommen. Ich dachte: `Jetzt sterbe ich.` Ich hatte schon mehrmals Wasser in die Lunge eingesogen, bevor ich von der Strömung erfasst und auf einem Erdhügel wieder ausgespuckt wurde. Ich rang nach Atem und rief nach Antonia. Zum Glück war sie nur wenige Meter von mit entfernt, sie hatte es geschafft, sich an einem Baum festzukrallen. Völlig verdreckt, so gut wie nackt und mit schweren Verletzungen, die wir in diesem Augenblick aber noch gar nicht spürten, sind wir weiter den Hügel hoch in die Richtung von ein paar Häusern gelaufen.

Verletzt nach Phuket

Um uns herum herrschte das reinste Chaos. Wir hörten viele Schreie und Weinen. Alles war voller Geröll. Wir verbrachten die erste Nacht im Freien, in einer Art Notlager eines Hotels in Khao Lak. Schließlich fanden sich Helfer, die uns und andere Verletzte auf der Ladefläche eines LKW nach Phuket an den Flughafen brachten. Auch hier war es sehr chaotisch. Schließlich wurden wir mit dem allerletzten Flug nach Bangkok mitgenommen – vermutlich, weil ich ein verletztes Kind bei mir hatte. Dann ging es weiter ins Krankenhaus. Was wir dort sahen, war unbeschreiblich. Es sah aus wie in einem Kriegslazarett. Überall, schon auf der Wiese vor dem Krankenhaus, lagen Verletzte und auch Tote. Zum Glück bekamen wir schließlich ein Bett, und die tiefe Fleischwunde am Knie von Antonia konnte noch nachts operiert werden. Ich selbst wurde einige Tage später operiert. Viele Thailänder waren außerordentlich nett und hilfsbereit und schenkten uns zum Beispiel Kleidung. Wir erfuhren in dem ganzen Durcheinander viel Hilfe von verschiedenen Menschen, bekamen Ersatzausweise und erwischten schließlich –  eigentlich noch transportunfähig – einen der wenigen Flüge nach Deutschland. Meine Eltern kümmerten sich lange um uns, bis es uns langsam wieder besser ging.

Träume von Wassermassen

Wie ich erfuhr, sind die meisten unserer Urlaubsbekanntschaften bei dem Tsunami umgekommen. Auch die Geographielehrerin, die uns noch gewarnt hatte, ist bis heute vermisst. Zehn Jahre später träume ich manchmal immer noch von beängstigenden Wassermassen. Ich würde nie wieder einen Fuß auf ein Segelboot setzen oder eine Hütte in der Nähe des Meeres mieten. Meine Tochter brauchte lange, um zu verarbeiten, was dort passiert ist. Bis heute hat sie eine lange Narbe am Knie zurück behalten. Alles in allem aber muss man sagen: Wir haben Glück im Unglück gehabt!

Aufgeschrieben von Stefanie Wulff


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