Meine Mutter ist gehörlos

Hörende und Gehörlose verstehen sich nicht? Stimmt nicht, finden Lisa Ulrich und ihre gehörlose Mutter Susanne Bindernagel. Sie erzählen, was ihre Familie anderen voraushat.
 

Protokolle
Beate Schwarz

Susanne Bindernagel

Die 47-Jährige ist kaufmännische Angestellte.
 

„Lisa ist zweisprachig aufgewachsen. Wenn ich mit ihr alleine war, habe ich gebärdet, und sie hat dann von sich aus damit begonnen. Ich habe auch laut gesprochen. Ich selbst musste als Kind Lautsprache lernen. Unsere Lehrer haben den Eltern gesagt, sie sollten auch zu Hause nur Lautsprache verwenden. Das war sehr anstrengend für mich.

Als klar war, dass Lisa hörend ist, hat mir das keine Angst gemacht. Meine Eltern, die hörend sind, haben viel mit ihr gesprochen. Mit den Lehrern von Lisa oder anderen Eltern gab es nie Probleme. Ich habe immer klargemacht, dass ich gehörlos bin und dass mein Gegenüber langsam sprechen soll. Bei Gesprächen unter vier Augen ging das gut. Und wenn ich wusste, da ist eine größere Runde, ein Elternabend zum Beispiel, wo ich etwas sagen möchte, habe ich eben einen Dolmetscher mitgenommen. Lisas Vater und ich hatten immer Kontakt zu hörenden Eltern, wir waren immer voll akzeptiert und sind eingeladen worden zu Ausflügen und Aufführungen. Wenn zum Beispiel bei einer Schulaufführung Musik gespielt wurde, hat Lisa oft spontan übersetzt.

Es ist wichtig, dass man Kontakt sucht, sich mit den Augen trifft.
 

Durch meine Kinder habe ich einiges aus der Welt der Hörenden entdeckt. Musik zum Beispiel oder Sprichwörter, die gibt es in der Gebärdenwelt ja nicht. Und manchmal war es sehr hilfreich, dass Lisa hört: Wenn mal etwas umfiel, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht (lacht). Die ­Kommunikation mit Hörenden außerhalb der Familie ist für mich durch die neuen Medien natürlich viel einfacher geworden. Ich weiß noch, wie ich mich gefreut habe, als das erste Fax kam.

Auch Hörende, die ein gehörloses Kind bekommen, müssen keine Angst haben. Es gibt gute Unterstützung. Es ist wichtig, dass man Kontakt sucht, sich mit den Augen trifft. Mit Lisa habe ich immer guten Kontakt gehabt. Es ist wunderbar, was wir uns aufgebaut haben. Ein schönes Leben.“

Lisa Ulrich

Die 24-Jährige arbeitet als Gebärdensprachdolmetscherin.
 

„Meine Eltern haben mir nie gesagt: ‚So, jetzt übersetz mal.‘ Wenn ich das getan habe, dann, weil es mir Spaß gemacht hat oder es sich spontan ergeben hat. Zu Hause gebärden wir nur. Das ist einfach viel natürlicher für uns und jeder versteht alles.

Gebärdensprache ist eine sehr liebevolle Sprache. Man hat mehr Augenkontakt, im Gesicht passiert mehr als bei Hörenden. Dadurch kann man viel mehr Gefühle weitergeben und ist intensiver miteinander. Gehörlose sind Augenmenschen, die schauen immer, wie es dem anderen geht. Durch das Gebärden sind wir in der Familie eng verbunden.

Für meine Mutter sind Licht und Farben wichtig, und sie hat mich immer darauf aufmerksam gemacht. Farben nehme ich heute bewusster wahr als die meisten meiner hörenden Freunde. Für mich persönlich ist Musik sehr wichtig. Als Kind habe ich viel getanzt und die Musik dann mitgebärdet, und es war schön für meine Mutter, zu sehen, was die Musik für mich bedeutet. Der Kontakt zu Gehörlosen hat mich stark gemacht. Andere Menschen wussten wenig darüber, aber ich kannte mich da aus. Schulfreunden habe ich einfache Gesten beigebracht, das fanden sie toll.

Ich finde es super, wenn die hörende und die gehörlose Welt ineinandergehen.

Ich erinnere mich, dass wir in der Schule einmal über Menschen mit Behinderung gesprochen haben. Die Lehrerin zählte Behinderungen auf, und darunter war auch Gehörlosigkeit. Da war ich total aufgebracht und dachte: Meine Eltern behindert?!? Auf keinen Fall! Meine Eltern sind doch ganz normal!

Dass meine Mutter gehörlos ist, bedeutet nicht, dass sie sich deshalb leicht austricksen lässt. Einmal haben mir Freundinnen vorgeschlagen, wir könnten uns nachts draußen treffen. Ich sollte mich aus der Wohnung schleichen, weil die Eltern ja nichts hören würden. Ich habe gesagt, na ja, das ist nicht so, meine Mama merkt das sofort. Dann habe ich es doch probiert. Ich war noch im Flur, als meine Mama vor mir stand und fragte: ‚Wo willst du denn hin!?‘ (lacht).

Es gibt Hörende, die nicht darüber sprechen möchten, dass ihre Eltern gehörlos sind. Bei mir ist das ganz anders. Ich finde es super, wenn die hörende und die gehörlose Welt ineinandergehen. Gebärdensprache ist meine zweite Sprache, ich bin damit aufgewachsen und fühle mich damit wohl. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man alles schaffen kann.“


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