Wie wollen wir zusammenleben?

Die Stadt der Zukunft soll inklusiv sein. Wir zeigen Ihnen Quartiere und Kommunen, die daran arbeiten.

Schreiner Kastler, MENSCHEN. das magazin

Text Astrid Eichstedt

 

Es tut sich was. Peu à peu kommt die Forderung nach einer gleichberechtigten Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben dort an, wo sich das Zusammenleben und -arbeiten der Menschen abspielt: in den Kommunen und Stadtteilen. Bislang haben nur vereinzelte Initiativen den Weg zum inklusiven Gemeinwesen eingeschlagen, doch es werden immer mehr. Und weil die Voraussetzungen verschiedene sind, muss jede ihren eigenen Weg finden.

Daniel Schoenen, Daniel Schoenen
Blick auf den Freiburger Stadtteil Vauban

Freiburg

Projekt Bündnis Inklusion lokal aktiv (BILA) im Freiburger Stadtteil Vauban
Träger Lebenshilfe Breisgau geGmbH, Kinderabenteuerhof Freiburg e.V., Stadtteilverein Vauban e.V.
Kontakt

Den Anstoß für Veränderungsprozesse liefern oft einzelne Personen oder Initiativen aus der Bürgerschaft. Die Legitimierung und Durchführung obliegt dann zumeist der Gemeinde oder dem Projektträger. Wichtig ist, dass die Partizipation schon in den Planungs- und Entscheidungsprozessen verwirklicht wird. So wie in Vauban. Der 15 Jahre junge und 6.000 Bewohner starke Freiburger Stadtteil kann bei seiner Veränderung zum inklusiven Quartier auf ein hohes Engagementpotential seiner Bürger setzen. Vauban entstand quasi aus dem Nichts auf einem ehemaligen Kasernengelände – ökologisch nachhaltig, sozial durchmischt und von Anfang an mit hoher Bürgerbeteiligung. In jüngster Zeit kamen dann einige inklusive Projekte hinzu wie das integrative Green City Hotel und das Wohnprojekt Vaubanaise, in dem unter anderem Studierende leben, die hier als Assistenzgeber ihre Nachbarn unterstützen.

Um die inklusiven Prozesse zu bündeln und voranzutreiben, wurde in Vauban Ende letzten Jahres das Projekt Bündnis Inklusion lokal aktiv (BILA) gestartet, gefördert von der Aktion Mensch und getragen vom inklusiven Kinderabenteuerhof, einer Einrichtung für offene Kinder- und Jugendarbeit, sowie vom Stadtteilverein Vauban und der Lebenshilfe als Gesamtprojektträger. BILA kümmert sich mit einer Koordinations- und Anlaufstelle vor Ort unter anderem um die individuelle Beratung und Begleitung von Bewohnern mit Handicap, um die Organisation von Fortbildungen ehrenamtlich und hauptamtlich Aktiver, um die Vernetzung bestehender Vereine, Initiativen und Arbeitsgruppen sowie um die Verankerung des Inklusionsgedankens mithilfe von konkreten Projekten und Öffentlichkeitsarbeit. Norbert Köthnig, Geschäftsführer der Lebenshilfe in Freiburg, meint: „Wenn die Mitbürger erleben, wie gut hier etwa Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung ins Gemeinwesen eingebunden sind, verbreitet sich der Inklusionsgedanke zudem ganz automatisch.“

die Baupiloten BDA, Berlin , MENSCHEN. das magazin

Krefeld

Projekt Urbane Nachbarschaft Samtweberei Krefeld
Träger Urbande Nachbarschaft Samtweberei gGmbH (UNS)
Projektbeginn Februar 2014
Kontakt www.samtweberviertel.de

Feine Körnung unterschiedlicher Menschen

Auch im Krefelder Samtweberviertel gab und gibt es eine Reihe engagierter Bürger und Initiativen, die sich ums Gemeinwohl kümmern. In Bewohnerbefragungen und Bürgerwerkstätten wurden auch sie von Beginn an in den Veränderungsprozess des Quartiers einbezogen. Ansonsten gibt es eher wenige Parallelen zu Vauban: Das Samtweberviertel ist ein altes Gründerzeitquartier in Bahnhofsnähe. Hier leben alteingesessene Krefelder, Migranten aller Generationen, Studenten, Künstler und Lebenskünstler, Menschen mit gutem Einkommen und Transferempfänger. Die Mieten sind billig, die Bausubstanz vielfach sanierungsbedürftig. Mittendrin liegen die Gebäude einer stillgelegten Samtweberei.

Im letzten Jahr hat die Montag Stiftung Urbane Räume eine gemeinnützige Projektgesellschaft gegründet und das ehemalige Fabrikgelände in Erbpacht auf 60 Jahre von der Stadt übernommen. Sie will hier Wohn- und Arbeitsraum für alte und junge Menschen mit und ohne Behinderung, für Kreative und Engagierte schaffen. Etwa 200 Menschen sollen hier leben und arbeiten. Es wird bezahlbaren, teils barrierefreien Wohnraum geben sowie barrierefreie Räume für Kultur und Stadtteilinitiativen. Das „Pionierhaus“, ehemals Verwaltungsgebäude, wurde vorab nur provisorisch renoviert und als Erstes fertig. Junge Kreative konnten sich hier zu extrem günstigen Mieten Büros, Ateliers und Projekträume einrichten. Dafür leisten sie im Projekt „Halbe Miete für das Viertel“ Gemeinwohlstunden für den Stadtteil.

Ins Torhaus am Eingang zum Gebäudekomplex wird ein Café der Lebenshilfe einziehen. Henry Beierlorzer, Geschäftsführer der gemeinnützigen Projektgesellschaft ­„Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH“, erklärt: „Wir wollten die Themen Mischung und Inklusion ernst nehmen, in dem Sinne: feine Körnung und ganz unterschiedliche Menschen, Nutzer, Aktivitäten zusammenzubringen“, und fügt hinzu: „Aber, und das ist der springende Punkt: Diese Immobilie muss auch Geld verdienen, und zwar auf Dauer, um nachhaltig die überschüssigen Renditen immer wieder in die Gemeinwesenarbeit im Stadtteil zu reinvestieren und damit in die Köpfe und die sozialen Prozesse zu integrieren. Das ist die Grundstrategie.“ Wenn alles so läuft, wie die Projektmacher sich das wünschen, wird von diesem Grundstück bald ein entscheidender Impuls für die soziale und kulturelle Stärkung des gesamten Viertels ausgehen.

Barros & Barros/gettyimages, MENSCHEN. das magazin

Gütersloh

Projekt Inklusives Gemeinwesen Kreis Gütersloh
Träger Kreis Gütersloh und wertkreis Gütersloh
Projektbeginn Juli 2011
Kontakt ,
Abteilung Soziales

Im Unterschied zum Samtweberviertel, wo ein privater Investor als Impulsgeber und Koordinator fungiert, geht in Gütersloh die Initiative zur Verankerung von Inklusion im sozialen Raum von der Kreispolitik aus. Ein Kreis mit 13 Kommunen soll in allen Lebensfeldern – Bauen und Wohnen, Arbeit und Bildung, Stadtentwicklung und Mobilität, Freizeit, Kultur, Sport sowie Gesundheit und Pflege – inklusiv werden. Es gilt, eine barrierefreie öffentliche Infrastruktur sicherzustellen sowie Akteure und Öffentlichkeit für Inklusion zu sensibilisieren. Anfang 2013 wurde ein detailreicher „Strategieentwurf für den Aktionsplan Inklusives Gemeinwesen Kreis Gütersloh“ vorgelegt, in dessen Zentrum ein Maßnahmenkatalog in Form eines Linienfahrplans stand. Jedem ­Lebensfeld wurde eine Linie zugeordnet. Für das Jahr 2014 wurde festgesetzt, mindestens zwei „Haltestellen“ jeder ­„Linie“ anzusteuern.

Im Lebensfeld „Stadtentwicklung und Mobilität“ gehörte dazu die Erstellung eines Haltestellenkatasters, um herauszufinden, in welcher Priorität Haltestellen barrierefrei umgestaltet werden sollen. Im Lebensfeld „Arbeit und Beschäftigung“ sollte unter anderem die Kampagne „Inklusive Betriebe im Kreis Gütersloh“ entwickelt werden. Judith Schmitz, Abteilungsleiterin Soziales bei der Kreisverwaltung Gütersloh: „Es werden auch Quartierspaziergänge durchgeführt, um im Anschluss daran die Beseitigung der Barrieren nach Prioritäten umzusetzen.“ Für Anregungen aus der Bürgerschaft hat man stets ein offenes Ohr. Etwa für Elterninitiativen, die für ihre fast erwachsenen Kinder mit geistiger Behinderung in einigen der beteiligten Kommunen Angebote für selbstständiges Wohnen vermissten. Judith Schmitz: „Das war einer der Fälle, wo wir als Kreis zuständig sind, aber die jeweilige Kommune ebenfalls gefordert ist. Zu einer sinnvollen Lösung kommt es nur, wenn alle das Thema aufgreifen.“

Wien

Projekt aspern Die Seestadt Wiens
Träger Wien 3420 Aspern Development AG
Projektbeginn 2007 Beschluss des Masterplans im Wiener Gemeinderat
2010 Aushub des Sees
Kontakt www.wien3420.at

Bereits bestehende Strukturen zu verändern, erfordert eine andere Strategie, als neue Strukturen zu schaffen. Letzteres geschieht derzeit in Österreich. Auf dem Gelände des ehemaligen Flugfelds Aspern vor den Toren Wiens entsteht Europas größtes, derartiges Bauprojekt, ein völlig neuer Stadtteil mit schulischen Einrichtungen, Kinderbetreuung, Familienberatung, kirchlichen Zentren, diversen Unternehmen, Einkaufsstraßen, Restaurants, Kino, Kunstsalon und Ärztezentrum: die Seestadt Aspern. Seestadt heißt das Projekt deshalb, weil der erste Spatenstich vor fünf Jahren der Aushebung eines Sees galt. Als Investoren fungieren sowohl die Stadt als auch private Akteure. „Das Thema Barrierefreiheit und Inklusion war von Beginn an ein wichtiges Thema in der Seestadt“, so Projektmanager Stefan Stiglbauer. „Wir werden unter anderem eine heilpädagogische Gruppe und zwei Integrationskindergärten haben. Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, also niedrige Gehsteigkanten, Rampen für Rollstuhlfahrer, Blindenleitsysteme, ist Standard.“ Mit Wien Work, einem Unternehmen der Sozialwirtschaft, das Arbeitsplätze schafft und vermittelt für Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und für Langzeitarbeitslose, wird zudem einer der größten Arbeitgeber Österreichs im sozialen Bereich nach Seestadt Aspern ziehen. Das gemeinnützige Unternehmen soll den Seestädtern viele Dienstleistungen bieten, darunter eine Wäscherei, einen Botendienst, eine Tischlerei, eine Reparaturwerkstatt für Leihfahrräder und E-Bikes sowie einen umweltfreundlichen Lieferservice für Lebensmittel.

Derzeit leben in der Seestadt Aspern erst rund 1.000 Menschen, die Pioniere. Eine von ihnen, Barbara Goesch, wohnt mit ihrer Lebensgefährtin und ihrer hoch betagten Mutter in der Seestadt Aspern. Sie hat nicht so sehr der günstige Preis, sondern eher das Konzept gelockt. „Man hat das Gefühl, hier will man etwas besser machen.“ In 15 Jahren soll es hier 20.000 Bewohner aller sozialer Schichten und ebenso viele Beschäftigte geben. Wie flexibel besondere Bedürfnisse schon jetzt im Baustellenstatus geregelt werden, zeigt das Beispiel der blinden Pionierin Angela Engel. Für sie hat das Stadtteilmanagement kurzerhand ein Blindenleitsystem von der U-Bahn-Station bis zu ihrer Wohnung erstellt: mit haptischen Linien und Blumentöpfen. Angela Engel: „Seit Oktober 2014 wohne ich in der Seestadt. Als erste blinde Seestädterin weiß ich nie, welche neuen Überraschungen mich täglich auf der Baustelle erwarten. So ändern sich mal die Querungen über die Sonnenallee oder es verschieben sich die öffentlichen Wege und Zugänge zu meiner Wohnung. Es hat sich jedoch ganz von selbst ergeben, dass mich die Bauarbeiter und Bauarbeiterinnen spontan unterstützen und mich über schwierige Passagen begleiten. Das erzeugt am Morgen gleich einmal gute Stimmung für alle Beteiligten, weil man ein wenig miteinander spricht und sich einen schönen Tag wünscht. Die Rollbahn kann ich mittlerweile selbständig überqueren, da Jugendliche aus dem Projekt Greenlab ein temporäres taktiles Leitsystem hergestellt haben. Das ist echt gute Arbeit, danke dafür!“


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