„Es bleibt noch viel zu tun“

In 50 Jahren wurde viel erreicht, meint Renate ­Geifrig. Aber Menschen mit Behinderung müssten noch viel stärker selbst ­entscheiden können.

Von Renate Geifrig

Möchten Sie ein „Sorgenkind“ sein? Bestimmt nicht. Als Sorgenkind fühlt man sich klein, unfähig und wertlos, man schämt sich und traut sich nichts zu. Die Aktion Sorgenkind war deshalb für mich und meine behinderten Freunde eine Diffamierung. Als die Aktion Sorgenkind zu Hochform auflief, versuchte ich gerade in der Pubertät als Mädchen im Rollstuhl meine eigene Identität zu finden. Als junge Erwachsene nahm ich im „Münchner Crüppel Cabaret“ – einer Gruppe aus behinderten und nicht behinderten Mitgliedern – die Aktion ­Sorgenkind kabarettistisch aufs Korn. Wir wehrten uns mit schwarzem Humor.

Das war die eine ­Seite. Die andere Seite war, dass ich nie hätte studieren können, nie wirklich selbstständig geworden wäre, ohne die Unterstützung der Aktion Sorgenkind. Eines der ersten Projekte, die von ihr gefördert wurden, war das Rehabilitationszentrum „Pfennig­parade“ in München. 1969 zog ich mit meiner Familie dort ein. In meiner Geburtsstadt Penzberg war die Real­schule im zweiten Stock eines Ge­bäudes ohne Aufzug untergebracht – mit dem Rollstuhl unmöglich zu bewältigen. Unsere Wohnung im Hochparterre hatte ich selbst­ständig nicht verlassen können. Die „Pfennigparade“ war für mich also das „Tor zur Freiheit“.

Um ein normales Leben führen zu können, mussten ich und andere die „Sorgenkind-­Rolle“ spielen. Irgendwann war es genug! Menschen mit Behinderung fingen an aufzubegehren. Schließlich kam es zur Umbenennung in Aktion Mensch. Sehr gut! Menschen sind wir alle. Aber wir waren misstrauisch. Würde sich denn auch der Inhalt ändern oder nur die Verpackung? Mal ehrlich – wer bestimmt, was in der Behindertenpolitik gemacht wird oder wie ein selbstbestimmtes Leben für Behinderte auszusehen hat? Die wenigsten „Bestimmer“ wissen, wie sich eine Behinderung anfühlt und wie sie das Leben beeinflusst.

Die Aktion Mensch macht heute wirklich einiges anders. Es werden Projekte unterstützt, die von Menschen mit Behinderung selbst aufgebaut und durch­geführt werden und tatsächlich die Selbstbestimmung fördern. Das Image, das die Aktion Mensch von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen ­Behinderungen befördert, trägt dazu bei, uns als ­aktive, fähige und kreative Mitmenschen wahr­zunehmen. Man merkt, dass Inklusion nicht nur ein Wort bleiben soll.

Gleichzeitig bleibt aber noch viel zu tun. Um der Selbstbestimmung dienen zu können, sollten sich etwa Heime selbst überflüssig machen, was leider noch nicht der Fall ist. Ändern aber kann sich nur etwas, wenn Menschen mit Behinderung mitentscheiden.
13 Prozent der Mitarbeiter der Aktion Mensch sind selbst behindert. Im Vergleich zur allgemeinen Arbeitssituation ist das schon ganz gut. Reicht aber nicht. Wenn es 40 Prozent sind, haben wir wirklich viel erreicht!


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