Jeder kann etwas beitragen

Gespräch mit Jo Jerg, Professor für Inklusive Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Jerg hat schon mehrere kommunale Inklusionsprozesse begleitet. Er versteht sein Amt für Belange von Studierenden und MitarbeiterInnen mit besonderem Unterstützungsbedarf als Enthinderungsbeauftragter.

 

Professor Jo Jerg

Interview Astrid Eichstedt

Wenn man anfängt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, findet man etliche Kommunen und Quartiere, die inklusiv werden wollen. Wenn man dann genauer nachforscht, sieht es so aus, als wäre der gute Wille vielerorts da, allein, es fehlt an … ja, an was?
Zunächst ist es sehr zu begrüßen, dass die Inklusion in Kommunen ankommt, weil Inklusion nur vor Ort stattfinden kann und konkret erlebbar wird. Der „Wille“ ist ein zentraler Motor für Inklusion. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe, und hier fehlt es vielerorts am echten Willen und an kreativen Ideen, vorhandene Strukturen vielfältig zu gestalten. Vorherrschend ist ein Denken in getrennten zielgruppenspezifischen Angeboten statt eines vernetzten Denkens. Es fehlt an der Überzeugung, dass durch Kooperation der Einfluss wächst – vorherrschend ist eher ein Konkurrenzdenken, um die eigene Macht zu sichern. Nicht zuletzt fehlt es auch an der Einsicht, dass für Veränderungsprozesse Mittel und Ressourcen zur Verfügung gestellt und gesetzliche Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben (Anpassung der Gesetze an die UN-Behindertenrechtskonvention) geschaffen werden müssen.

Wo hakt es Ihrer Meinung nach am meisten?
Ein großes Hindernis liegt in den Barrieren in den Köpfen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich die Entwicklungen in Kommunen unterscheiden. Ein zentrales Element dabei ist, dass fehlende persönliche Begegnungen zu spezifischen Gruppen, wie zum Beispiel Menschen mit Behinderungserfahrung, Migrations- oder Flüchtlingsbiografien, dazu führen, dass Ängste vor Begegnungen die Illusion von zentralen Unterschieden zwischen den Gruppen speisen. Sobald die Sichtweisen von anderen wahrgenommen werden, sind Lösungswege und Kompromisse möglich.

Und welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Voraussetzungen für die Verwirklichung von Inklusion in Quartieren und Kommunen?
Es gelingt dann besonders gut, wenn die Spitze einer Kommune den Prozess real unterstützt und dies mit einer breiten Bürgerbeteiligung in einem demokratischen Prozess gekoppelt wird. Sehr wirksam sind zum Beispiel Stadtbegehungen, bei denen Bürgermeister, Mitglieder der Fachabteilungen, Gemeinderatsmitglieder, Bürger und Organisationen unter der Leitung von Experten in eigener Sache exemplarisch unterschiedliche Wegstrecken laufen und Orte besuchen, um Barrieren bzw. gelungene Barrierefreiheit zu dokumentieren. Diese konkreten Begegnungen und Erfahrungen eröffnen Gemeinderäten und Verwaltungsmitarbeitern einen neuen Blick auf die Stadt und Stadtplanung. Solche Aktionen haben auch einen zentralen Einfluss auf die Verabschiedung eines Aktionsplans im Gemeinderat, weil die Gemeinderatsmitglieder, die an den Begehungen beteiligt sind, eindrücklich über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse berichten und den Entwicklungsprozess unterstützen.

Es handelt sich ja um einen Veränderungsprozess, der sich aus vielen Bausteinen zusammensetzt. Also ein komplexes Projekt, das die Mitwirkung vieler verschiedener Akteure erfordert.
Es ist von zentraler Bedeutung, dass sich jeder einbringen kann und jeder an seinem Ort beginnen kann. Eine breite Beteiligung ermöglicht ein Verständnis davon, dass jeder etwas beitragen kann, dass jede Perspektive eine Bereicherung sein kann, wenn wir offen auf andere zugehen. Das bedeutet, dass unterschiedliche Hierarchien eingebunden werden, die auf Augenhöhe in einen Dialog eintreten. Dies eröffnet die Chance, gemeinsame Perspektiven zu entwickeln. Wichtig ist zu erkennen, dass Inklusion ein zirkulärer Prozess ist, der nicht endet. Helfen kann hier der Kommunale Index „Inklusion vor Ort“ der Montag Stiftung. Unter anderem gibt dieser Index, der von der Aktion Mensch gefördert wurde, einzelnen Akteuren und auch Gruppen eine Art Ablaufplan an die Hand, mit dem sie inklusive Prozesse in Gang setzen können.

Welche guten Praxisbeispiele können Sie nennen?
Es gibt einige Kommunen, die ihre Entwicklungsprozesse in Netzwerken reflektieren – sei es bundesweit über die Pilotprojekte bei der Montag Stiftung (www.montag-stiftung.de) oder länderspezifisch, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg durch ein Entwicklungsprogramm des Städtetags (www.staedtetag-bw.de).
In Kommunen wie Rastatt, Freiburg, Tübingen, Gütersloh, Krefeld oder Oldenburg besteht bzw. wächst die Einsicht, dass Inklusion eine Lebensqualität des Gemeinwesens fördert, die nachhaltig unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit eröffnet, selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Barrierearmut ist nicht nur für Menschen mit Behinderung eine Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Einer alternden Gesellschaft, Familien mit Kindern, Familien mit Migrationsbiografie usw. bieten barrierefreie Zugangsbedingungen eine Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, aber eben auch eine „Teilgabe“ zu leisten, sich selbst einzubringen.


Weitere Artikel

Gemeinwesen der Zukunft

Die Stadt der Zukunft soll inklusiv sein. Wir stellen Ihnen einige ausgewählte Quartiere und Kommunen vor, die an daran arbeiten.

Inklusive Kommunen
Raumwelten

Die Ateliermitglieder des KUNSTHAUS KAT18 in Köln haben ihre persönlichen Raumwelten für die Zukunft entworfen.

Zur Bildergalerie
Ich will da rauf!

Der soziale Verein der Profikletterer Thomas und Alexander Huber „Ich will da rauf e. V.“ bietet gemeinsames Klettern für Menschen mit und ohne Behinderung an.

Klettern mit den „Huberbuam“

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?